Rezension: Belletristik

Wenn die Deutschen kommen

 - 12:00

Auf Seite einhundertsieben kommen die Deutschen, ein schwaches Dröhnen zunächst, lauter werdend, Motorräder mit Maschinenpistolen, schließlich ein Dröhnen, das alles verschlingt. Die Ich-Erzählerin von Per Pettersons Roman beobachtet das alles zusammen mit ihrem Bruder Jesper von einem Versteck aus. Sie ist vierzehneinhalb, wir befinden uns im Norden Dänemarks, und als Leser wissen wir: Jetzt wird es ernst. Denn auf den ersten hundert Seiten dieses langsam erzählten und aus Bildern komponierten Buches ist noch kaum zu ahnen, wohin das alles will. Man liest von der Kindheit der Erzählerin, vom Leben mit ihrem Bruder, und obwohl auch hier mit erschreckenden Szenen nicht gespart wird, erscheint es einem doch so, als befände man sich in einem Buch von Astrid Lindgren, wo man Fahrrad fährt, immerfort die gute Seeluft riecht und der Großvater dann und wann in den Dorfkrug geht. Es sind Szenen aus der dänischen Provinz, ohne Verklärung skizziert, ohne jede idyllische Beigabe, aber als erfahrener Astrid-Lindgren-Leser kann man einfach nicht anders, man liest hier nur "Norden".

Hundert Seiten dänische Kindheit sind eine Menge, besonders wenn der Vater nun auch noch Schreiner ist und die Mutter eine Frömmlerin, und erst recht, wenn die Familie später ein Milchgeschäft betreibt und das Fahrrad zu endlosen Fahrten, auf denen die Milchflaschen ausgetragen werden, herausgeholt werden kann. In alles schleicht sich wie eine Seuche der puren Benennung eine Art von Heimeligkeit ein, manche Häuser sind gelb und die Mädchenhaare lang, und Onkel Nils sitzt auf der Straße vor der Haustür.

Und obwohl Großvater sich dann aufhängt, einfach so, ändert das doch wenig an der Heimeligkeit, es ist beinahe so, als gehörte es sich in diesem tiefen Frieden. Großvater erhängt sich also, und es ist wie eine kleine, winzige Moll-Stelle in einem langen, pianoverhangenen Streicher-Stück von Edvard Grieg. So ist das, man liest gegen lauter Klischees an, gegen Astrid Lindgren und Edvard Grieg, und man bekommt den Kopf einfach nicht frei für dieses nördliche Dänemark kurz bevor die Deutschen kommen.

Für den Roman von Per Petterson ist es also beinahe ein Segen, man muss das so sagen und den Zynismus ertragen. Auf den ersten hundert Seiten hatte Petterson sich nämlich zwei schwierige Aufgaben auf einmal gestellt: aus der Perspektive eines jungen Mädchens zu erzählen und aus einer Zeit, die er selbst (1952 in Oslo geboren) nicht erlebt hat. Die erste Aufgabe bewältigt er, indem er seiner Ich-Erzählerin den Bruder Jesper an die Seite gibt. Jesper ist für das junge Mädchen so etwas wie ein Idol; er ist der Schwarm ihrer Freundinnen, ein lakonischer, auf der Seite des Gerechten stehender Kerl, und er ist manchmal schon ein richtiges Mannsbild, gerade dann, wenn der Vater in dieser Rolle versagt. Im Blick auf Jesper reift das junge Mädchen, ohne es zu ahnen; sie entfernt sich innerlich von den Eltern, und sie nimmt Züge erster Selbstständigkeit an.

Auch die zweite Aufgabe bewältigt Per Petterson, aber er meistert sie nicht so souverän wie die erste. Die Zeit bevor die Deutschen kommen, ist in vielem noch neunzehntes Jahrhundert, alles wirkt etwas zu ordentlich, zu geschnitzt. Die Deutschen bringen in diese altbackenen Kulissen die Unruhe, die Angst und den Schrecken. Nach außen hin verändert sich wenig, aber die Figuren stehen plötzlich auf dem Prüfstand. Jedes Wort zählt, jede Geste kann etwas verraten.

Das deutliche Zeichen der Veränderung ist die Trennung der Geschwister. Jesper wird von der Gestapo gesucht und muss mit dem Schiff fliehen, die Ich-Erzählerin bleibt alleine zurück, aber sie hat von nun an etwas von dem Widerstandswillen und der Unruhe des Bruders im Herzen.

