Schüsse in der Bibliothek der Erinnerungen

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Als der argentinische Schriftsteller Jorge Luis Borges 1968 Harvard besuchte, erzählte er auch eine Geschichte von seinem Vater, die ihn nach Jahrzehnten noch immer beschäftigte. Der Vater wollte ihm erklären, warum er keine Erinnerungen an seine Jugend mehr habe: Wenn er sich an den Morgen eines Tages erinnere, habe er ein Bild dessen im Kopf, was passiert sei. Wenn er am Abend erneut an diesen Morgen zurückdenke, dann erinnere er sich jedoch nicht an das Bild dieses Morgens, sondern an das erste Bild in seiner Erinnerung. Der Schluss daraus sei, dass er sich am Ende immer nur an seine jeweils letzte Erinnerung erinnere. Borges fand, dass das ein sehr trauriger Gedanke sei, weil die Vergangenheit auf diese Weise mit jeder Wiederholung ein wenig verzerrt und alle Erinnerung damit zur Erfindung, zur Fiktion werde.

Wenn man James Sallis' Buch "Deine Augen hat der Tod" liest, das die Gattungsbezeichnung "ein Roman über Spione" trägt, muss man früher oder später an Borges denken, was bei einem Kriminalroman eher abwegig erscheinen mag, obwohl Borges selbst Kriminalromane geschrieben hat. Irgendwann stolpert man jedoch über den Satz des reaktivierten Agenten David: "Und was, wenn als Nächstes die Erinnerung selbst - seine, meine eigene - nur Erfindung wäre?" Das sind nicht unbedingt Sätze, die man in einem Kriminalroman erwartet, aber James Sallis, der für seinen Roman "Driver" den Deutschen Krimipreis 2008 erhielt, schreibt auch nicht gerade Bücher, die den Bauplänen klassischer Krimis folgen.

Sallis, 63, hat französische und russische Literatur studiert, er hat als Musiker und als Atemtherapeut gearbeitet, er hat Gedichte geschrieben und den schwarzen Privatdetektiv Lew Griffin erfunden. Er hat Raymond Queneau und Puschkin ins Englische übersetzt, und er macht auch kein Geheimnis daraus, dass "Deine Augen hat der Tod" eine Hommage an Cesare Pavese ist, den schon der Titel zitiert und von dem auch das Motto stammt: "Kommen wird der Tod, und er wird deine Augen haben."

In Deutschland ist James Sallis nie wirklich angekommen. Dieser Roman war 1999 schon mal auf dem Markt, um weitgehend spurlos zu verschwinden. Ein bisschen hat das wohl auch zu tun mit dem Begriff von Literatur, den Sallis in einem Interview erläutert hat: Sie sei "kein Schreibtisch mit lauter Schubladen, auf denen ,Kriminalroman', ,ernsthafter Roman', ,Science Fiction' oder ,Lyrik' steht. Sie gleicht eher einem großen Buffet, auf dem sich alles Mögliche stapelt: Fisch, Aufschnitt, Obst, verschiedene Käsesorten, Horsd'oeuvre, geräucherter Schinken, Speisewärmer mit Gemüse und Suppe. Als Leser wie als Autor geht man umher und nimmt sich, was man will und braucht." In "Deine Augen hat der Tod" greift Sallis zu. Er filetiert oder skelettiert, ganz wie man will, was einen normalen Agententhriller ausmacht. Er jongliert mit Anspielungen, auf Blaise Cendrars, Pavese natürlich, und Borges ist wie ein Geist präsent; aber man kann auch an einen Film wie Lars von Triers "Element of Crime" denken, in dem der Kommissar eine Spur verfolgt, die letztlich zu ihm selbst führt, weil es nicht nur eine Verbindung zwischen Jäger und Gejagtem gibt, sondern fast schon eine heimliche Identität.

