Lutz Seilers Roman „Kruso“

Du wohnst im Geräusch

Von Lorenz Jäger
 - 17:07

Seltsames Buch. Kein vergleichbares kommt einem auf Anhieb in den Sinn. „Der Klausner“ - wann hat man dieses Wort zum letzten Mal gehört? Aus der Kindheit klingt es herauf, aber manches in diesem Roman kommt von noch weiter her, von „drüben“, und das ist nicht politisch gemeint. Kobolde und Geister und noch ganz andere Kräfte scheinen auf Hiddensee, so, wie es Lutz Seiler uns malt, im Sommer und Herbst 1989 Stammgäste gewesen zu sein. Aber Vorsicht: Dies ist kein „Wende“-Roman. Vielmehr spielt die dramatische Politik jener Monate nur als Radio-Rauschen und eben durch Geisterklänge herein.

Es gibt auch kaum einen Roman, der den unkonzentrierten Leser so leicht hinausschmeißt wie dieser. Immer dieser Abwasch im „Klausner“, den Edgar besorgen muss, immer diese festgebackenen Kaffeereste in den Tassen, immer wieder Edgars Übelkeitsanfälle. Immer wieder das Meer. Und diese komischen DDR-Dinge, deren Namen man erst googeln muss. Es hilft nichts: Man muss sich auf den Rhythmus des Romans einlassen - dann beginnt nach einer Weile seine hypnotische, fast magische Kraft zu wirken.

Ein merkwürdiger Bruder-Bund

Woher die kommt? Lutz Seiler war bisher vor allem Lyriker. Seine Sprache stammt nicht aus dem Parolenvorrat (auch nicht aus dem der „Guten“). Ist es, weil der Verfasser (wie sein Protagonist Edgar, der sein Germanistikstudium gerade abbricht) so ein inniges Verhältnis zur Dichtung von Novalis und von Georg Trakl hat? Am Anfang ist man ein wenig skeptisch. Handelt es sich bloß um bildungshuberische Zitate? Eben nicht. Etwas von diesem Tiefengeist, vom goldbraunen Schönheitsverhängnis Trakls ist - verwandelt, assimiliert, legiert, transformiert - in Seilers Erzählkunst eingewandert. Auch Nietzsche mit einem Herbstgedicht und Peter Huchel klingen herein. Lutz Seiler ist ein eminent sprachbewusster Schriftsteller, nur zweimal fand ich die unschöne Wendung „Sinn machen“, zweimal „sich anfühlen“.

Aus der Romantik kennt man Menschen, die tagtäglich Umgang mit den Dämonen pflegen. Aber auch die Dämonen werden nicht plakativ ins Bild gesetzt, Seiler gibt ihnen alle Zeit der Welt, uns ihren wahren Namen mitzuteilen. Da ist dieser Kruso, eigentlich Alexander Krusowitsch, auch „Losch“ genannt. Aus dem alten Ausflugslokal „Klausner“ hat er ein Refugium für die Gestrandeten dieses Sommers geschaffen; alle möglichen Aussteiger finden bei ihm Asyl. Es könnte ein realsozialistisches Hippie-Idyll sein. Auch Kruso hat ja ein Ohr für die Dichtung, er achtet auf Träume (Edgars Ankunft hat er vorausgeträumt); zwischen den beiden Männern bildet sich ein merkwürdiger Bruder-Bund. Wie zwischen Meister und Adept in den alten Geheimlehren üblich, prüft Kruso Edgars Hände.

Der Prophet hat alles in der Hand

Kruso ist aber mehr als eine idyllische Figur aus einer nordöstlichen schäferischen Welt. Er ist ein Guru der Freiheit. Seinen Adepten - bald nennt er sie eine „veschworene Gemeinschaft“ - predigt er die Lehren des religiösen Existentialisten Leo Schestow, auch von Gracchus Babeuf, dem ersten radikalen Gleichmacher der Französischen Revolution, von Ernst Bloch, dem utopischen Philosophen, und von Carlos Castaneda. Dieser stand zeitweise in der westlichen Boheme in höchstem Ansehen, als er Wege der Bewusstseinserweiterung aus angeblich indianischen Quellen vortrug. In der DDR mag Castaneda zeitversetzt gewirkt haben.

