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Roberto Bolaño: Das Dritte Reich

Vom Kriegsspiel in die Wirklichkeit ist es nur ein kleiner Schritt

Von Ernst Osterkamp
 - 20:20
Albtraum und Wirklichkeit Bild: Hanser Verlag, F.A.Z.

Wer als Leser die endlosen Schreckenslandschaften von Roberto Bolaños nachgelassenem Monsterroman „2666“ durchmessen hat, wird nicht erwarten, dass es in seinem frühen Roman, dem er mit dem ihm eigenen Sinn für Abgründe den Titel „Das Dritte Reich“ gegeben hat, besonders beschaulich zugeht. Auch dieses Buch stammt aus Bolaños Nachlass; das Typoskript wurde 1989 abgeschlossen. Warum es zu Lebzeiten des Autors nicht zum Druck gelangte, wissen wir nicht; ob der Autor daran dachte, den Text noch einmal zu überarbeiten, ist ebenfalls ungewiss. Die Geheimnisse, die Bolaños Nachlass umwittern, bleiben für seine Leser undurchdringlich; die editorischen Notizen, die bisherige Nachlasspublikationen begleiten, sind tief unbefriedigend. Der Leser kann also nur darauf hoffen, dass die ärgerlichen Mystifikationsstrategien, die den Blick auf Bolaños Biographie trüben, sich nicht auch noch mit editorischer Inkompetenz auf Seiten seiner Nachlassverwalter verbinden.

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Ein Frühwerk wird man den Roman schwerlich nennen wollen; immerhin war der Autor bereits 36 Jahre alt, als er ihn abschloss. Interessant ist er schon deshalb, weil man ihm hier regelrecht dabei zuschauen kann, wie er sich in das Handwerk des Schreibens einübt - und Bolaño wäre nicht Bolaño, täte er dies nicht mit einer gehörigen Portion Selbstironie. Denn er hat dem Roman eine Form von besonders herber Konventionalität gegeben: diejenige des Tagebuchs. Dies Tagebuch führt ein junger Deutscher namens Udo Berger, als Schriftsteller wie Bolaño ein „Autodidakt“, um auf diesem Wege seine „angebliche schriftstellerische Unbeholfenheit“ zu überwinden. Er beginnt am ersten Tag seines Urlaubs, den er mit seiner Freundin Ingeborg in einem Badeort an der katalanischen Küste verbringt, für den vermutlich Blanes, Bolaños Wohnsitz, Modell gestanden hat. Dass Bolaño hier noch meilenweit von der schwindelerregenden Polyperspektivität entfernt ist, mit der er in seinem letzten Werk die Abgründe der Welt ausleuchtet, liegt auf der Hand.

„Wie viele haben in den Abgrund geblickt?“

Allerdings öffnen sich diese Abgründe, wie schon der Titel vermuten lässt, bereits in „Das Dritte Reich“. Als „Wandeln am Rande des Abgrunds“ hat Bolaño 1999 in seiner Rede anlässlich der Verleihung des Premio Romulo Gallegos in Caracas das Schreiben mit Blick auf seine Poesie der Gefährlichkeit bezeichnet, und es ist erstaunlich zu sehen, mit welcher Sicherheit er schon in seinem ersten Roman den Rand des Abgrunds als den magischen Ort seines Schreibens ansteuert. „Einen Baum, der über dem Abgrund hing“, notiert sich Udo Berger als das Erste, was er bei einem Ausflug gesehen hat; dieser Baum ist nicht nur das Emblem seines eigenen Schreibens, sondern zugleich dasjenige von Bolaños Selbstfindung als Autor.

Zu Beginn seines Urlaubs glaubt Udo Berger noch, „dass ich in der besten Phase meines Lebens stehe“, aber schon wenige Tage später spürt er eine Entfremdung zwischen sich und Ingeborg: „mir war, als täte sich vor meinen Füßen ein Abgrund auf“. Als ihm in der zweiten Hälfte des Romans klar wird, dass der Riss, der seine bisherige von der gegenwärtigen Existenz trennt, nicht mehr geschlossen werden kann, wütet er gegen die „Schreiberlinge“, die nicht wirklich meinen, was sie schreiben: „Wie viele haben in den Abgrund geblickt?“ Es ist der Abgrund, der in Bolaños Roman den Schriftsteller vom Spieler trennt.

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„Nazis aufhängen!“

Udo Berger ist ein Spieler, der deutsche Champion der „wargames“: Brettspiele, die auf komplizierte Weise Kriege oder Schlachten mit der Chance, den tatsächlichen historischen Verlauf zu verändern, nachspielen. Er will seinen Spanien-Urlaub dazu nutzen, um eine neue strategische Variante des hochkomplexen Spiels „Das Dritte Reich“, bei dem der Ablauf des gesamten Zweiten Weltkriegs nachgespielt werden kann, zu entwickeln und diese in einem Aufsatz darzustellen, der ihn in der internationalen Kriegsspielergemeinschaft bekannt machen soll. Während er im Hotelzimmer neue Spielzüge erprobt und Ingeborg am Strand liegt, entgleitet ihm mehr und mehr sein tatsächliches Leben, und er taucht immer tiefer in eine Atmosphäre der Angst und Beunruhigung. Die beiden befreunden sich mit einem anderen deutschen Paar, Hanna und Charly, wobei sich Charly bei nächtlichen Touren durch die Discos als exzessiver Trinker mit Neigung zur Gewalttätigkeit entpuppt; einige undurchsichtige Spanier drängen sich als Begleiter auf; vor allem aber fasziniert Udo ein auf dem Strand zwischen seinen Tretbooten hausender schweigsamer Mann, der im Roman nur „der Verbrannte“ heißt, weil sein Gesicht und muskulöser Körper von schwersten Verbrennungen gezeichnet sind.

