Rezension: Belletristik

Von der friedlichen Nutzung des Schneidezahns beim Löwen

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Jede gute Fabel hat einen Körper und eine Seele, sagt La Fontaine. Den Körper bilden die Verse, die sind vergänglich und können vergessen werden. Die Seele aber ist die moralische Devise. Sie muß nicht wahr oder gut sein, nur geläufig. Sie ist nicht vom Dichter zu erfinden, sondern war schon immer da und gilt, vom Volksmund weitererzählt, für und für. Peter Hacks hat für seine Geschichte vom musikalischen Nashorn gleich zwei Devisen dieser Art zusammengebunden: "Tiere sind die besseren Menschen" und "Böse Menschen haben keine Lieder". Beides ist nachgewiesenermaßen falsch und höchstens noch als fromme Seele für eine Fabel zu gebrauchen. Diese nun hat hier ein feingewirktes Körperkleid aus Endreimen und geht so: Ein Nashorn lernt Haydn-Konzerte auf seinem Horn zu musizieren und bringt den Löwen bei, auf Kämmen blasend zu akkompagnieren. Fortan herrscht Friede: "Kein Löwe je noch Festres fraß / Als Erbsmus oder Ananas". Denn merke: "Der Schneidezahn, der Kunst bestimmt / Zu leicht im Kriege Schaden nimmt." Hier also ist erreicht, was weder die rund tausend Musikschulen in Deutschland noch weltweit Yehudi Menuhin mit seiner Geige je geschafft haben. Hier ist Utopia. Aber hier wird auch das La Fontainesche Fabelgesetz widerlegt. Unvergänglich und über jeden Zweifel erhaben ist an dieser Geschichte nämlich nicht die Moralseele, sondern der Versekörper. Es sind Reime darin, die sich schon beim ersten, halblauten Vorlesen in geflügelte Worte verwandeln. Daß das Verbessern von Mensch, Tier und Welt nicht so billig zu haben ist, wissen auch der Dichter und sein Illustrator. Der eine taucht die Message in milde Ironie, der andere die utopische Landschaft in dämmerndes Zwielicht. "Malvenblauer Mondenschatten" liegt über der Herde, im "apfelroten Abendschein" tutet das Horn. Endlich ist der begabte Zeichner Stefan Slupetzky auf einen zu seinen fließend getuschten Schattenspielen und seinem comicscharfen Strich passenden Texter gestoßen. "Ich kämpfe, sprach der Musikus / Nicht weil ich möchte, weil ich muß", reimt Hacks. Traurig legt Slupetzky dazu den Hintern des Weltverbesserers in Falten.

Eleonore Büning

Peter Hacks: "Das musikalische Nashorn". Mit Illustrationen von Stefan Slupetzky. Middelhauve Verlag, München 1998. 36 S., geb., 24,80 DM. Ab 4 J.

Das musikalische Nashorn

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25.07.1998, Nr. 170 / Seite IV
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