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Wir bringen dein Herz schon noch zum Sprechen!

 - 12:00

Jedes Kind weiß, daß es tödlich sein kann, zum wahren Kern der Dinge vorzustoßen. Wer einen Teddybär aufschlitzt, um zu sehen, was drinnen ist, hält nur Stoffetzen in den Händen. Das zerschraubte Radio birgt keine Stimmen, sondern Schrott. Daß der aufgeschnittene Körper nicht den Sitz der Seele verrät, gehört zum Grundwissen der Aufklärung, obwohl gerade die Moderne mit dem Menschen umspringt, als glaubte sie unter seiner Haut einen verborgenen Schatz oder schlicht brauchbare Organe zu finden. Doch was, wenn sich durch Mißachtung der fleischlichen Hülle ein edleres Innen entdecken ließe? Wem wäre die Grenze des Körpers dann noch heilig?

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Der neue Roman von Wladimir Sorokin, dem literarischen enfant terrible Rußlands, beginnt mit einer Urszene der Gewalt: Zwei Menschen, ein dicker Geschäftsmann Ende Vierzig und ein halbes Hemd in Jeans und Lederjacke, befinden sich in der Hand brutaler Folterer, die entweder Sadisten oder Irre zu sein scheinen. An Stahlpfeiler gefesselt, wird dem Älteren mit einem Hammer aus Eis der Brustkorb eingeschlagen; "Antwort" soll der Geknebelte überdies geben, bis er schließlich tot zusammenbricht. Dann kommt der Jüngere an die Reihe. Sein T-Shirt mit dem Aufdruck "www.fuck.ru" wird zerfetzt; der ebenso grausame wie sinnlose Ritualmord scheint sich zu wiederholen. Doch tatsächlich: Nach mehreren heftigen Schlägen antwortet das Herz, die Peiniger vernehmen eine innere Stimme, die den "wahren" Namen des Jungen preisgibt: "Ural". Mit einem Mal wird er, der eigentlich Lapin heißt, verschont und in eine Klinik gebracht, wo sich Ärzte und engelhafte Krankenschwestern sanft um ihn bemühen. Eine Frau macht ihn dann mit der "Zärtlichkeit des Herzens" vertraut, einer Art Seelenkurzschluß mit Wohlfühlgarantie, nicht zu verwechseln mit dem niedrigen Sinnengenuß, den sich Normalsterbliche verschaffen wollen. Der vermeintlich neugeborene Ural/Lapin will wenig von den wirren Erklärungen seiner neuen "Schwestern" und "Brüder" wissen und nutzt die erstbeste Gelegenheit zur Rückkehr in sein früheres Leben, zu Saufkumpanen und Internet-Junkies.

In diesem ersten von vier Teilen seines Romans, der im zeitgenössischen Moskau spielt, reiht Sorokin mehrere solcher Initiationsgeschichten aneinander, die alle nach dem gleichen Muster verlaufen: Entführung, das brutale Ritual des "Aufklopfens" und - im Falle einer "Antwort" - die Aufnahme in die Gemeinschaft der "zum Leben Erwachten" einschließlich vegetarischer Mahlzeit und ebenso fleischlosem Liebesakt. Auch folgt stets die vorübergehende Flucht vor dem Glückszwang. Doch ob es der kaputte Kiffer Lapin, die Edelnutte Nikolajewa oder der abgebrühte Businessman Borenboim ist - alle sind von ihrem unfreiwilligen Erweckungserlebnis in den Bann geschlagen, reagieren fortan emotional hochgradig empfindlich, bis sie irgendwann schluchzend zusammenbrechen, als von einem beliebigen Herzen die Rede ist. Kurz, sie folgen einer inneren Stimme, ihrem Gefühl und spüren, wie leer, oberflächlich und dumpf ihr früheres Dasein, der "Schlaf" vor dem Erwachen war.

An dieser Stelle unterbricht Sorokin die Gegenwartshandlung, die zugleich ein Panorama sozialer und seelischer Abgründe Rußlands ist, und wechselt Tonfall und Genre. Bezog der Roman bis dahin seine Spannung aus dem irritierenden Kontrast zwischen "hard boiled"-Krimi und New-Age-Propaganda, aus dem nicht aufgelösten Widerspruch, daß mit Foltermethoden die Erlösung blutig herbeigehämmert wird, so übernimmt nun eine scheinbar naive Ich-Erzählerin das Kommando. In einer Persiflage auf den Ton russischer Volksmärchen - ganz ähnlich wie in Tatjana Tolstajas Roman "Kys" - erzählt ein zum Zeitpunkt des deutschen Angriffs auf die Sowjetunion zwölfjähriges Mädchen ihre Lebensgeschichte: Die Besatzung ihres Dorfs durch die Deutschen, den Abtransport zur Zwangsarbeit ins "Reich", ihre merkwürdige "Selektion" durch einen SS-Offizier und die darauf folgende blutige Aktion mit dem Eishammer, die wir bereits kennen: "Rrumms! Er schlug so kräftig zu, daß Splitter von dem Hammer wegflogen. Daran sah ich, daß der aus Eis war. Mir wurde neblig vor den Augen. Der Oberste preßte sein Ohr wieder an. Das war schon voll von meinem Blut. Und plötzlich schrie er: ,Ja! Ja! Herr Laube, sofort!'" Worauf Herr Laube mit dem Hörrohr kommt und nach einem weiteren Schlag den ersehnten Namen vernimmt: "Chram".

