Rezension: Belletristik

Weltekel in der Straßenbahn

Von Karl-Markus Gauss
 - 12:00

Imre Kertész, der Auschwitz und Buchenwald überlebte und im Überleben die "unüberwindliche Schande der Selbsterhaltung" fand, hat eindringlich die Zäsur markiert, die Auschwitz für die Menschheitsgeschichte bedeutet. "Die moderne Mythologie beginnt mit einem gigantischen Negativum: Gott hat die Welt erschaffen, der Mensch hat Auschwitz erschaffen." Als "unverbesserliches Kind von Diktaturen" ist er dem Konzentrationslager in den Stalinismus entronnen und im Ungarn des realen Sozialismus dem gemütlichen, alltäglichen Antisemitismus begegnet. Zwar empfindet Kertész seine prekäre Situation als Qual, doch schöpft er aus ihr auch alle seine Kräfte: "Mein Gebrandmarktsein ist meine Krankheit, zugleich aber der Garant, das Dopingmittel meiner Vitalität, daraus beziehe ich meine Inspiration, wenn ich jäh und mit einem verrückten Aufschrei, als hätte ich einen Anfall erlitten, vom Sein zum Schreiben überwechsle."

Nach dem "Galeerentagebuch" (1992) legt Kertész, der spät ins Deutsche übersetzt, dann aber rasch berühmt wurde, jetzt sein zweites Journal vor. Das Ich hat den Zimmerkerker verlassen, als den der verpönte Autor die Jahre des Kádár-Regimes empfand. "Ich - ein anderer" ist schon fast ein road movie, so rasant wechseln darin die europäischen Schauplätze. Vom Herbst 1991 bis zum Sommer 1995 ist der Bogen dieser Aufzeichnungen gespannt. Sie dokumentieren eine neue Existenzweise für den Autor: reisen zu dürfen, Städte wie Paris, Amsterdam, München, Hamburg sehen zu können, und Kertész, häufig eingeladen zu Dichterlesungen und Tagungen, verfällt der ungewohnten Reisefreiheit so sehr, daß er nur noch drei Monate im Jahr in Budapest ist und paradoxerweise resümieren muß: "Ich lebe wie ein Flüchtling." Das Schmerzend-Faszinierende seiner Chronik von unterwegs sind die Reflexionen, die der Rastlose über Terror, Totalitarismus, Entwürdigung anstellt, und bestürzend ist es zu lesen, wie unerbittlich sich selbst gegenüber er darauf verzichtet, dem Terror, dem Totalitarismus, der Entwürdigung einen höheren, womöglich tröstenden Sinn abzugewinnen. Ich ist ein anderer, die Formel Rimbauds, in das Eingangsportal zur Moderne geschrieben, erfüllt sich für den Überlebenden als die Unfähigkeit, zwischen sich und seinem Schicksal noch einen Zusammenhang herzustellen.

So reist dieses Ich von einer Stadt in die andere, von einer Lesung zur nächsten, doch kaum einmal findet Kertész zu jenen Momenten wenn nicht des Glücks, so doch des Staunens oder wenigstens des Interesses, um derenthalben man doch reist. Nein, so sehr interessieren ihn diese unbekannten Städte gar nicht, in denen es ohnehin meist regnet, diese Begegnungen mit den Lesern, die einen fortwährend mißverstehen, diese Auftritte bei Tagungen, die ihm nichts als "albern" erscheinen. Und klagt er zu Beginn darüber, daß Wien seit 1989, als die Grenzen geöffnet wurden, "deutlich heruntergekommen ist" - eine Diagnose, die in Österreich die Ausländerfeinde schon lange getroffen haben -, so kritisiert er später nicht zu Unrecht, daß die Europäer zweiter Klasse, jene nämlich, die aus dem Osten kommen, aus dem Europa des Wohlstands neuerlich ausgesperrt werden.

Nicht solche Widersprüche jedoch machen die Lektüre dieses Buches bisweilen zum verstörenden Erlebnis, sondern daß hier ganz Verschiedenes, das Konzentrationslager und das schlechte Wetter, gleichermaßen in den Sog des Erzählens und Reflektierens gerät. So schreibt Kertész im einen Absatz über Auschwitz und im nächsten mit Degout von der "ameisenhaft wimmelnden Menge" oder kultiviert seinen Ekel in der Straßenbahn vor der allzu aufdringlich dünstenden Körperlichkeit der Leute: "Die drückende Hitze, die wahnsinnigen, stumpfen oder brutalen Gesichter, die junge Frau mit hochgerutschtem Rock, die kokett ihre Lippen befeuchtet, wobei ihre leicht violette Zunge einem aufgequollenen Blutegel gleicht."

Das erinnert an Gottfried Benn und manchen Herrenreiter des Weltekels. Aber warum sollte der Ekel des Sozialen ausgerechnet dem nicht zugebilligt werden, der durch die Hölle gegangen ist? Nein, es ist nicht zulässig, just vom Opfer zu verlangen, daß es sich nur die edleren Gefühle gestattet. Sowenig Imre Kertész, der Überwältigte, "Bewältigungsliteratur" schreibt, so wenig ist es ihm um Erbauungsprosa zu tun; sein Denken gewährt keinen Trost, sein Schreiben nur den Aufschub - dieser Autor irritiert, auch wo man sich lesend gegen seine gleichmacherische Suada behaupten zu müssen glaubt.

Imre Kertesz: "Ich - ein anderer". Roman. Aus dem Ungarischen übersetzt von Ilma Rakusa. Rowohlt Berlin, Berlin 1998. 128 S., geb., 29,80 DM.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 06.05.1998, Nr. 104 / Seite 42
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