Vier neue Hesse-Bücher

Nicht nur Dichtung, auch Eucharistie

Von Christian Schärf
 - 14:56

Seinem Freund, Tessiner Nachbarn und ersten Biographen Hugo Ball teilt Hermann Hesse im Oktober 1926 mit: „Soweit meine Biographie einen Sinn hat, ist es wohl der, dass die persönlich unheilbare, doch notdürftig bemeisterte Neurose eines geistigen Menschen zugleich Symptom ist für die Zeitseele.“

Es zeugt nicht gerade von schlechtem Selbstbewusstsein, in der eigenen krisenhaften Individualität einen Maßstab für den psychischen Zustand der Epoche zu sehen. Doch steht hinter dieser Aussage etwas anderes als subjektive Selbstüberhebung. In dem ebenfalls aus dem Jahr 1926 stammenden Essay „Der Künstler und die Zeitkrankheit“ liefert Ball selbst das gedankliche Konzept dieser Haltung, zweifellos mit Hesse als Beispiel vor Augen: „Ein allgemeines Ideal scheint in Scherben gegangen zu sein; ein hohes, selbstloses, zärtliches Ideal. Jeder gehe seinen Bekanntenkreis durch und staune über die Fülle von unerklärlichen Gereiztheiten und Bindungen; über die Zerwürfnisse in Ehen und Geschäften; über alle die Ausbrüche, Selbstmorde, Melancholien und Tränen.“

Korrespondenz zwischen Künstler und Zeitkrankheit

Die Zeit selbst ist krank, sie ist zu einer Krankheit geworden, und es ist der Künstler, an dem sich die Symptome des Leidens zeigen, an dem sie sich studieren lassen. Davon waren Hesse und Ball überzeugt. Der Herbst 1926 ist denn auch der Zeitpunkt der Entstehung des eigentlichen Zeitkrankheits-Dossiers aus der Feder Hermann Hesses, des Romans „Der Steppenwolf“. Der auf seinen fünfzigsten Geburtstag zusteuernde Dichter versucht darin mehr als nur die späte Midlifecrisis eines so nervösen wie weltfremden Intellektuellen zu Papier zu bringen. Jede Zeile im „Steppenwolf“ dokumentiert den schmerzhaften Konnex von subjektiver und objektiver Neurose, mit dem der Autor glaubt, in einem letzten verzweifelten Akt sein eigenes unstillbares Leid dem Publikum vor die Füße werfen zu müssen. Selbstmord ist die Signatur, mit der Hesse seine literarische Produktion nicht nur beim „Steppenwolf“ gekennzeichnet hat. An Hugo Ball wiederum schreibt er zum Abschluss des „Steppenwolfs“: „Wenn ich damit fertig bin, hoffe ich, die Courage zu haben, mir den Hals durchzuschneiden, denn das Leben ist mir unerträglich, und das äußert sich auch in beständigem körperlichem Wehgefühl.“

Wie bei keinem anderen Autor der Moderne scheint bei Hesse die Vorstellung von der Korrespondenz zwischen Künstler und Zeitkrankheit durchschlagende und lang anhaltende Wirkung gezeitigt zu haben. Hesse verstand es, diese gedankliche Struktur in seinen literarischen Werken und in seiner zeitgeschichtlichen Gestalt plausibel zu vermitteln. Gerade junge Menschen in allen nachwachsenden Generationen konnten sich in diesem Modell wiedererkennen, wobei wohl niemals zu klären sein wird, was früher da war: die Zeitkrankheit, die sich in Hesse abspiegelte, oder Hesse, der die Zeitkrankheit erst zu einem erkennbaren und damit massenkompatiblen Phänomen stilisierte. Hesses unglaublicher Erfolg beruht auf der Möglichkeit aller Menschen, egal, woher sie kommen, sich bei der Lektüre praktisch jedes seiner Bücher selbst als den Künstler mit Zeitkrankheit zu erkennen.