Der dritte Teil des Romans spielt in der Nachkriegszeit, die Geschwister sind weiter getrennt, sie wissen lange nicht einmal genau, wo sich der andere aufhält. Und jetzt, man ahnt es von Seite zu Seite mehr, in dem Maß, in dem nichts mehr an Astrid Lindgren oder Edvard Grieg erinnert, jetzt wird Per Pettersons Roman zu einem ganz großen Buch, denn nun stimmen die Ingredienzen, lupenrein austariert. Auch die Ich-Erzählerin verlässt nun Dänemark, sie lebt in Schweden und später in Norwegen, ein Allerweltsleben, etwa als Angestellte in einem Café. Und doch ist alles anders, denn von nun an trägt sie die kindliche Vergangenheit mit dem Bruder wie einen Schmerz mit sich herum, Erinnerung an etwas, das sich nie wieder wird herstellen lassen.

Melancholie in so langsam erzählten Romanen kann eine sehr kitschige Erpressung sein, Per Petterson umgeht diese Gefahr, bis auf einige sehr dick aufgetragene Schlusssequenzen. Sonst aber stellt er Melancholie dadurch her, dass er die Gegenwart seiner Ich-Erzählerin so ins Bild setzt, dass unterschwellig die Vergangenheit mitschwingt. Im kleinen, nie ausgesprochenen Spalt zwischen Heute und Gestern nistet die Melancholie, und so liest man den Roman jetzt, indem man laufend die Überschneidungen spürt und sich nichts sehnlicher wünscht, als dass sie endlich zur Ruhe kämen. Die Geschwister sollen wieder zusammenkommen, sofort, alles soll so sein wie früher, wie in der Zeit bevor die Deutschen kamen - dahin will die Geschichte am Ende und auf dieses schöne, ruhige Ende treibt sie denn auch zu.

Vielleicht ist es Per Petterson an dieser Stelle unheimlich geworden. Jedenfalls setzt er zu einer rührenden und den Leser völlig in den Stuhl drückenden Schlusssequenz an. Jesper hat die Adresse seiner Schwester ausfindig gemacht, er schreibt ihr, dass er nach Hause zurückkehren will, und so macht sich auch die Erzählerin auf den Weg nach Hause, damit alles gut wird.

Die Ankunft in ihrem Heimatort, die ersten Schritte die bekannten Straßen entlang, der Gang ins Elternhaus - das alles ist von Tränen herbeizwingender Eindringlichkeit. Und dann hat Per Petterson die Flucht angetreten. Natürlich darf Jesper nicht da sein, natürlich nicht, es darf in einem solchen Roman kein Happy End geben. Und doch ist das Ende, das Per Petterson eingefallen ist, um keinen Deut besser. Denn es ist einfach nur furchtbar, ein harter, hilfloser Dramaturgieschnitt, nicht aus dem bisher so souverän Entwickelten hergeleitet, eine plumpe Umkehrung des Happy Ends, mehr sei nicht verraten, der Leser muss selbst hindurch.

Für diesen Roman der Stimmungen und Andeutungen ein Ende zu finden, das war die schwierigste Aufgabe überhaupt. Hier haben die ehernen Gesetze der Moderne, die schöne Lösungen verbieten, nur Schaden angerichtet. Weil man diesen großen Roman nicht verlassen will, nicht so, nicht so enttäuscht, ertappt man sich dabei, dass man von vorne zu lesen beginnt. Und man geht die Wege mit der Erzählerin und ihrem Vater noch einmal. Sie ist neun, und es ist Weihnachten. Raureif und nackte Pappeln. Mütze und Schal, die Hände tief in den Manteltaschen. Und man beginnt leise darum zu betteln, dass es so bleiben möge.

HANNS-JOSEF ORTHEIL.

Per Petterson: "Sehnsucht nach Sibirien". Roman. Aus dem Norwegischen übersetzt von Ina Kronenberger. Carl Hanser Verlag, München und Wien 1999. 237 S., geb., 36,- DM.

Sehnsucht nach Sibirien

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 02.10.1999, Nr. 229 / Seite 42
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenAstrid LindgrenDänemark-ReisenKulturRezension