Rezension: Belletristik

Unruhe im Familiengrab

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So lange sie jung sind, schreiben die Schriftsteller von jungen Liebenden. In dem Maß, wie sie altern, altern die Liebespaare mit. Wenn die Schriftsteller es gut machen, dann folgen ihnen auch jüngere Leser gern. "Die Liebe in den Zeiten der Cholera" von García Márquez ist ein ergötzlicher Liebesroman für Leser aller Altersstufen, obwohl das sich endlich findende Paar um die siebzig ist.

Wie alt die "einzig Wahre" des achtzigjährigen Nobelpreisträgers Saul Bellow ist, läßt sich nicht genau angeben. Sie hat mehrere Ehen und Liebschaften hinter sich, ist Mutter erwachsener Kinder, und der aufmerksame Leser wird sie auf ungefähr sechzig einschätzen. Da die erste Begegnung in der Schule stattfindet, dürfte der Ich-Erzähler Harry Trellmann ungefähr ebenso alt sein. Auch er hat manches hinter sich, eine ganze Geschäftskarriere mit jahrelangen Aufenthalten in Asien und Guatemala. Aber in Liebessachen war er, wenn man seiner Aussage trauen darf, enthaltsam, immer nur auf seine Amy fixiert. Erst nach all seinen und ihren Erfahrungen ist die Zeit für ihn reif, erst jetzt kann er seine Chance wahrnehmen. Die Geschichte seiner langwierigen Annäherung an die Geliebte, zu deren Episoden immerhin ein Kuß auf die Innenseite ihres Oberschenkels gehört, endet erst auf der allerletzten Seite mit seinem Heiratsantrag und bricht dann effektvoll ab. Der Leser hat gute Gründe, zu vermuten, daß der Antrag angenommen wird.

In der deutschen Übersetzung wird das Buch als Novelle ausgegeben. Darunter darf sich der Leser aber keineswegs etwas vorstellen, was man ihm im Gymnasium beigebracht hat, eine eigentümliche Begebenheit mit Zentralsymbol und dramatischem Höhepunkt. In der empirischen Tradition der anglo-amerikanischen Erzählkunst handelt es sich lediglich um eine Erzählung mittlerer Länge ohne straffes Gerüst. Die Handlung, sofern von einer solchen überhaupt die Rede sein kann, läuft ohne Steigerungen eher banal ab, das Notwendige wird dem Leser als eine Art Gesellschaftsklatsch mitgeteilt. Das Bellowsche daran ist neben dem vertrauten Chicago und dem jüdischen Milieu das Außenseitertum des Ich-Erzählers. Obwohl seine Eltern leben, wird er in ein Waisenhaus gesteckt und in der Schule als Waisenkind behandelt. Sein asiatisches Aussehen und eine tiefere Sensibilität vergrößern die Kluft zu den anderen. In jüngeren Jahren scheint er vor krummen Geschäften nicht zurückgeschreckt zu sein, dennoch sticht er von den materiell gesinnten Geschäftemachern, Damen der Sozietät und Rechtsanwälten, mit denen er Umgang pflegt, durch eine feinere Beobachtungsgabe, Intellektualität und Kunstverständnis ab. Wir bekommen Einblick in eine Welt, deren Seichtheit und moralische Fragwürdigkeit durch groteske Mittel deutlich gemacht werden. Duschen zu dritt ist noch das geringste. Eine der eingeführten Figuren kauft dem Schwiegervater dessen Platz im Familiengrab ab, so daß er neben seiner Schwiegermutter zu liegen kommt und exhumiert werden muß, um dem ursprünglichen Besitzer seine angestammte Lagerstatt wieder freizugeben. Bei Lebzeiten läßt dieser unter dem Bett seiner Frau ein Abhörgerät anbringen, um mit Hilfe der aufgezeichneten Lustgeräusche günstigere Scheidungsbedingungen zu erzielen. Das Tonband spielt er nicht nur dem Richter vor, sondern jedem Bekannten, der bereit ist, es anzuhören.

Ebenso absurd ist die Geschichte einer Ehefrau, die ins Zuchthaus kommt, weil sie einen "Killer angeheuert" hat, um ihren Gatten umbringen zu lassen, und nach dem Absitzen ihrer Haft von diesem zum zweitenmal geheiratet wird. Die Geschäfte einer Nebengestalt werden so beschrieben: "Früher hatte er Wasserpistolen hergestellt, Blasrohre, aufziehbare Affenmädchen, die sich das Affenhaar kämmten und dabei mit einem Handspiegel wackelten - heutzutage wollten die Kinder natürlich häßliche Außerirdische mit verzerrten Körpern und monströsen Muskeln." In solchen Nachsätzen gibt sich Bellows konservative Gesellschaftskritik zu erkennen. Daß sein zu tieferen Gefühlen fähiger Liebhaber zu seinem Lohn und nach Jahrzehnten der Liebesbeharrlichkeit als etwas überalterter Galan doch noch zu seinem Ziel kommt, kann man zu den grotesk-ironischen Elementen zählen oder als Saul Bellows Hoffnungsschimmer in einer postmodernen Welt werten, die in Geschäfts- wie Liebesbedingungen der Orientierungslosigkeit und Libertinage ausgeliefert scheint. EGON SCHWARZ

Saul Bellow: "Die einzig Wahre". Eine Novelle. Aus dem Amerikanischen übersetzt von Helga Pfetsch. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 1998. 105 S., geb., 29,80 DM.

Die einzig Wahre

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17.04.1998, Nr. 89 / Seite 36
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