Charly kehrt vom Surfen auf dem offenen Meer nicht zurück. Die Beziehung zwischen Udo und Ingeborg kollabiert am Ende des Urlaubs stumm, klag- und trostlos; sie reist ab, während er unter dem Vorwand bleibt, auf die Auffindung von Charlys Leiche warten zu wollen. Udo lässt sich nun auf ein erotisches Spiel mit Frau Else, der Besitzerin des Hotels, ein, ohne die Regeln dieses Spiels je zu begreifen, und scheitert dabei ebenso wie bei dem ganz großen Spiel mit der bedrohlichen Wirklichkeit, um das es ihm in Wahrheit geht: Nacht für Nacht kommt der Verbrannte, ein Neuling auf dem Gebiet der Kriegsspiele, in sein Zimmer und spielt mit Udo „Das Dritte Reich“, das mit der „Großen Vernichtung“ eines der beiden Spieler enden muss. Zug um Zug kehren sich in einem Wochen währenden Kampf die Kräfteverhältnisse um; der Verbrannte, der die Rolle der Alliierten übernommen hat, wird der Sieger sein, und es verdichten sich die Anzeichen dafür, dass dem deutschen Besiegten, in einer gefährlichen Vertauschung von Spiel und Wirklichkeit, ein schlimmes Schicksal bevorsteht. Denn der Verbrannte ist ein Lateinamerikaner, dessen Verbrennungen, wie sich aus Andeutungen erschließt, Relikte der Folter sind, weshalb für ihn der Prozess, der den Kriegsverbrechern gemacht wird, am Ende der wichtigste Akt des Spiels sein muss: „Nazis aufhängen!“ Grund genug für Udo, sich an Verse Goethes zu erinnern: „Und so lang du das nicht hast, / Dieses: Stirb und werde!“

Ein erstaunlich sicherer Erzähler

Roberto Bolaño, der ein eminenter Leser war, gibt schon in diesem frühen Buch - wie später auf staunenswerte Weise in „2666“ - seine beeindruckende Kenntnis der deutschen Literaturgeschichte zu erkennen, von der man gerne wüsste, wann und wie er sie erworben hat. Freilich setzt er auch sie sarkastisch ein. Es ist schon eine schräge Idee, Udo an der Costa Brava „Wally, die Zweiflerin“ von Karl Gutzkow lesen zu lassen. Von denkwürdiger Schrägheit aber ist Udos Überlegung, dem Verbrannten seine Lieblingsgeneräle durch Vergleiche mit deutschen Schriftstellern vorzustellen: Er möchte „ihm sagen, dass von Manstein mit Günter Grass vergleichbar ist und Rommel mit . . . Celan. Guderian ist das Gegenstück zu Jünger und von Kluge das zu Böll. Er würde es nicht verstehen. Zumindest noch nicht verstehen.“

Bereits in „Das Dritte Reich“ erweist sich Roberto Bolaño als ein Meister in der Kunst, die Wirklichkeit in genau den Albtraum zu verwandeln, für den er sie immer gehalten hat. Schon hier sind viele bildkräftige Albträume als Mikromodelle der Realität eingelagert, die für den Erzähler nur als Albtraum begreifbar war. Zwar weist „Das Dritte Reich“ noch nicht die kalte und klare Poetizität sowie den ungeheuren Reichtum an vielfach abschattierten erzählerischen Tönen auf, die die späten großen Romane auszeichnen, auch markiert Bolaño manche bedrohlichen Vorzeichen und Angstsignale noch zu grob und plakativ, insgesamt aber ist er sich bereits in diesem frühen Roman als Erzähler seiner Mittel erstaunlich sicher. Schon hier gelingt es ihm, mit einer Technik sparsamster Andeutungen die Motive der Akteure undurchsichtig und die dargestellte Wirklichkeit rätselhaft und vieldeutig erscheinen zu lassen und dies als Mittel der Spannungssteigerung einzusetzen.

Auf dem Pariser Kriegsspiel-Kongress

Auch dieser schriftstellerischen Sicherheit wegen empfiehlt es sich, „Das Dritte Reich“ als das Buch zu lesen, mit dem Bolaño sich auf ironische Weise seiner Autorschaft vergewissert hat. An einer frühen Stelle des - erneut von Christian Hansen glänzend übersetzten - Romans erkennt Udo in dem Verbrannten sein Alter Ego als Autor: „,Ich schreibe auch sehr schnell’, murmelte der Verbrannte. ,Ja, das habe ich mir gedacht.’ Ich wunderte mich über meine eigenen Worte. Eigentlich hatte ich nicht einmal erwartet, dass der Verbrannte schreiben konnte.“

Am Ende - auf einem Pariser Kriegsspiele-Kongress! - verlässt Udo, dem es mit der Niederschrift seines Tagebuchs immerhin gelungen ist, sich in die Technik des Schreibens einzuüben, für immer die Gruppe der Spieler - wohl, um sich fortan als Autor auf den Ernst der Wirklichkeit einzulassen und sich so auf die Wirklichkeit der Literatur zu konzentrieren. Das ist es, was Roberto Bolaño für den Rest seines allzu kurzen Lebens auf unvergleichliche Weise getan hat.

Roberto Bolaño: „Das Dritte Reich“. Roman. Aus dem Spanischen von Christian Hansen. Hanser Verlag, München 2011. 319 S., geb., 24,90 €.

Quelle: F.A.Z.
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