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Nach dieser Erweckung und dem bekannten keimfreien Beischlaf des Herzens wird Chram in die Grundlage der geheimen Lehre eingeführt: Das Licht am Anfang des Kosmos bestand aus 23 000 Strahlen, die Erde mit ihrer spiegelnden Wasseroberfläche störte die Weltenharmonie, und erst der Einschlag eines Eis-Meteoriten 1908 in Sibirien brachte genug astrale Energie auf die Erde, um den Sprung in der kosmischen Schüssel zu kitten. Denn das Eis ist "Ljod", "ein idealer kosmischer Stoff, den das ursprüngliche Licht hervorbringt". Und mit den Hämmern aus Ljod entdeckt man die zum Erwachen Auserwählten: 23 000 Menschen, alle blond und blauäugig, seien fähig zur "Sprache des Herzens", und wenn alle erweckt seien und gemeinsam die 23 Herzenswörter aussprächen, werde sich die Erde in reinem Licht und allgemeinem Wohlgefallen auflösen: "Und mit ihr unsere irdischen Leiber. Wir finden zurück in unsere Existenz als Strahlen des Ursprünglichen Lichts. Kehren zurück in die Ewigkeit." Dann sei die kosmische Reise zu Ende, außer Spesen nichts gewesen. Klappe zu, Welt tot. Aber erlöst.

Was folgt, ist der atemberaubende Bericht von Chrams Mission, die auf der Geschwistersuche in Rußland eine Geheimorganisation innerhalb des NKWD aufbaut. Virtuos nutzt die Sekte das totalitäre System, um in einem GULag das wertvolle Eis abzubauen und zugleich systematisch die Provinz nach blonden und blauäugigen Opfern zu durchkämmen, um diese dann "aufklopfen" zu lassen - bei einer Erfolgsquote von einem Prozent, der Rest ist Biomüll: "In zweieinhalb Monaten unermüdlicher Arbeit fanden wir so 22 Brüder und 17 Schwestern. Das war der Durchbruch. Ein Sieg des Lichts! Rußland vollzog seine Kehrtwendung hin zur Lichten Ewigkeit." Die von einem Vertrauten Berijas gedeckte Truppe läßt ganze Stockwerke verhaften, um ihre Treffen leichter zu arrangieren, übersteht - nach Stalins Tod und dem Wechsel der Machtverhältnisse - durch die Kraft der zwei Herzen selbst schlimmste Foltern und rettet sich schließlich über das Ende der Sowjetunion hinweg in die Ära der Joint-ventures und Immobilienspekulationen: "Am 1. Januar 2000 waren WIR auf der ganzen Erde 18 610." Das Ende ist nah.

Diese Geschichte, die einerseits die Wurzeln aus den gewalttätigen Utopien des letzten Jahrhunderts zieht, andererseits die in Rußland populären Heilslehren und Verschwörungstheorien zu persiflieren scheint, wird von Sorokin ganz ernst und unironisch erzählt, ohne den bekannten Griff ins Register des grotesken Slapsticks. Das gnostische Weltbild - die scharfe Trennung zwischen Licht und Finsternis, Sprache des Herzens und körperlichen Bedürfnissen, geistigen Geschwistern und wertlosen "Fleischmaschinen" - versteht sich im Roman von selbst. Insofern könnte man ihn leicht als Propagierung einer absurden Wahnideologie mißverstehen. Darin, nicht in einzelnen krassen Gewalt- und Sexszenen, liegt die ästhetische Provokation dieses Buchs; die Verkündigung seiner esoterischen Heilslehre wird nur gebrochen durch die fast beiläufige Schilderung der Leichenberge, die sie schulterzuckend zurückläßt.

Die eingestreuten Traumschilderungen, die das Leben der einzelnen Figuren noch einmal surreal verdichten, spiegeln Sorokins Poetik: Der ganze Roman folgt einer Traumlogik, ist selbst eine Art Albtraum der Weltgeschichte und ihres inneren Motors, der gnadenlosen Unterwerfung des einzelnen unter verabsolutierte Ideen und universalistische Phantasmen. Im dritten Teil wird neben Nationalsozialismus und Stalinismus auch noch der entfesselte Kapitalismus zum Verbündeten der Sekte: Wie in einer Dauerwerbesendung erzählen die unterschiedlichsten Menschen von ihrer Begegnung mit dem "Wellness-Set ,Ljod'", einer trendigen Vorrichtung zur astralen Seelenmassage inklusive Tränenabsauger, deren Anwendu0ng stets in Träumen, Erinnerungen und dem sprachlosen Erleben der kosmischen Lichttherapie endet. Die Sekte weiß auch die Kommerzialisierung aller Lebensbereiche zu nutzen. Damaskus liegt jetzt im Cyberspace, die spirituelle Umkehr ist zum käuflichen Medieneffekt geworden oder, wie es der aufgeweckte Webdesigner formuliert: "Das Ding ist Kult."

Im Epilog versucht ein Kind zum wahren Kern der Dinge vorzustoßen. Ein kleiner Junge ist allein zu Haus; das blaue Köfferchen in der Ecke hat es ihm angetan. Drinnen ist ein Eiswürfel in Klarsichthülle, der gar nicht süß schmeckt. Er spielt damit sein Superheldenspiel und nimmt ihn mit ins Bett, um ihn zu wärmen. Am Ende bleibt die Hoffnung, daß so die entscheidende Erweckung Nr. 23 000 gerade noch verhindert wurde.

Wladimir Sorokin: "Ljod. Das Eis". Roman. Aus dem Russischen übersetzt von Andreas Tretner. Berlin Verlag, Berlin 2003. 350 S., geb., 22,- [Euro].

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.10.2003, Nr. 232 / Seite L2
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