Roman „Wie Ihr wollt“

Wie übt man für die eigene Hinrichtung?

Von Nicole Henneberg
 - 10:17

Von William Shakespeare wissen wir, wie es im Elisabethanischen Zeitalter zuging, und sein Richard III., der von Geburt an verkrüppelte König, der die Menschen hasst, weil sie ihn hassen, und der mordet, weil er nicht lieben darf, gilt als Inkarnation des bösartigen Intriganten. Als Shakespeares Drama 1593 in London uraufgeführt wurde, war Mary Grey, die ebenfalls bucklige Heldin in Inger-Maria Mahlkes Roman, schon an der Pest gestorben. Doch nicht zufällig erinnert der Titel ihres neuen Romans „Wie Ihr wollt“ an ein Shakespeare-Stück: Die eindringliche Geschichte, die hier über historische Personen erzählt wird, handelt von Macht und Ohnmacht, Unterdrückung, Selbstbehauptung und kleinen Fluchten.

Sie beginnt am 3. September 1571 in Bishopsgate nahe London, wo die damals sechsundzwanzigjährige Mary Grey auf Geheiß ihrer „nicht so lieben“ Cousine Elisabeth I. gefangen gehalten wird. Sie hatte es gewagt, gegen den Willen der jungfräulichen Königin zu heiraten. „Hab den Schuhkrieg gewonnen. Elf zu null für mich. Ellen war kampfeslustig“ - so beginnt Inger-Maria Mahlkes Erzählerin Mary ihr lakonisches, böses und spöttisches Journal, mit dem sie sich schreibend einen Platz in der Welt erkämpfen will. Denn wer, wenn nicht sie selbst, würde jemals über ihr Leben erzählen? Und über ihre Dienerin Ellen, die sie liebt wie eine Ersatzmutter und hasst wie eine Kerkermeisterin? Über ihre Schwester Jane, die immerhin neun Tage Königin war und dann auf Geheiß ihrer Gegenspielerin Maria Tudor im Tower geköpft wurde, hatte immerhin ihre Mutter geschrieben.

Wie ein kühler Forschungsbericht

Lakonisch und sachlich berichtet Mary Grey von dieser blutigen Familiengeschichte, wie ein Forscher, der sich über seine Insekten beugt und nur manchmal über deren absonderliche Kapriolen schmunzelt. Sie analysiert sich selbst, berichtet von ihrer traumatischen Jugend, von der Ablehnung durch die beiden schönen Schwestern und vom Vater, der nie mit ihr sprach. Die Autorin braucht keine Psychologie, um die Schrecken des Kindes sichtbar zu machen, es genügt die genaue Schilderung einzelner Szenen. Inger-Maria Mahlke will sich nicht in ihre Figuren einfühlen, sondern so präzise wie möglich die Verhältnisse und Oberflächen beschreiben, in die jene eingebettet sind - und das gelingt ihr grandios.

Der kühle Ton, den sie in ihrem Buch anschlägt, lässt vor unseren Augen eine Kältekammer entstehen, in der sich eine verstörte junge Frau dagegen wehrt, für ein Monster gehalten zu werden. Denn Mary Grey ist nicht nur bucklig, sondern auch kleinwüchsig, und das macht sie nicht unbedingt zu einem guten Menschen - auch wenn sie im Vergleich zu Richard III. ein Engel ist.

„Du siehst aus wie eine Raupe“, hatte ihre Lieblingsschwester gesagt. Das gefällt ihr, und bei einem der seltenen, offiziellen Essen beobachtet sie anteilnehmend die schmale, grüne Raupe, die ihren Körper zusammenzieht, zu einem Bogen hochwölbt, sich zentimeterweise auf der Tischdekoration vorwärtsschiebt, herunterfällt und sich von neuem hochkämpft.

Eindrückliche Szenen

In der Gefangenschaft versucht Mary Grey sich mit eisernen Willen selbst zu erfinden, nur Bildung und ein klarer, distanzierter Blick helfen ihr dabei. In ihrer offenen Widersprüchlichkeit und Radikalität ist sie eine eindrucksvolle, natürlich moderne Figur. Mary bellt spöttisch, wenn die Hausmädchen schreiend vor ihr flüchten, und registriert die Symptome ihres Hospitalismus: Als ihr Mann im Gefängnis stirbt, verfällt sie wie so oft, den Oberkörper schaukelnd, in einen endlosen Kindersingsang aus drei Wörtern. In einer der eindringlichsten Szenen stürzt sie sich auf ihre Dienerin, die aus der Stadt zurückkehrt, und bohrt ihre Nase in deren Mantel, um tief den Geruch der Freiheit einzuatmen. Einmal nur wagt sie einen Ausbruchsversuch: Wochenlang hatte sie gegrübelt, wie sie sich allein anziehen und aus dem Haus gelangen könnte, doch draußen kehrt sie nach wenigen Schritten um, eingeschüchtert von den fremden Blicken.

Der Roman besteht aus zwei Erzählebenen, der „Bericht“ genannten Version der Familiengeschichte, in der es um Besuche geht, um ungeliebte Familienmitglieder („Keine, die man haben wollte“), um die Dummheit ihres Vaters (die ihn den Kopf kostet) und das Märtyrerspiel mit ihrer Schwester Jane, die dann wirklich Märtyrerin wird. Das „Journal“ versammelt dagegen die „Bröckchen“ des Alltags: die unruhigen Nächte, die Kämpfe mit der Dienerin Ellen (der einzigen nicht historisch verbürgten Figur), während sie nebenbei die Lieferanten und Besucher im Hof beobachtet oder sich vorstellt, wie die letzte Frau des „gewichtigen Onkels“ (Heinrich VIII.) im Tower ihre Hinrichtung übte, was sie sehr vernünftig findet.

Es sollte kein historischer Roman werden, schreibt die Autorin in einer Nachbemerkung - sie nennt es „die literarische Aneignung eines historischen Stoffes“ und trifft es damit genau. Was würde ein unsichtbarer Zeitreisender sehen, könnte er Mary Grey in ihrem Hausarrest beobachten und ihr beim Schreiben über die Schulter schauen? Vieles würde ihm bekannt vorkommen, das „Wer-ist-am-schnellsten-beiseite-Spiel“ etwa, dessen Meister Lord Burleigh ist, Lordkanzler von Elizabeth I., der wohl zu allen Zeiten politische Karriere gemacht hätte. 1571, im letzten Jahr ihrer Gefangenschaft, entsteht ein Porträt von Mary Grey. Wir verstehen es am Ende dieser berührenden Geschichte als hart errungenen Sieg, der noch gesteigert wird durch die rote Nelke im Haar als Zeichen ihrer unglücklichen Liebe.

Inger-Maria Mahlke: „Wie Ihr wollt“. Roman. Berlin Verlag, Berlin 2015. 270 S., geb., 19,90 €.

 

Quelle: F.A.Z.
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