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Volker Kutscher: Die Akte Vaterland

Das war der wilde Osten

Von Andreas Kilb
 - 12:12
Rezension: Volker Kutschers Berlin-Krimi „Die Akte Vaterland“ Bild: Verlag, F.A.Z.

So erlebt die Kommissaranwärterin Charlotte Ritter den Staatsputsch des deutschen Reichskanzlers gegen die demokratische Regierung Preußens am 20.Juli 1932: „Plötzlich war draußen ein Tumult zu hören, laute Stimmen, Rufe. Die Beamten schauten sich an ... Das Bild ließ keinerlei Zweifel zu: Die Reichswehr hatte den Berliner Polizeipräsidenten verhaftet und führte ihn aus seinem Dienstsitz.“ Albert Grezinski, der Polizeipräsident, hat an diesem Tag für das Begräbnis eines bei Straßenkämpfen erschossenen Polizisten seinen schwarzen Cutaway mit Zylinder angelegt: „Es war die passende Kleidung für die Beerdigung der preußischen Demokratie.“

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Die Szene ist der geheime Höhepunkt von Volker Kutschers neuem Kriminalroman „Der Fall Vaterland“, und sie erklärt zugleich, warum Kutschers Berlin-Krimis anders sind als andere Beispiele des Genres. Kutscher möchte nicht bloß durch historische Einsprengsel die passende Atmosphäre für seine Mordfälle herstellen, er will Geschichte selbst erzählen. In „Der nasse Fisch“, seinem ersten Roman um den im Berlin der späten zwanziger und frühen dreißiger Jahre ermittelnden Kommissar Gereon Rath, schilderte er die Straßenkämpfe zwischen Polizei und Kommunisten im „Blutmai“ von 1929, im zweiten, „Der stumme Tod“, war die Beerdigung des Nazi-Helden Horst Wessel eine Station des Geschehens, im dritten, „Goldstein“, spielten der Aufstieg der SA und die sich verschärfende Weltwirtschaftskrise in Raths Ermittlungen hinein.

Ein Fress- und Tanzbabel

Die Herausforderung dieser Kostümthriller besteht darin, die Zeitgeschichte beim Kragen zu packen, ohne die Spannungsdramaturgie zu vernachlässigen. Eine der besten Szenen in „Der stumme Tod“ handelt davon, wie Gereon Rath auf dem Berliner Funkturm den Zeugen einer Mordserie im Stummfilmmilieu treffen will. Am Eingang wird er aufgehalten – als einmillionster Besucher des Turms bekommt er einen Ehrenempfang. Als Rath endlich die Stufen zur Besucherplattform hinaufsteigen kann, sieht er gerade noch seinen Informanten von oben herabstürzen.

So ähnlich geht es Gereon Rath nun auch in der „Akte Vaterland“: Wo immer etwas Entscheidendes passiert, ist er gerade nicht zur Stelle. Während im „Preußenschlag“ vom 20. Juli die Reichswehr im Auftrag des Kanzlers Papen und des Reichspräsidenten Hindenburg die preußische Demokratie beseitigt und so den Untergang der Weimarer Republik einläutet, ermittelt Rath in der Wildnis von Masuren.

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In Treuburg, einem Städtchen an der polnischen Grenze, folgt er den Spuren eines Mörders, der zuletzt am Potsdamer Platz in Berlin zugeschlagen hat, in eben jenem „Haus Vaterland“, das bis zu seiner Zerstörung im Zweiten Weltkrieg der größte Amüsiertempel Berlins war, ein Fress- und Tanzbabel, dessen Themenrestaurants, Dioramen und künstliche Gewitter Franz Hessel und Siegfried Kracauer mit fasziniertem Schaudern beschrieben haben. Aber Treuburg, das ehemals Marggrabowa hieß, ist hinter seiner treudeutschen Fassade ein noch schlüpfrigeres Terrain als die Reichshauptstadt, so dass wir den Kommissar alsbald mutterseelenallein durchs nächtliche Moor irren sehen, ohne Hoffnung auf Rat und Rettung.

