Salman Rushdies Roman „Wut“

Das Geschöpf ist real, aber der Schöpfer ist eine Fälschung

Von Tobias Döring
 - 12:00

Die Begegnung ist noch immer unvergessen. Als Wladimir Iljitsch Uljanow, der große Revolutionär, begnadete Redner und mitreißende Massenführer Lenin, 1923 in der indischen Provinz eintrifft, um ihr den britischen Kolonialismus auszutreiben, sieht er sich plötzlich siebenfach gedoppelt. Am Hafen empfängt ihn eine Schar von lokalen Lenin-Look-alikes, klar zu erkennen an Stirnglatze, Schiebermütze und dem prägnanten Spitzbart, die zur Begrüßung auch sogleich die besten Reden des geschätzten Meisters stramm und gestenreich zu Gehör bringen, nicht auf russisch allerdings, sondern in den diversen Landessprachen. Denn um die bolschewistische Revolution im weitläufigen und vielsprachigen Indien schneller zu befördern, hat der örtliche Parteivorstand ein paar Schauspieler engagiert und sie im darstellenden Leninismus unterwiesen. Zwar fordert hier die große Sache schon mal kleine Abstriche - die Lokallenins sind dunkelhäutig, entweder zu dick oder zu mager, einer ist völlig kahlköpfig, ein anderer alt und zahnlos. Dies aber fällt um so weniger ins Gewicht, als selbstverständlich auch der Gast aus Moskau eine Doublette ist: Der wahre Lenin ist viel zu beschäftigt und kann schließlich nicht überall selbst hinreisen.

Diese wunderbare Szene findet sich in „Des Mauren letzter Seufzer“, jenem gewaltigen Familienepos, so ausufernd wie anrührend, mit dem uns der große Geschichtserfinder Salman Rushdie 1995 hinriß. Seither hat er einen weiteren umfangreichen Roman herausgebracht, der zwar mit einem Erdbeben begann, ansonsten freilich nicht ganz so erschütternd war. Jetzt aber liegt ein Werk vor, das klar von irgendeinem Doppelgänger und nicht von Rushdie selber stammt. Es stellt viele von dessen Eigenheiten und Interessen überdeutlich aus - den Aberwitz der Handlungsführung, die Mythensucht der Popkultur, die wortverspielte Sprache - und heftet sie doch nur als Markenzeichen an einen schnell produzierten Konfektionsartikel für den Ersatzgebrauch. Denn in dem angestrengten Bemühen, der großen Kunst eines begnadeten Erzählers nachzueifern, ist der Roman „Wut“ ebenso übergewichtig wie dünn geraten und vor allem ziemlich zahnlos.

Worum geht es? Malik Solanka, indischer Professor für Ideengeschichte im englischen Cambridge, hat einen Hang zu Puppen und erfindet eines Tages eine Knetfigur namens „Braingirl“, mit der er zunächst im Spätprogramm der BBC eine Sendung über Sinnfragen bestreitet, bald durch den Riesenerfolg dieser philosophischen Muppet-Show aber so ruhelos wird, daß er Ruhm und Familie hinter sich läßt und nach Manhattan flieht. Dort wirft er sich nicht nur lustvoll der amerikanischen Konsumwelt zu Füßen, die bei „Nike“ statt an Samothrake und den Louvre an einen Sportartikel denkt, sondern auch zwei schönen Frauen in die Arme, beide seinem Sex-Appeal erlegen, wobei die eine wie sein fleischgewordenes Braingirl aussieht, während die andere, ein indisches Supermodel, sich für die Revolution im Südpazifik einsetzt. Und weil auch das noch nicht genügt, geht in New York derweil ein Serienkiller à la American Psycho um, der Partygirls vergewaltigt und stilvoll skalpiert.

