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Roman „Der Reisende“

Die Höllenfahrt des Otto Silbermann

Von Andreas Kilb
 - 22:54
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Am 29. Oktober 1942 ertrank Ulrich Alexander Boschwitz in einer mondhellen Nacht im Atlantik nordwestlich der Azoren. Das britische Schiff „Abosso“, auf dem er zusammen mit 391 weiteren Passagieren und Besatzungsmitgliedern reiste, war von dem deutschen U-Boot U 575 torpediert worden. Nur dreißig Menschen überlebten die Versenkung, darunter nur einer der 44 Internierten, die sich wie Boschwitz auf dem Rücktransport aus einem australischen Lager für „enemy aliens“ nach England befanden, wo sie als Freiwillige in den Kriegsdienst für ihr Gastland eintreten wollten.

Boschwitz war 27 Jahre alt. Als er starb, trug er das Manuskript eines Romans bei sich, den er im Internierungslager bei Melbourne geschrieben hatte. Es war sein dritter; der erste, „Menschen neben dem Leben“, war 1937 in Schweden, der zweite, „Der Reisende“, 1939 in englischer Übersetzung in London und ein Jahr später in den Vereinigten Staaten erschienen. In seinem letzten Brief an seine Mutter auf der Isle of Man, der auf der Website des Leo Baeck Instituts nachzulesen ist, kündigt Boschwitz eine korrigierte Neufassung des „Reisenden“ an, die ein Bekannter für ihn nach England bringen will. Er glaube, schreibt er, dass etwas an dem Buch sei, das es „zu einem Erfolg machen“ könne, besonders nach dem Krieg. Die Korrekturfassung hat die Mutter nie erreicht.

Das ist, in Kurzform, die Vorgeschichte des Romans „Der Reisende“, der jetzt, 76 Jahre nach dem Tod seines Verfassers, zum ersten Mal in der Sprache erscheint, in der er geschrieben wurde. Es ist eine Geschichte von Emigration und Deportation, von Neubeginn und gescheiterten Hoffnungen, eine von vielen Tragödien des Exils. Und es ist die Geschichte eines Talents im Werden. Der Nachlass von Boschwitz im Leo Baeck Institut enthält zahlreiche unveröffentlichte Manuskripte, darunter Erzählungen, Verse, ein Kinderbuch, ein Dramolett über Paul von Hindenburg und Entwürfe für Zeitungsartikel. Sie sind, wie etwa die Spottgedichte über das „Dritte Reich“ – „Lumpen haben keinen Dunst, / pfui, pfui, pfui / von echter, wahrer deutscher Kunst! / Heil, Heil, Heil!“ –, von durchaus unterschiedlicher Qualität, aber aus jedem spricht die eiserne Entschlossenheit des Autors Boschwitz, ein Leben als Schriftsteller zu beginnen. Und sein Zorn, seine Empörung darüber, dass es ihm versagt bleibt, dieses Leben in Deutschland zu führen.

Denn Boschwitz war Jude, Halbjude in der Terminologie der Nazis. Sein Vater, ein wohlhabender Kaufmann, war kurz vor seiner Geburt 1915 gestorben, seine Mutter, die nach der Verkündung der Nürnberger Rassengesetze mit Ulrich Alexander und seiner Schwester nach Schweden und später nach England ging, entstammte einer Lübecker Senatorenfamilie. Dass Boschwitz den Vater vermisst, dass seine literarische Phantasie den Toten umkreist hat, ist aus den erhaltenen privaten Aufzeichnungen und den Fotos, die eine Kindheit im Matrosenanzug und einen blonden Jüngling mit Krawatte und weichen, offenen Gesichtszügen zeigen, nicht zu ersehen. Es gibt nur ein Indiz dafür, aber das ist schlagend – ebender Roman, der jetzt vorliegt.

„Der Reisende“ spielt im November 1938, am Tag nach der „Reichspogromnacht“ und in den Wochen danach. Otto Silbermann, die Hauptfigur, ist ein jüdischer Geschäftsmann, der sich bis zu diesem Zeitpunkt in Hitlers Reich zwar unwohl, aber sicher gefühlt hat. Jetzt öffnen ihm die staatlich geplanten Gewaltexzesse die Augen über seine wahre Lage: „Mir ist der Krieg erklärt worden, mir persönlich.“ Er verliert seine Hoffnungen: Der Teilhaber, von dessen Nazi-Kontakten er sich Schutz und Profit erhofft hat, drängt ihn aus seiner eigenen Firma, ein Fluchtversuch nach Belgien scheitert kläglich, und der Schwager, bei dem Silbermanns Frau untergeschlüpft ist, will nichts mehr von ihm wissen. „Ich lebe mit Verlust“, erkennt der Reisende. Durch eine schöne Frau, der er auf einer seiner Fahrten begegnet, dringt noch einmal ein Lichtstrahl in sein Dasein. Doch zum Rendezvous im Café erscheint sie nicht, und beim nächsten ziellosen Ausflug wird Silbermanns Aktentasche mit dem Erlös seiner Firmenanteile gestohlen. Wie ein Ausbrecher versteckt er sich in seiner eigenen Wohnung. Am nächsten Tag, auf dem Polizeirevier, auf dem er den Diebstahl des Geldes anzeigen will, wird er verhaftet.

