Roman „Zeithain“

In anderen Zeiten wäre aus ihm ein Werther geworden

Von Andreas Kilb
 - 22:05

Vor sechs Jahren lief im Köpenicker Schloss eine Ausstellung mit dem weitschweifigen Titel „Kriegsgericht in Köpenick! Anno 1730: Kronprinz – Katte – Königswort“. Die Schau selbst war alles andere als geschwätzig: Sie führte mit Aktenstücken, Briefen, einem Richtschwert und anderen Objekten den historischen Beweis, dass die Verurteilung und Hinrichtung des Premierleutnants Hans Hermann von Katte wegen Beihilfe zum Fluchtversuch des preußischen Kronprinzen kein Justizmord auf Befehl des wütenden „Soldatenkönigs“ Friedrich Wilhelm I., sondern die Konsequenz eines Staatswesens war, dessen Ordnung auf militärische Disziplin gründete. Manche Besucher waren über die Tendenz der Schau, die den Fall Katte aus den Nebeln der borussischen Geschichtsschreibung heraus- und in den Horizont seiner Zeit zurückholte, moralisch enttäuscht, andere eher erleichtert. Viele schrieben ihre Meinung ins Gästebuch, einige verfassten Rezensionen. Den ausführlichsten Kommentar hat Michael Roes zu Papier gebracht. Es ist sein achthundert Seiten langer Roman „Zeithain“.

Kattes Schicksal wäre längst vergessen, hätte sich der Kronprinz, der nach seiner gescheiterten Flucht in die Festung Küstrin gesperrt wurde, wo er zumindest Ohrenzeuge von Kattes Exekution wurde, nicht zu jenem Friedrich weiterentwickelt, den auch die heutige Geschichtsschreibung noch „den Großen“ nennt. Am Königshof des Alten Fritz durfte der Name Katte nicht ausgesprochen werden, so tief war die Wunde, die sein Tod in der Seele des Monarchen hinterlassen hatte. Um so lauter bringt der Romancier Roes jetzt das Schicksal des Gehenkten zu Gehör. Er nennt nicht bloß Kattes Namen, er gibt ihm auch Stimme und Gesicht, er macht ihn zum Helden einer Geschichte, die über drei Jahrhunderte hinweg den Bogen in unsere Gegenwart zu schlagen versucht.

Bevor wir freilich dem Kronprinzen zum ersten Mal begegnen, vergehen in „Zeithain“ gut fünfhundert Seiten. Bis dahin haben wir Katte als rebellischen Knaben, vergrübelten Schüler, sinnsuchenden Studenten und reisenden Kavalier im altmärkischen Wust, in Halle, Königsberg, Paris und London erlebt. Dass er ausgerechnet in dem blassen und schwächlichen Fritz die Erfüllung seiner Liebessehnsucht findet, wird ihm vom Erzähler dabei wahrlich nicht in die Wiege gelegt. Katte ist das, was man früher einen Prachtkerl genannt hätte, gerecht, gütig, musikalisch, treu bis zur Selbstaufgabe. Seine Achillesferse ist sein Körper, denn Homosexualität, so behauptet es jedenfalls dieser Roman, ist für einen brandenburgischen Junker keine Option. So wird Kattes Adoleszenz zur irrenden Suche nach einem Gegenüber, dem er sein Verlangen offenbaren kann.

Von zweideutigen Frauen- und Männerfreundschaften

Als Zögling der Franckeschen Stiftungen in Halle-Glaucha schließt er Schülerfreundschaften, deren Zwei- oder Eindeutigkeit er sich selbst nicht eingestehen will. Als Kunststudent in Königsberg unter der Aufsicht seines Vaters, des Stadtgouverneurs, weist er die Avancen einer jungen Witwe zurück, traut sich aber auch an seinen Kommilitonen Andreas, einen frühen Sozialrevolutionär mit Preußenzopf, nicht recht heran. Als er in London von seiner Kusine Petronella von der Schulenburg fast beiläufig entjungfert wird, brechen endlich Kattes innere Dämme, und er verbringt eine Nacht mit einem Seemann, der am nächsten Morgen nach Südamerika aufbricht.

Das klingt gefährlich nach Kolportage, aber der Eindruck täuscht. Roes hat dieses Drama einer sexuellen Selbstfindung vielmehr mit äußerstem Takt und gebührender Umständlichkeit angelegt, wie eines jener komplizierten Manöver, an denen das achtzehnte Jahrhundert so reich war, sei es auf dem Schlachtfeld oder dem gesellschaftlichen Parkett. Nur dass sein Held als Charakter eigentlich nicht in diese Zeit gehört. Nicht zufällig legt ihm der Erzähler mehrmals Zitate aus Wilhelm Müllers „Winterreise“ in den Mund, deren Verse den Text für Schuberts unsterblichem Liederzyklus bilden.