So weit, so plakativ. Der Titel des Romans jedoch ist gut gewählt, denn seit seinem Erscheinen vor einem Jahr, zuerst in niederländischer Übersetzung zur Amsterdamer Buchwoche, im letzten August dann im Original, hat „Wut“ für helle Empörung im Literaturbetrieb und wütende persönliche Kritik gesorgt (F.A.Z. vom 3. September 2001). Bei den englischen Rezensenten schwang hier sicher Verbitterung darüber mit, daß Rushdie im Jahr zuvor - nach der langen albtraumhaften Zeit der Fatwa-Affäre - London lautstark den Rücken gekehrt und der „New York Times“ erklärt hatte, es sei an der Zeit gewesen, endlich aus dem heruntergekommenen britischen Empire ins amerikanische Paradies aufzubrechen, wo er seither lebt. Folgerichtig meint offenbar auch sein deutscher Verlag, die Übersetzung des neuen Romans „aus dem Amerikanischen“ annoncieren zu müssen. Dabei haben gerade amerikanische Leser das bemühte New York-Kolorit der Szenerie, mit dem der eingewanderte Autor wohl verehrten Kollegen wie DeLillo oder Auster Reverenz erweisen möchte, als touristische Kulisse kritisiert.

Selbstverständlich ist Rushdie viel zu intelligent und zumal als Erzähler viel zu versiert, um nicht auch mit einem schwachen Werk ein paar starke Spuren zu legen, so daß geneigte Leser auf allerlei Hintersinniges darin stoßen mögen. So sieht Solanka beispielsweise auf der revolutionären Pazifikinsel, wohin er der Geliebten nachreist, sich überall mit seinem eigenen Konterfei und dem seiner Produkte konfrontiert: „Hier im Theater der Masken wurde das Original, der Mann ohne Maske, als Imitator der Maske empfunden: Das Geschöpf war real, während der Schöpfer eine Fälschung war!“ An solchen Stellen weitet sich die Geschichte dieses intellektuellen Puppenspielers, der die Geister, die er schuf, nicht wieder loswird, zur bitteren Fabel über den Romanautor, der die Masken der Revolution in entfernten Weltgegenden so lange zur Kenntlichkeit entstellt, bis sie ihm ganz real zur Gefahr an Leib und Leben werden. Nur leider werden solche Durchkreuzungen von Fiktion und Realität, mit denen die Geschichte immer wieder spielt, stets so pseudophilosophisch durchbuchstabiert, daß man ihrer schneller müde wird, als der kurzatmige Erzählbogen reicht.

Wenn nicht auf seltsame und fast unheimliche Weise die Weltpolitik dazwischengekommen wäre: „Dieses Gotham, in dem Clowns und Pinguine wild wurden, ohne daß Batman (oder gar Robin) ihre Pläne durchkreuzte, dieses Metropolis aus Kryptonit, in das kein Superman den Fuß zu setzen wagte, in dem Wohlstand fälschlich als Reichtum angesehen wurde, und die Freude des Besitzens als Glück, in dem die Menschen ein so glatt poliertes Leben führten, daß die großen, schmerzlichen Wahrheiten der ungehobelten Existenz weggeschmirgelt und poliert wurden, und in dem menschliche Seelen so lange schon allein wanderten, daß sie sich kaum noch daran erinnerten, wie man sich berührte.“ Das sorglose New York, das hier aus medialen Abziehbildern collagiert wird, jene himmelstürmende Metropole des unangreifbaren Amerika mit Ihrem fortwährenden Simulationsspiel, dieses machtvolle „Objekt der Sinnenfreude und des Begehrens der ganzen Welt“ - dieser Ort erscheint uns seit dem 11. September so fern, so entrückt und nachgerade puppenstubenhaft, daß wir davon in Rushdies Roman nicht ohne einen Anflug von Nostalgie lesen: Ach wenn's doch noch wie damals wär'! Ansonsten aber kann man „Wut“, nach all dem Lärm und Aufheben, die schon darum gemacht wurden, getrost in aller Stille und gänzlich unberührt beiseite legen.

Salman Rushdie: „Wut“. Roman. Aus dem Amerikanischen übersetzt von Gisela Stege. Kindler Verlag, Berlin 2002. 384 S., geb., 19,90 .

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.03.2002, Nr. 66 / Seite L12
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenSalman RushdieIndienMoskauNew YorkErdbeben