Salman Rushdie: Die bezaubernde Florentinerin

Der Mogul und die Märchenbraut

Von Andreas Kilb
 - 10:44

Die Mutter von Niccolò Machiavelli, erzählt Salman Rushdie in seinem neuen Roman, hat gegen gefährliche Krankheiten ein Zaubermittel: Maismehl. „Wenn wir krank werden“, lässt er den kleinen Niccolò sagen, „schmiert sie uns mit Griesbrei ein.“ Für normale Infektionen nimmt Mama Bartolomea „gewöhnliche gelbe Polenta“, für Schlimmeres wie die Pest, die im Florenz der Renaissance immer noch grassiert, kauft sie „das weiße Friuli-Mehl“, dem sie Kohl beimengt „sowie Tomaten und was weiß ich noch für Zaubergemüse“.

Wir befinden uns im Jahr 1478, dem Jahr der Pazzi-Verschwörung, deren prominentestes Opfer Giuliano de' Medici ist, der Bruder Lorenzos des Prächtigen - bei der Ostermesse im Dom von Florenz wird er von seinen Mördern niedergestochen. In Lissabon, am fernen Ende Europas, träumt währenddessen der Genuese Christoph Kolumbus von einer Reise, die ihn über den Rand der bekannten Welt hinaus in die Länder des Ostens bringen soll, dort, wo der kostbare und allseits begehrte Pfeffer wächst. Vierzehn Jahre später wird er, nun in spanischen Diensten, diese Reise antreten, und noch ein paar Jahre später wird er aus der Neuen Welt, die er entdeckt hat, die Kostbarkeiten des fremden Bodens nach Hause bringen: die Tomate, die bis ins achtzehnte Jahrhundert vor allem als Zierpflanze dient; und den goldgelben, schon von Mayas und Azteken hoch geschätzten Mais.

Jacke wie Hose, Bohne wie Kartoffel

Seit langem streiten sich Leser von historischen Romanen über die Frage, wie stark der Autor die Geschichte, die in den Büchern steht (den Geschichtsbüchern, nicht den historischen Romanen), eigentlich verändern darf. Bis zur Unkenntlichkeit? Bis an die Grenze des Glaubhaften? Oder nur so weit, wie es die überlieferten Fakten zulassen? Den Pedanten, die jeden literarischen Einfall unter den Scanner ihres Schulbuchwissens legen, stehen die Postmodernen gegenüber, denen die Umdichtung der Vergangenheit gar nicht radikal genug sein kann. Mit ihnen scheint es auch Salman Rushdie zu halten, wenn er den Florentinern der Frührenaissance Mais und Tomaten auf den Tisch legt oder an einer anderen Stelle seines Buchs von den „alten Kartoffelhexen am Kaspischen Meer“ schwadroniert, die zweihundert Jahre vor der Einführung der Kartoffel um ihre Lagerfeuer herumsitzen und die toten Kriegshelden Transoxaniens beklagen. Aber vielleicht ist, von heute aus betrachtet, im alten Transoxanien sowieso irgendwie alles Jacke wie Hose, Bohne wie Kartoffel.

Andererseits gibt sich Rushdie diesmal jede erdenkliche Mühe, seine Geschichte in den Rahmen des historischen Geschehens einzupassen - jedenfalls, sobald der Roman das Terrain betritt, auf dem sein Autor sich auskennt. Und dieses Terrain ist in der „Bezaubernden Florentinerin“ eben nicht Florenz, sondern das nördliche Indien zur Zeit des mittleren Mogulreichs, genauer: die Residenzstadt Fatehpur Sikri während der Herrschaft des Mogulkaisers Akbar (1556 bis 1605).

Das Skelett und die Matratze

Dass sich Rushdie bei der Darstellung dieser Epoche (und, von den Tomaten- und Kartoffelschnitzern abgesehen, auch der italienischen Renaissance) nicht allein auf seine Phantasie verlassen hat, beweist er mit einer imponierenden achtseitigen Literaturliste am Ende seines Buchs, die von einer deutschen Übersetzung des „Rasenden Rolands“ von Ariost bis zur englischen Ausgabe der Lebenserinnerungen der Mogulherrscher Babar und Jahangir reicht und auch verschiedene Websites aufführt. Die Paläste der Stadt Fatehpur Sikri schließlich, die von Babars Enkel Akbar als Regierungssitz errichtet, aber nach kaum fünfzehn Jahren aufgegeben wurde und inzwischen zum Unesco-Weltkulturerbe zählt, schildert unser Autor genau so, wie man sie sich im Internet anschauen kann: die prächtige, von vier Türmen gekrönte Audienzhalle, in der der Herrscher seine privaten Gäste empfing, der Pachisi-Hof, in dem er mit lebenden Figuren Brettspiele spielte, oder das in rotem Sandstein erbaute Frauenhaus, in dem Akbars Hauptfrau Jodha Bai zusammen mit ihren Hofdamen lebte.

In Fatehpur Sikri beginnt auch die Geschichte. Ein Fremder, ein Italiener mit goldgelben Haaren (gelb wie Mais!), rollt auf einem Ochsenkarren in die Residenzstadt, fest entschlossen, zu Akbar vorzudringen, was ihm mit Hilfe einer spindeldürren Bordellhure (genannt „das Skelett“) und ihrer dicken Kollegin (genannt „Matratze“) auch gelingt.