Charaktermasken der Epoche

Manches spricht dafür, dass Boschwitz seinen Helden nach dem Vorbild seines Vaters modelliert hat, etwa die Tatsache, das Silbermanns Sohn in Paris weilt, wo auch Boschwitz im Jahr 1938 einige Monate an der Sorbonne studierte. Doch der Großbürger mit dem „J“ im Reisepass, der als rechtloser Nomade durch sein Heimatland irrt, ist mehr als ein individuelles Porträt: Er ist ein Phänotyp, wie ihn Boschwitz bei seinen Aufenthalten in Frankreich, Belgien und Luxemburg vielfach getroffen haben muss. Auch die Menschen, denen Silbermann auf Bahnsteigen und in Zugabteilen begegnet, sind Charaktermasken ihrer Epoche: der bräsige Gestapomann, der reizbare, weil „jüdisch“ aussehende Parteigenosse, das Mädchen, dessen Verlobter im Konzentrationslager war, die pedantische Zimmerwirtin, die mitleidige Anwaltsgattin und andere mehr.

In einem breiter angelegten Roman würde man von einem Zeitpanorama sprechen. Aber diesen Roman gibt es nicht – nicht über das Jahr 1938, nicht über die Reichspogromnacht (auch wenn Viktor Klemperers Tagebücher dazu reiches Anschauungsmaterial bieten) und nicht über den Überlebenskampf der jüdisch-deutschen Mittelschicht. Es gibt Irmgard Keuns „Nach Mitternacht“, der die Stimmung im Deutschen Reich des Jahres 1936 festhält, und dann die großen Werke des literarischen Exils, vom „Siebten Kreuz“ bis zum „Doktor Faustus“. Dazwischen klafft eine Lücke. „Der Reisende“ schließt sie. Sein Autor holt das dokumentierte, massenhafte Leid in den Freiraum der Fiktion, er verbindet das historische Polaroid mit der langen Belichtungszeit des Romanciers.

Die Trümmer deutschen Geisteslebens

Es gibt Passagen in diesem Buch, bei denen man an Filme von Hitchcock denken muss, an den „Fremden im Zug“ oder an James Stewart auf der Flucht vor seinen Verfolgern in „Der unsichtbare Dritte“. Dann wieder steht man unvermittelt vor den Trümmern des deutschen Geisteslebens. „Europäische Mission. Solche Fremdwörter sind auszumerzen.“ Das sagt ein völkischer Schriftsteller im Schnellzug nach Aachen zu seinem Assistenten. Auch das Wort „Kultur“ will der Mann durch ein braunes Synonym ersetzen. Angeekelt verlässt Silbermann das Abteil, bevor sein Gegenüber sich zwischen „Volksförderung“ und „Gemeinschaftsgeist“ entschieden hat.

Auf den ersten Etappen seiner Irrfahrt ist der Geschäftsmann aus Berlin ein sympathischer, aber unauffälliger Charakter. Tragische Größe bekommt er, als er mit seiner Identität zu hadern beginnt. „Es sind zu viele Juden im Zug, dachte Silbermann.“ Ohne seine Leidensgenossen, überlegt er, würde er in Frieden gelassen. „Weil ihr aber seid, falle ich in eure Unglücksgemeinschaft! Weil ihr existiert, werde ich mit ausgerottet.“ Es ist Silbermanns moralischer Höllensturz. Von da an rast er wie ein Meteorit auf seinen Untergang zu. Man könnte darin eine Rache des Autors an seiner Figur sehen, wenn Silbermanns Verhalten nicht so herzzerreißend alltäglich und nachvollziehbar wäre, so traurig und so wahr.

Wie im Fieberrausch vollendet

Ulrich Alexander Boschwitz konnte 1938 noch nicht wissen, was im Lauf des Krieges, der ein Jahr später ausbrach, mit den europäischen Juden unter Hitlers Herrschaft geschehen würde. Aber er sah die Zeichen der Zeit und las darin den kommenden Genozid. „Heutzutage mordet man wirtschaftlich“, sagt Silbermann einmal. Angstvoll malt er sich aus, wie die jüdischen Opfer erst sorgsam entkleidet werden, bevor man sie totschlägt, damit kein Blut auf ihre Banknoten tropft. Man muss an die Kleiderberge von Auschwitz denken, wenn man das liest, auch wenn Boschwitz nie von den Todesfabriken erfahren hat.

„Wie im Fieberrausch“ habe Boschwitz seinen Roman in nur vier Wochen vollendet, schreibt Peter Graf, der den „Reisenden“ wiederentdeckt und herausgegeben hat, im Nachwort. Graf hat auch die Nachkriegsgeschichte des Manuskripts recherchiert. Der Fischer Verlag, dem es in den fünfziger Jahren angeboten wurde, lehnte eine Publikation ab. 1963 empfahl Heinrich Böll den Roman seinem Hausverlag Middelhauve, doch „Der Reisende“ blieb liegen. Jetzt erreicht er den deutschen Buchmarkt wie ein Paket, das von der Post achtzig Jahre lang vergessen wurde. Man öffnet die Verpackung; aus dem Inneren strömt ungefiltert die bittere Wahrheit der Geschichte.

Quelle: F.A.Z.
Andreas Kilb
Feuilletonkorrespondent in Berlin.
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