"I'm only what I'm after", sagt zum Beispiel in Michael Manns Film "Heat" Al Pacinos Kommissar, "ich bin nur, was ich jage" - und so ergeht es auch David Edwards, dem Mann, der sich zurückgezogen hat aus dem Agentendienst und die Erinnerung daran in sich zu verschließen versucht. Er ist Künstler geworden, macht Skulpturen, lebt mit einer Frau zusammen, die er liebt, bis eines frühen Morgens das Telefon klingelt und er zu einem Mann von Anfang vierzig wird, "der geradewegs vor allem davonlief, was ihn aufrechterhalten hatte, und auf die Dinge zurannte, die ihn beinahe zerstört hatten".

Sallis' Roman ist auch ein Buch der Abschweifungen, das neben dem Thrillergerüst die Bewegungsform des Roadmovies nutzt, weil sich so eine Reiseroute entwerfen lässt und doch jede Station eine Erfahrung erlaubt, die nicht stromlinienförmig in einem Plot aufgeht. Dieser Überschuss ist es, der Sallis interessiert - ob das nun die Befestigungsanlagen von New Orleans sind, die Stadt Piltdown in Alabama, deren Begründer aus einer Laune heraus eine Replik der Innenstadt von Oxford hat bauen lassen, oder die Kellnerin, die "auf dem Weg, hübsch zu werden, plötzlich angehalten hatte und nie ganz verwinden würde, wie nahe sie dem Ziel gewesen war". Zwischen solchen Beobachtungen treiben Davids Traumfetzen, dicht unter der Oberfläche, um zu verschwinden, sobald er nach ihnen greift.

Sallis' Kunststück liegt darin, dass der Weg des Helden Linien auf der Landkarte hinterlässt und der Plot zugleich einer Spirale gleicht. Alle Elemente, die in einem Thriller gewöhnlich vorkommen, sind da; keines wird so benutzt, wie Thrillerautoren das normalerweise tun. David lässt Männer durch die Luft wirbeln, er kann zuschlagen. Es gibt Verfolgungsjagden und Löcher in der Windschutzscheibe. Es gibt einen Auftrag: den Mann zur Strecke zu bringen, der wie David einem nutzlos gewordenen Elitecorps angehörte und jetzt angeblich Amok läuft. Und es gibt Methoden und Verhaltensmuster, die von selbst wiederkehren, vergessene Automatismen.

Es ist ein Roman, der nicht nur einen Helden hat, der über sich nachdenkt, sondern auch ein Buch, das darüber reflektiert, was eigentlich in einem Thriller passiert, während es einen erzählt. Es gibt keinen Plan, keine Verschwörung der Regierung oder einer fremden Macht; der Plan entsteht erst, wenn etwas Unplanmäßiges geschehen ist, auf das der namenlose Geheimdienst mit Routine reagiert, die ihm dann wie ein sauberer Plan vorkommt. Das ist mitunter fast so lustig wie in dem jüngsten Film der Brüder Coen, "Burn after Reading", weil Sallis auch über eine ganze Menge schwarzen Humors verfügt und manche Passage noch mit ein paar besonders hartgesottenen Chandlerismen garniert. Und es ist zugleich ziemlich ernst, denn im Grunde ist der Spionagethriller das ideale Medium, wenn man vom Erinnernmüssen und Vergessenwollen erzählt, von der Krise des Ichs. Deshalb dringt auch Borges' Echo immer wieder durch: "Vielleicht ist letztlich keiner von uns mehr als der Bodensatz all derer, die er gekannt und geliebt hat."

Wo im Kriminalroman sonst die Gleichungen einigermaßen sauber aufgehen und am Ende auch noch das letzte lose Ende verknotet wird, da lässt James Sallis zwar ein bisschen Hoffnung übrig, die durch all den Zweifel, den er zuvor ausgesät hat, jedoch auf ziemlich wackligen Füßen steht. "Meine Erinnerungen könnten sehr wohl falsch sein, aber sie würden letztendlich genauso dienlich sein wie alle anderen."

PETER KÖRTE

James Sallis: "Deine Augen hat der Tod. Ein Roman über Spione". Aus dem Englischen von Bernd W. Holzrichter. Verlagsbuchhandlung Liebeskind, 192 Seiten, 16,90 Euro

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 12.10.2008, Nr. 41 / Seite 50
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