Hans Hermann von Katte mag ein Zeitgenosse Bachs gewesen sein – den er bei einem Besuch am Köthener Hof sogar persönlich kennenlernt –, aber bei Michael Roes wird er zu einer Gestalt der Romantik. Die schummrigen Gassen Königsbergs und die Hinterhöfe von Paris, in denen Katte dem Gespenst seines ermordeten Reisegefährten nachjagt, liegen näher an Poe und E. T. A. Hoffmann als an Laurence Sterne, und bei den Schilderungen des Schüler- und Studentenlebens denkt man an Büchner und Moritz. Am unzeitgemäßesten in seinem Weltschmerz ist aber unser Held selbst. „Wie sinnlos das alles ist!“, ruft er aus, als er bei einem Spießrutenlauf zusehen muss. Ein andermal hat er „Seite um Seite mit unleserlichen Versen“ in sein Reisetagebuch gekritzelt. Aus solchen Jünglingsseelen hat Goethe vierzig Jahre nach Kattes Tod seinen „Werther“ geschmiedet.

Als Katte und Friedrich endlich zusammentreffen, liegt der Prinz auf einem Operationstisch. Dass der Preußenkönig als Knabe versehentlich sterilisiert wurde, gehört zur Folklore um Friedrich den Großen, und Roes’ Schilderung des misslungenen Eingriffs im Berliner Schloss gibt ihr neue Nahrung. Nach dieser Szene aber fällt der Druck der Erzählung schlagartig ab. Es ist, als hätte ein Inspizient die Figuren ermahnt, mit den Spielereien aufzuhören und sich auf ihre historischen Rollen zu besinnen. Der Roman schnurrt jetzt wie ein Uhrwerk, doch sein Zauber hat sich in der Mechanik verflüchtigt. Am Ende philosophiert Katte zwar noch einmal mit seinen Wärtern über den Willen Gottes und die Vorsehung, aber es klingt wie ein Dialog aus einem Kostümfilm. Die Fakten übernehmen die Regie, und der Autor Michael Roes landet in dem Genre, das er vermeiden wollte.

Aber das sind Einwände eines Ausstellungsbesuchers. Wer nicht weiß, was damals beim Kriegsgericht in Köpenick verhandelt und beschlossen wurde, wird die Geschichte mit anderen Augen lesen und ihren Planspielcharakter verschmerzen. Die eigentliche Schwäche des Romans liegt in seiner Rahmenkonstruktion. Um den Abstand zwischen Katte und uns zu verkleinern, hat Roes einen Erzähler eingeschaltet, dem er den Namen Philip Stanhope gibt. So hieß auch der vierte Earl of Chesterfield, der Ehemann der flotten Petronella und Verfasser eines bekannten Erziehungsratgebers in Briefen, wodurch die Katte-Recherche seines Nachfahren zu einer Art Familienchronik wird.

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Aber Roes beschränkt sich nicht darauf, Stanhope auf Kattes Spuren zu schicken, er halst ihm zusätzliche allegorische Aufgaben auf. Stanhope ist Epileptiker und ebenfalls homosexuell. Das Laken, das er in seinem Hotel über Nacht vollgeblutet hat, dreht er den ahnungslosen Berlinern als Kunstwerk an. Im Tiergarten fallen ihm ein neugeborener Kojote und ein Engel-Embryo vor die Füße, die er mütterlich aufzieht. In einem Krankenhaus trifft er einen Arzt, mit dem sein Vater einst als britischer Besatzungssoldat sein Coming-out erlebte. Und zuletzt wächst Stanhope auch noch eine zweite Zunge. Offenbar hat Roes in dieser Figur alle Einfälle begraben, die ihm beim Nachdenken über Katte und Friedrich gekommen sind. Er hätte es besser gelassen. Sein Roman kann ohne diese Krücke gehen. Könnte. Hätte gekonnt.

Warum „Zeithain“? So heißt ein Dorf an der Elbe, vor dessen Toren August der Starke von Sachsen im Jahr 1730 ein berühmtes Heer- und Lustlager für seinen preußischen Königskollegen errichten ließ. An diesem Ort, so heißt es, fasste der kleine Friedrich der Große den Entschluss, vor seinem Vater ins Ausland zu flüchten, nachdem dieser ihn öffentlich durchgeprügelt hatte. Katte war Zeuge der Szene. Und so steht sie nun auch im Buch. Aber bloß wie ein nacherzähltes Gemälde. Denn Katte, der Held, ist in ihr nur noch ein Statist. Am Ende musste Michael Roes die Logik seiner Geschichte der geschichtlichen Logik opfern. Hätte er einen Weg gefunden, dieses Opfer zu vermeiden, wäre „Zeithain“ ein großer historischer Roman geworden. So bleibt es ein großer Versuch.

Michael Roes: "Zeithain". Roman. Verlag Schöffling & Co.,  Frankfurt am Main 2017. 808 S., geb., 28 Euro.

Quelle: F.A.Z.
Andreas Kilb - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Andreas Kilb
Feuilletonkorrespondent in Berlin.
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