Silke Scheuermann: Die Häuser der anderen

Die Stunde zwischen Hund und Katze

Von Martin Halter
 - 14:56

Man muss keine besonders feine Nase haben, um die überragende Bedeutung des Hundes im Kuhlmühlgraben zu erschnüffeln: „Vorne protzte man mit den Autos, hinten mit den Hunden.“ Kuhlmühlgraben (wie das Naturschutzgebiet in Silke Scheuermanns Heimatstadt Offenbach) heißt die Straße im vornehmen Osten Frankfurts, in der „Die Häuser der anderen“ stehen, und die Grenze zwischen Natur und Kultur läuft mitten durch ihre Bewohner.

Verzweifelte Hausfrauen in gepflegten Einfamilienhäusern verwöhnen taube Pekinesen mit Kalbsleberwurst, taufen Bulldoggen auf den Namen Mortimer und halten sich Chow-Chows, Riesenpudel und Bernhardiner als Joggingbegleiter und Statussymbole, Seelentröster und pflegeleichten Kinderersatz. Hunde machen Dreck, stören den Hausfrieden und die Harmonie von Marcel-Breuer-Leuchte und Ettore-Sottsass-Sofa, Delphincarpaccio und Essstörung. Aber im Gegensatz zu Kindern widersprechen sie selten, und notfalls kann man die „Versuchslebewesen“ im Tierheim abgeben.

Von den Leiden armer reicher Mädchen

Benno, der beste Freund der Kunstgeschichtlerin Luisa Temper (in Scheuermanns letztem Roman „Shanghai Performance“ war sie noch Assistentin einer global operierenden Künstlerin), ist einfühlsamer und geduldiger als Christopher, der Biologe, der sich gerade mit einer Arbeit über Zwitterblumen und Selbstbestäubung habilitiert. Luisa hat sich in ihrer Ehe effizient eingerichtet und geschmackvoll selbst bestäubt, aber das Schöner-Wohnen-Ambiente zeigt bereits Risse: Sie und ihr Mann sind einander so fremd wie Kunstgeschichte und Biologie, Designermöbel und struppige Natur. Als das Paar Nichte Anne hüten soll, kommt es zum Eklat. Das altkluge Mädchen fordert seine Tante mit seiner streberhaften Unterwürfigkeit heraus und findet in Christopher, der schon lange unter dem hysterischen Perfektionismus seiner Frau leidet, einen Verbündeten.

Eine lächerliche Bildungslücke - im Gegensatz zu Anne und Christopher weiß Luisa nicht, dass ein Liger eine Kreuzung aus Löwe und Tiger ist - bringt ihr geregeltes Leben durcheinander. Luisa kann Picknicks im Grünen nach kunstgeschichtlichen Vorbildern arrangieren und weiß alles über das Spätwerk von Rubens, aber alles, was lebt, scheint sich gegen sie verschworen zu haben. „Da bilde ich mir ein, meine Bilder gehören nur mir, niemand macht das wie ich, niemand hat diese Eigenart, und dann kommt diese Achtjährige und richtet mich her, damit ich in ihr Bild passe, es ist nicht zu fassen.“ In solchen Momenten hilft auch ein treuherziger Hundeblick nicht mehr.

Wie schon in „Die Stunde zwischen Hund und Wolf“ beschreibt Scheuermann auch in ihrem dritten Roman die Leiden jener „armen, reichen Mädchen“, denen Psychiater so wenig helfen können wie Therapiehunde: Karriere und Kinder, Emanzipation und Liebe, Kunst und Leben sind letztlich unvereinbar. Veronica, Bennos Hundesitterin, hat schon bessere Tage erlebt; jetzt leert sie Luisas Alkoholvorräte und kotzt auf ihren Perser, eine Art Rache an ihrer vom Glück bevorzugten Freundin.

Sogar ein bisschen Hoffnung

Die Taunstätts - er Promi-Tierarzt, sie Fernsehmoderatorin von Sabine-Christiansen-Format - halten sich zwei niedliche Chow-Chows und einen Adoptivsohn, aber irgendwann dreht Mark durch und erschlägt seinen Stiefvater mit dem Baseballschläger. Die alte, kranke Hündin Kitty trauert mehr um ihr Herrchen als Dorothee, Christophers Geliebte. Kitty träumt noch vom Rennen und Jagen und Revierverteidigen, Dorothee hat mit allem abgeschlossen. „Wir vergessen unsere Träume“, heißt es einmal, „aber unsere Träume vergessen uns anscheinend nicht.“

Beschrieb Scheuermann bisher vor allem Einsamkeit und Entfremdung in den besseren Kreisen der Künstler und kultivierten Vorstadtbewohner, so taucht sie in ihrem neuen Roman - eigentlich ist es ein Bündel lose verknüpfter Erzählungen - auch tief in die schäbige Welt der Verlierer ein. Die beiden spießigen Schwulen, die im einzigen Mietshaus im Kuhlmühlgraben eine Schreckensherrschaft als Blockwarte errichtet haben, wollen Svens Hunde mit Schokolade vergiften, um den schönen Tadzio aus der WG im Erdgeschoss vom heterosexuellen Holzweg abzuführen. Gaby, die Schlampe aus dem Glätzenviertel, macht sich im Hause Taunstätt nicht nur als Putzfrau unentbehrlich, sondern auch als Beraterin und beste Freundin der Hausherrin und Ko-Autorin eines gemeinsamen Kochbuchs. Gabys Tochter, die Fixerbraut Britney, hat eine Affäre mit Mark, dem Sorgenkind der Taunstätts; ihre Vorgängerin war ausgerechnet Anne, Luisas unselige Nichte.

So verknüpft Scheuermann in „Die Häuser der anderen“ (die Anspielung auf den Film „Das Leben der Anderen“ ist durchaus gewollt) über mehr als ein Jahrzehnt hinweg die Schicksale von Auf- und Absteigern: Überwacher und Überwachte, Täter und Opfer, vorlaute Kinder und überforderte Eltern, Luxusfrauchen, die nur noch Trost in Alkohol, Drogen und den Dokusoaps des Unterschichtsfernsehens finden.

Manche Erzählfäden hängen in der Luft, und manchmal ist das Gewebe eher fadenscheinig; die - auf Selbsterlebtem basierende - Geschichte der beiden Homosexuellen, deren einziger Lebenszweck Bosheit und Psychoterror ist, etwa kommt kaum über Klischees hinaus. Aber Scheuermann gelingen auch immer wieder kühle, soziologisch und psychologisch dicht beschriebene Szenen und Porträts von unglücklichen Hausfrauen und Haustieren. Und am Ende gibt es sogar so etwas wie Hoffnung, als der in New York gestrandeten Anne unversehens eine Katze in den Schoß springt. Das Leben geht weiter. Nach all dem urbanen Hundeelend ist „vielleicht jetzt die Zeit der Katzen angebrochen“.

Silke Scheuermann: „Die Häuser der anderen“. Roman. Verlag Schöffling & Co., Frankfurt am Main 2012. 260 S., geb., 19,95 Euro.

Quelle: F.A.Z.
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