Der Liebesmogul

Was der Fremde, der sich als Mogor dell'Amore - „Mogul der Liebe“ - vorstellt, dem Herrscher zu erzählen hat, klingt ebenso abenteuerlich wie kulturhistorisch interessant: Er sei der Sohn einer Mogulprinzessin, Akbars verschollener Schwester, die als Schlachtbeute und Geliebte diverser Heerführer über Persien und Konstantinopel nach Florenz gelangte. Dort habe Qara Köz (“Schwarzauge“) zwei Jahre lang die Herzen der rauhen Toskaner verzaubert, bevor sie sich in den Wirren nach dem Tod eines unbedeutenden Medici-Herrschers in die Neue Welt absetzen musste.

Der Mogulkaiser, begierig auf Weibs- wie Städtebilder, hört die Geschichte mit Vergnügen, und sein Hofmaler bannt den Liebreiz der Dame Schwarzauge so überzeugend auf die Leinwand, dass er ihm sogar selbst verfällt. Doch dann kommt der Punkt, an dem der gelbhaarige Erzähler glaubhaft machen muss, dass er Akbars Onkel ist, und in diesem Moment erlischt die Sympathie des Herrschers für den Fremdling. Am Ende kann der Liebesmogul, dessen Familienname Vespucci lautet (so wie der jenes Amerigo, nach dem Amerika benannt ist), froh sein, dass er mit „Matratze“ und „Skelett“ das Weite suchen darf.

Matratze auf der Flucht

In früheren Büchern, von den „Satanischen Versen“ bis zu „Der Boden unter den Füßen“, hat sich Salman Rushdie mit der Topographie und der Zeitstruktur seiner Geschichten manche Freiheiten erlaubt - dergleichen glaubte er seinem Ruf als postmoderner Erzähler offenbar schuldig zu sein. In der „Bezaubernden Florentinerin“ dagegen nimmt er es mit der historischen Wahrheit sehr genau. Die Schauplätze, die Herrschernamen, die Kriegszüge, der Brief der englischen Königin Elisabeth, mit dem der Fremde in Fatehpur eintrifft, das Privatleben des Staatsdenkers Machiavelli und seine Dedikation des „Fürsten“ an Lorenzo II. - das alles ist penibel recherchiert und der Erzählung geschickt untergerührt, es bindet ihre phantastischen und verschrobenen Ingredienzen wie das Maismehl die Soße.

Und dennoch weicht man am Ende, statt sich dem Sog des Epischen zu ergeben, vor Rushdies Geschichtsparabel zurück. Das liegt weder an den eingeschmuggelten Tomaten und Kartoffeln noch an den vier Schweizer Albino-Riesen namens Otho, Botho, Clotho und d'Artagnan, die die Leibwache von Prinzessin Schwarzauge bilden. Es liegt auch nicht an jener Passage gegen Ende des Buchs, in der Rushdie - in der gelenkigen Übersetzung Bernhard Robbens - den Mogulherrscher von einer „Kultur der Einbeziehung“ fabulieren lässt, in der „alle Rassen, Stämme, Clans, Glaubensrichtungen und Nationen Teil einer großen Mogul-Synthese werden würden“, einer „großen Vermengung der Erde“.

Ein Roman über zwei Weltkulturen

Nein, dass man diese Geschichte eines interkulturellen Verschwägerungsversuchs (denn nichts anderes ist die indische Mission des gelbhaarigen Fremden) so ungerührt aus der Hand legt, liegt an ihrem Ton. Es ist der Ton eines sehr souveränen, entrückten, ein wenig selbstgefälligen Erzählers, dem alles gleichermaßen Material ist, die Inder und die Florentiner, der Islam und die Renaissance. Mit dieser Haltung schreibt man sehr tiefe oder sehr flache Bücher. Bei Rushdie, der vor der Berührung mit seinen Figuren immer erst die Glacéhandschuhe des Epikers überstreift, hat man oft den Eindruck, dass die Tiefe nur eine Spiegelung ist und das gespiegelte Bild nur eine Kopie.

Es sind nicht die großen Themen und Motive, in denen sich diese Schöpfung aus Vorgefertigtem verrät, sondern die kleinen Risse und Einschlüsse im Glasüberzug. Insofern ist die Polenta, mit der Niccolò Machiavellis Mutter die Krankheiten ihrer Familie kuriert, eben doch mehr als ein zufälliger Schnitzer. Sie zeigt an, wie ernst es der Erzähler Rushdie mit dem Erzählten meint. Der Roman der zwei Weltkulturen, den Rushdie mit der „Bezaubernden Florentinerin“ schreiben wollte, scheitert an seiner Haltung zum Detail. Ein Schriftsteller, der aus der Vergangenheit die geistige Speise der Gegenwart bereiten will, sollte ohne Zaubergemüse auskommen.

Salman Rushdie: „Die bezaubernde Florentinerin“. Übersetzt von Bernhard Robben. 448 Seiten, Rowohlt, 19,90 Euro

Quelle: F.A.S.
Andreas Kilb - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Andreas Kilb
Feuilletonkorrespondent in Berlin.
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