Eigen-Sinn gegen Herden-Sinn

Hier lag eine Geschichte an der kulturellen Basis des zwanzigsten Jahrhunderts, die in Gänze noch erzählt werden musste, deren Struktur noch nicht durchsichtig gemacht worden war und deren Handlungsmuster sich der Analyse zu verweigern schien. Dass diese Geschichte jetzt gleich zweimal und zweimal in so inhaltlich faszinierender wie literarisch überragender Art und Weise erzählt wird, liegt nicht zuletzt daran, dass der Mythos Hesse so lange unentziffert weitergetragen wurde und dabei einen ganzen Katalog inzwischen alteingewachsener Vorurteile entstehen ließ. Zwei Parteien standen sich dabei jahrzehntelang unversöhnlich gegenüber, die Hesse-Jüngerschaft, die meist außerakademische Leserkreise umfasste, auf der einen Seite und die Fraktion der Hesse-Verächter, die meist dem akademischen Milieu entstammte, auf der anderen. Die zum fünfzigsten Todestag Hesses erschienenen Bücher von Heimo Schwilk und Gunnar Decker gehören keiner Partei an, und ebendeshalb können sie leisten, was noch keiner deutschsprachigen Hesse-Biographie bisher gelungen ist. Sie heben den Mythos auf eine neue Stufe, indem sie ihn analytisch durchdringen. Sie zeigen, dass man der Literatur und ihren Protagonisten ihr Geheimnis lassen und sie dennoch kritisch reflektieren kann. Beide erreichen das auf unterschiedliche Weisen.

Für Heimo Schwilk ist Hesses Leben eine Legende der Entgegensetzung von Eigen-Sinn und Herden-Sinn. Die erklärte Absicht des Autors ist es, „das eigentlich Faszinierende an Hesse herauszustellen“, und das besteht im antiideologischen Misstrauen gegenüber jeder Normierung des Ichs. Schwilk erzählt die Geschichte eines radikalen Individualismus, der zur Jahrhundertgeste geronnen ist. Alles an Hesse ist bis ins Extrem getriebener Eigensinn, der schließlich Formen der Totalverweigerung bis zur notorisch geäußerten Lebensfortsetzungsverweigerung erreicht, die dann in einem literarischen Werk ihr Ventil suchte und so die Fortsetzung des Lebens gerade ermöglichte. Schwilk gefällt es, diese unikate Figur des zwanzigsten Jahrhunderts in ihrer Unverwechselbarkeit kenntlich zu machen. Dazu bietet er ein Höchstmaß an erzählender Virtuosität auf. Er zeigt, dass Hesse jeder Vereinnahmung widerstand; auch vor dem Nobelpreis, den er als Albernheit abtat, machte er nicht halt und schickte seine Frau zur Verleihung nach Stockholm. Hesse wird in Schwilks Lesart zu einer personifizierten Schweiz. Sein Leben im Land der Eidgenossen, das er nach 1912 kaum noch verließ, bildete geradezu die Voraussetzung dafür, dass Hesse seine erratische Existenz als neutraler Neurotiker des Zeitgeistes bis zum Höhepunkt steigern konnte, bis zur Weltabwendung im kastalischen Mönchstum des „Glasperlenspiels“. Die Verwerfung der Gegenwart als „feuilletonistisches Zeitalter“, ein Begriff, dessen zeitkritisches Potential man von heute aus als eher bescheiden einstufen müsste, und die Vision von der Entstehung einer neuen Kaste abendländischer Mandarine ließ Hesse endgültig zum Weisen von Montagnola werden, denn, so Schwilk: „,Das Glasperlenspiel’ will nicht nur Dichtung sein, sondern Eucharistie.“

„Ein Schmecken des Transzendenten“

So geschickt Schwilk sich als Erzähler jedes Urteils enthält, so deutlich wird aus seiner sachlichen Legende das Hochproblematische, das Hesse im Zwischenmenschlichen auszeichnete. Schwilk erzählt, wie schroff der Dichter mit seinen Ehefrauen umgegangen ist, dass er Nähe nur schwer ertragen konnte, dass Sexualität lebenslang ein für ihn unlösbares Problem darstellte, dass er die Einsamkeit immer der Geselligkeit vorzog und dass er in seiner Weltsicht zeitlebens vom schwäbischen Pietismus durchdrungen blieb und von seinen moralischen Forderungen psychisch gequält wurde. Schwilk erzählt, aber er deutet nicht. Das ist die Stärke seines Buchs, denn sein Erzählen kommt aus einer großen inneren Nähe des Biographen zu seinem Gegenstand, die Distanz und Kritik nicht nur mit einschließt, sondern zum Fundament macht.