In einer von Edgars Aufzeichnungen steht: „Krusos Kriterien? Rimbaud sagt: Alles sei Poesie, und darin irre Losch sich nie, ,trotz moralisch dunkler Quellen‘.“ Genau das ist es. Kruso, der große Prophet der Freiheit, hat alles in der Hand. Er ordnet, wer mit wem schläft, nach einem Muster von runenähnlichen Zeichen, die er auslegt, oder unmittelbar durch die „Vergabe“, nach der bestimmt wird, welches Mädchen nachts in Edgars Zimmer kommt.

Er hat den Bestand der großen Lyrik in sich

Nicht gerade eine Manson-Family also, aber doch eine Gruppe, die vielleicht nur durch die sich überstürzenden politischen Ereignisse davon abgehalten wird, eine zu werden. Kruso ist „Meister“ - „Grit berichtete, was der Meister ihnen erklärt hatte am Strand“ -, und seine Lehre ist eine der Gemeinschaft: „Das sei die erste und manchmal auch die einzige Möglichkeit, jedenfalls für den Anfang, die Möglichkeit unmittelbarer Gemeinschaft, die an die Stelle der deformierten Verhältnisse tritt.“ Die „Schiffbrüchigen“, wie Kruso seine Leute nennt, sind „Erleuchtete“. Sie haben die „kostbare Gelegenheit, Lehre anzunehmen“.

Leute verschwinden von der Insel, es wird langsam leer. Gegenüber Hiddensee, manchmal noch erkennbar, liegt dänisches Staatsgebiet. Auf See ist die Volksmarine unterwegs, um Flüchtige abzufangen, Scheinwerfer streifen nachts über die Gegend. Man hört von solchen, die es tollkühn schwimmend versuchten, und von Schlauchbooten.

Edgar ist erkennbar ein Alter Ego des Autors. Geburtstag im Juni, im engbrüderlichen Zeichen der Zwillinge - damit beginnt’s -, aber auch Lebenslauf (Lehre beim Bau, Nationale Volksarmee.) Er hat den Bestand der großen Lyrik in sich. Und mehr noch: Seine Sprache kommt nicht vom Papier, sondern vom Atem und vom Rauschen der Umwelt. „Ich habe nichts als Rauschen“, schrieb Rudolf Borchardt, gut und gern könnte dies das Motto des Romans sein. „Du wohnst im Geräusch“, sagt Kruso einmal zu Edgar.

Das Schicksal und die Toten

Es spielen auch die schönen alten Abenteuergeschichten herein, „Schatzinsel“ und „Flusspiraten vom Mississippi“. Dann wieder, unheimlicher, guter alter Beton („Führerbeton“) oder, am Grund einer Kaffeekanne, die wie stets Edgar abwäscht, „das verbotenste Zeichen der Welt“.

Dies aber ist nur die halbe Geschichte oder nur ein Drittel. In einer Art Epilog kommt ein weiteres der Hauptmotive zu seinem Recht: das Toten-Gedenken. An jene, die es nicht nach Dänemark schafften, sondern von Schiffsschrauben zerfetzt, von Fischen gefressen wurden. Die dänische Behörde, an die Edgar sich - viel später - wendet, ist in ihrem riesenhaften labyrinthischen Bau und Wesen grandios gezeichnet; nur mühsam lässt sich der Vergleich mit Kafka vermeiden. Denn das Zwillingsschicksal von Edgar und Kruso hat auch mit den Toten zu tun, mit Edgars Freundin G., die bei einem Straßenbahnunfall ums Leben kam, und mit Sonja, Krusos Schwester, die vor der Küste verschwand. Und so zwillingshaft sind die beiden Männer, dass das einzige Bild, das sich von Sonja erhalten hat, dem andern bald wie ein Bild von G. vorkommen will.

Seltsames Buch, wie gesagt. Schön, dass es auf die Shortlist des Buchpreises gekommen ist.

Lutz Seiler: „Kruso“. Roman. Suhrkamp Verlag, Berlin 2014. 484 S., geb., 22,95 €.

Quelle: F.A.Z.
Lorenz Jäger - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Lorenz Jäger
Redakteur im Feuilleton.
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