Historisch stimmig und detailliert

Der Mann, der ihn schließlich doch aus dem Schlamm zieht, ist neben Rath die zweite Hauptfigur dieses Romans, ein Eremit und Ost-Indianer, den in Masuren alle nur den „Kaubuk“ nennen, weil er wie ein Unhold aus dem Märchen in den Wäldern haust. Mit besonderer Liebe zeichnet Kutscher in seinen Büchern solche Außenseiter, nicht nur, weil sie ein willkommenes Element der Unordnung ins glatte Kalkül des Krimis bringen, sondern auch, weil in ihnen jene Poesie steckt, die das kettenrauchende und mit der Halbwelt klüngelnde Rauhbein Rath in sich unterdrückt. Ihr Gegenbild sind jene enthemmten Spießer, in denen sich, wie in dem zwielichtigen Schnapsbrennereidirektor Wengler, der amoralische Geist einer Gesellschaft verkörpert, die bald für jede national verbrämte Schandtat zu haben sein wird.

Wie stets bei Volker Kutscher kann man sich darauf verlassen, dass die historischen Details der Handlung stimmen. Das Städtchen Treuburg, heute Olecko, gibt es tatsächlich, ebenso wie die masurische Glumse, ein Quarkgericht, das Gereon Rath dort im Hotel „Salzburger Hof“ verspeist, und sogar der dunkelhäutige Wildwestdarsteller Mohamed Husen, den die Kommissaranwärterin Charlotte Ritter bei ihrer Undercover-Recherche im „Haus Vaterland“ kennenlernt, hat wirklich existiert; nach 1934 trat er in zahlreichen Ufa-Filmproduktionen auf und starb zehn Jahre später, wegen „Rassenschande“ inhaftiert, im KZ Sachsenhausen.

Die Verführungskraft eines Suchtmittels

In dieses faktische Korsett fügen sich die fiktiven Elemente der Geschichte zwanglos ein. Der Hauptschurke treibt einen lukrativen Schmuggel mit gepanschtem Branntwein, der über Berlin nach Amerika verschifft wird, wo seit 1919 die Prohibition regiert. Eines der Mordopfer ist ein Verkehrspolizist, der die noch von Hand gesteuerte Ampelanlage auf dem Potsdamer Platz bedient. Dass er von einem Mann getötet wird, der in die Kleider eines seiner Kollegen geschlüpft ist, gehört zu den leisen Pointen, die Kutscher mit Vorliebe setzt: In Preußen genießt die Uniform eben immer noch blindes Vertrauen.

Der Erzähler Kutscher schwächelt interessanterweise gerade da, wo er die Erwartungen des Krimilesers bedienen zu müssen glaubt. Der Showdown in der masurischen Seenlandschaft wirkt wie eine Pflichtübung, auch die allmählich in Richtung Heirat voranschreitende Liebesgeschichte zwischen Rath und „Charlie“ Ritter nimmt mehr Raum ein als notwendig. Lieber hätte man noch Genaueres über die unheilige Allianz zwischen SA-Schlägern, Inflationsgewinnlern, Presse und Beamtentum im 1932 bereits tiefbraun gefärbten Ostpreußen erfahren. Oder eben über die Folgen des „Preußenschlags“.

Dennoch hat auch dieser Roman, wie alle bisherigen Folgen der Rath-Serie, die Verführungskraft eines Suchtmittels: Man kann ihn nicht aus der Hand legen, ehe man ihn ausgelesen hat. Wer über die Berlin-Literatur der nuller und der zehner Jahre nachdenkt, sollte Volker Kutschers Kostümkrimis nicht vergessen, in denen vielleicht mehr zeitgeschichtliche Substanz steckt als in vielen Ich-Geschichten aus Kreuzberg und Friedrichshain. Noch über vier Bände hin will Kutscher die Geschichte von Gereon Rath weitererzählen, bis zu den Olympischen Spielen von 1936. Er schickt seinen Kommissar, der glaubt, sich die Politik vom Leib halten zu können, ins Herz der Finsternis. Und wir werden ihm neugierig dorthin folgen.

Volker Kutscher: „Die Akte Vaterland“. Gereon Raths vierter Fall. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2012. 576 S., geb., 19,99 Euro.

Quelle: F.A.Z.
Andreas Kilb
Feuilletonkorrespondent in Berlin.
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