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Tanz den Borges

 - 12:00

Ein junger Mann streift rastlos durch das Buenos Aires des argentinischen Katastrophenjahrs 2001. Der aus den Vereinigten Staaten stammende Doktorand Bruno ist unermüdlich auf der Suche nach dem Sänger Julio Martel, der "göttlichen Stimme des Tangos". Martel taucht immer wieder an Orten auf, an denen in der jüngsten Geschichte Argentiniens wichtige, vorwiegend düstere Ereignisse geschahen. Dort singt er dann mit seiner unvergleichlichen Stimme. Bruno kommt immer wieder zu spät zum richtigen Ort und lernt Martel erst kurz vor dessen Tod kennen, als er nicht mehr singen kann.

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Bruno ist die Hauptfigur des neuen Romans des argentinischen Schriftstellers Tomás Eloy Martínez, seit langen Jahren schon Dozent an einer nordamerikanischen Universität. Bruno kommt eigentlich nach Buenos Aires, um dort eine Dissertation über Jorge Luis Borges und dessen Tango-Essays vorzubereiten. Doch eine New Yorker Hispanistin hatte ihm nahegelegt, dort auf jeden Fall den Tangosänger Julio Martel zu hören, der wenig bekannt, doch sogar besser als Carlos Gardel sei. Bruno begibt sich auf Borges' Spuren und gerät dabei auf die Fährte Martels, der unangekündigt an einer Straßenecke oder auf einem Platz erscheint, um dort zu singen. Oft sind es Orte in der argentinischen Hauptstadt, die auch im Werk von Borges erscheinen. Bruno wohnt sogar in der Calle Garay, wo sich das "Aleph" aus der berühmten Erzählung befunden haben soll: Bruno erlebt noch, wie das Haus zerstört wird, in dessen Keller sich das "Aleph" befindet - "die kleine Kugel, die das ganze Universum enthält".

Ähnlich wie bei Borges wird Buenos Aires bei Martínez zu einer Stadt der Labyrinthe; die architektonischen Geheimgänge stehen in dem Roman auch für die Verwirrungen im menschlichen Verhalten. Bei aller Bewunderung für Borges läßt es Martínez nicht an einigen ironischen Anmerkungen über die Eigenheiten des großen Dichters und über seine enthusiastischen Verehrer fehlen. Wie viele andere argentinische Intellektuelle hat wohl auch Tomás Eloy Martínez die Lobsprüche von Borges auf die grausame argentinische Militärjunta und den chilenischen Diktator Pinochet noch nicht vergessen. An vielen Orten, wo Martel singt, hatten die Offiziere der argentinischen Militärregierung (1976 bis 1982) schwere Verbrechen begangen. Der an sich so korrekte Übersetzer Peter Schwaar irrt sich, wenn er meint, die Leichen am Río de la Plata seien von "Seeleuten" dort hingeworfen worden. Die argentinischen Militärs, vor allem die Marineoffiziere, hatten zahlreiche Gefangene lebend aus Flugzeugen in den großen Fluß zwischen Argentinien und Uruguay geworfen.

"Der Tangosänger" (im Original 2004 erschienen) läßt sich trotz seines ernsten Hintergrunds auch als durchaus amüsanter Führer durch Buenos Aires sowie durch die Literatur und jüngste Geschichte Argentiniens lesen. Beladen mit viel Information, bleibt der Roman trotzdem eine spannende Lektüre. Daß nach bedeutenden Romanen wie "Der General findet keine Ruhe" (deutsch 1999) oder "Der Flug der Königin" (deutsch 2003) jetzt auch einer seiner anderen, kleineren Romane übersetzt wurde, ist überaus erfreulich.

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WALTER HAUBRICH

Tomás Eloy Martínez: "Der Tangosänger". Roman. Aus dem Spanischen übersetzt von Peter Schwaar. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2005. 240 S., geb., 19,80 [Euro].

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18.11.2005, Nr. 269 / Seite 34
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