Im Gegensatz dazu legt Gunnar Decker eine Hesse-Biographie vor, in der diese Aspekte teils noch ausführlicher als bei Schwilk dargelegt und dabei herzhaft interpretiert werden. Decker schreckt nicht davor zurück, den Calwer Pietismus des Dichters zu dem psychischen Katastrophenszenario zu machen, das er für Hesse tatsächlich gewesen ist. Er weigert sich nicht, Hesses Beziehungen zu Frauen als „eine Art Jungfräulichkeitskomplex, eine Keuschheitsneurose“, zu bezeichnen und das im Prozess seiner Darstellung immer genauer zu erläutern - ja nicht einmal Hesses beachtlichen Weingenuss lässt Decker unkommentiert und entdeckt im Wein etwas, das dem Dichter nichts auf der Welt, auch nicht die Liebe und der Erfolg, ersetzen konnte: „ein Schmecken des Transzendenten, ein Genuss des Schweigens, das tief innen von Geheimnissen flüstert“.

Literatur als Lebensrettung

Decker interpretiert schlichtweg alles, und er tut dies in seltener intellektueller Brillanz. Sein Buch leuchtet nicht nur Hesses Leben bis in die kleinsten Winkel aus (Was hat es eigentlich gekostet, den entflohenen Klosterschüler unter Einsatz von Landjägern und Amtsdienern wieder nach Maulbronn zurückzubringen?), sondern erreicht dabei immer wieder die Grenze zwischen subjektiver und objektiver Neurose und überschreitet diese ständig in beide Richtungen. Wer einen intellektuell und sprachlich ausgereiften Essaystil schätzt, wird dieses Buch mögen. Nebenbei streift der Autor sachkundig und kritisch die zahlreichen Wissensgebiete, die für Hesse Wichtigkeit erlangten, und legt dar, welche Bedeutung ihnen in diesem Lebenslauf zukommt.

Beide Biographien machen deutlich, dass Hesse schreiben musste, weil er litt - unter sich und unter seiner Zeit, zumal unter seiner Herkunft und unter den Defekten, die sie bei ihm hinterlassen hat. Und sie demonstrieren, wie konsequent lebensrettend der Autodidakt auf die Literatur zugegangen ist, wie unbeirrbar er die therapeutische Dimension seines Schreibens erschlossen und ausgebaut hat.

Ein unbeugsamer Verächter der Ehe

Nach der Lektüre der beiden Werke wird klar, dass Hesse tatsächlich eine Jahrhundertgestalt ist, und zwar nicht, weil er einen anhaltend wirksamen Diskurs gestiftet hätte, sondern weil er in seiner radikalen Beharrung auf der Eigenheit des Ichs einen Leuchtturm in der Epoche der kollektiven Verblendungen errichtet hat, der bis heute sein Licht an so manchen verirrten Navigator der Jetztzeit aussendet.

Wenn man Hesses Leben mit Decker und Schwilk kennengelernt hat, so wundert man sich nicht, dass im Gedenkjahr den beiden Biographien ein Buch an die Seite tritt, das sich mit „Hesses Frauen“ beschäftigt. Die Berliner Autorin Bärbel Reetz hat eine umfassende erotische Biographie des Dichters vorglegt, deren Reiz daraus entspringt, dass Hesse zeitlebens ein höchst ambivalentes Verhältnis zum real existierenden Liebesleben unterhielt. In allen drei von Hesse geschlossenen Ehen, mit Maria Bernoulli, Ruth Wenger und Ninon Dolbin, scheint es so, als seien die Frauen die treibenden Kräfte gewesen, die den Dichter zum Heiraten bewogen. Hesse gab sich zeitlebens als unbeugsamer Verächter der Ehe, den äußere Umstände (und manchmal auch eigene Interessenlagen, wie der Wunsch, die Schweizer Staatsbürgerschaft zurückzuerhalten) immerhin dreimal in eine Lage gebracht haben, der er jeweils nur schwer gerecht werden konnte.

Im Hesse-Universum schmökern

Am unglücklichsten verlief auf den ersten Blick die Beziehung zu Ruth Wenger, einer Industriellentochter aus Basel, die sich vor allem für Mode und Haustiere interessierte und den rückzugssüchtigen Dichter regelmäßig zur Verzweiflung brachte. Nach der Eheschließung fühlte sich Hesse geradezu überrumpelt. Am Hochzeitstag, dem 11. Januar 1924, gab er seiner frisch Angetrauten eine Warnung mit auf den Weg: „Vergiss auch nicht, dass ich nicht bloß ein Quälgeist und nicht bloß ein armer Schizophrener ..., sondern auch ein König und magischer Großfürst bin.“ Gravierender zeigt sich Hesses Egozentrik in der Ehe mit Maria Bernoulli. Mit seiner Unausgeglichenheit, seinen Nervenkrisen und seinem Rückzugsverlangen trieb er auf die Dauer auch seine Frau in die nervliche Zerrüttung. So jedenfalls kommt es bei Bärbel Reetz zur Darstellung. Man kann ihr nicht vorwerfen, dass sie sich nicht an die Tatsachen hielte. Doch die Reduktion des literarischen Werks als Belegmodell für lebensgeschichtliche Krisen lässt den Schriftsteller Hesse dann doch aufs Format eines nervenkranken Familienphobikers schrumpfen. Den Roman „Roßhalde“ etwa als literarisches Muster für tatsächliche Eheprobleme zu lesen wirkt zu eindimensional. Hesse war nicht nur ein paranoider Anerotiker und katastrophaler Ehemann; daher legt das Buch von Bärbel Reetz die Frage nahe, ob es sinnvoll ist, das Leben eines Künstlers vornehmlich im Fokus seiner Ehen und Liebesbeziehungen zu lesen. Der analytische Ertrag von Gunnar Deckers Biographie ist hinsichtlich der Fragen nach Liebe und Sexualität bei Hesse weitaus größer als die Aufhäufung zwischenmenschlicher Fehlleistungen, die Bärbel Reetz liefert.

Wer jenseits dieser Verwerfungen Lust hat, den Dichter einfach nur zu feiern und im Hesse-Universum zu schmökern, dem sei der von J. Ulrich Binggeli herausgegebene Band „Heimweh nach Freiheit. Resonanzen auf Hermann Hesse“ ans Herz gelegt. Darin werden unter unterschiedlichsten Aspekten aus Hesses Schaffensräumen seine eigenen Texte mit denen seiner literarischen und akademischen Kommentatoren gekreuzt. Dass sich die oft kurzen Texte gegenseitig potenzieren, ist selbst eine poetische Leistung des Buchs, das in seiner Gesamtanlage eine besonders interessantes Experiment darstellt. Kapitel wie „Von Bäumen und Menschen“, „Im Süden I - Märchen“, „Im Süden II - Ekstase“ oder „Im Süden III - Liebe“ lassen den Dichter und den Menschen Hermann Hesse in einem höchst angenehmen Licht erscheinen. Beschäftigte man sich nur mit diesem Band und ließe die Biographien außer Acht, schaffte man es vielleicht sogar als älterer Zeitgenosse, die etwas naive Begeisterung für Hesse zurückzugewinnen, die den jugendlichen Leser eine Zeitlang getragen hat. Was sich bei der Lektüre des so anregenden und klug zusammengestellten Bandes bestätigt, ist die Tatsache, dass die poetische Welt, in die Hesse sich und seine Leser entführt, ihre besänftigende, träumerische und dann auch wieder aufrüttelnde Dimension vor dem Hintergrund einer unerträglichen lebensgeschichtlichen Erfahrungssubstanz ausbreitet. Die Literatur war sein unverzichtbarer Fluchtpunkt, und sosehr die Menschen in seiner Nähe unter Hesses zerrissenem Wesen gelitten haben, so viel an imaginativer Kraft strahlen seine Texte bis heute aus.

Bärbel Reetz: „Hesses Frauen“. Insel Verlag, Berlin 2012. 426 S., br., 16,99 Euro.

Gunnar Decker: „Hesse. Der Wanderer und sein Schatten“. Biographie. Hanser Verlag, München 2012. 703 S., geb., 26,- Euro.

Heimo Schwilk: „Hermann Hesse. Das Leben des Glasperlenspielers“. Piper Verlag, München 2012. 432 S., geb., 22,99 Euro.

J. Ulrich Binggeli (Hg.): „Heimweh nach Freiheit“. Resonanzen auf Hermann Hesse. Verlag Klöpfer & Meyer, Tübingen 2012. 356 S., geb., 19,90 Euro.

Quelle: F.A.Z.
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenHermann Hesse