Michel Onfrays „Niedergang“

Panikmache ist auch ein Geschäftsmodell

Von Oliver Jungen
 - 22:23

Das Alles von Heute, das fällt, das verfällt“, da war sich Nietzsches Zarathustra 1884 sicher, und er zeigte sich wenig empathisch: „Was fällt, das soll man auch noch stossen!“ Nun geht das Abendland aber schon sehr lange unter, spätestens seit der Reformation, allerspätestens seit Oswald Spengler. Allerallerspätestens seit Samuel Huntingtons Ausrufung des Krieges der Kulturen. Trotzdem ist es immer noch da und immer noch verdächtig mächtig. Das animiert Zarathustras Erben freilich nur dazu, noch kräftiger zu stoßen.

Ein besonders ungestümer Totenglockenläuter ist der französische Intellektuelle Michel Onfray, ein ehemaliger Philosophielehrer und stilistisch nicht untalentierter Polemiker, der einst eine ganze Volksuniversität gegen den Siegeszug des Front National etabliert hat, heute jedoch in einem Dauerfeuer aus Büchern, Artikeln, Radiosendungen und Web-Streams Positionen vertritt, die denen des ehemaligen Gegners sehr nahekommen.

Mit „Niedergang“ legt der Vielschreiber, der bereits mehr als fünfzig Bücher im Namen eines harten philosophischen Materialismus verfasst hat, jetzt eine Art vorläufige Summe seines Denkens vor, eine gewaltig dröhnende Abrechnung des bekennenden Atheisten mit dem jüdisch-christlichen Westen, ein siebenhundertseitiges Stoßgebet, um dieser todgeweihten Zivilisation den jetzt aber wirklich letzten Schubser zu geben. Dabei verheddert sich Onfray in den eigenen Propositionen. Vor allem aber stolpert er nach vielen hundert Seiten mal frech und amüsant, mal windig und schief rekapitulierter Geistesgeschichte in einen stumpf islamophoben Stammtisch-Populismus inklusive EU-Bashing, der leider als Motor des ganzen Projekts gesehen werden muss. Nur so erklärt sich der Furor, mit dem dieser Krawallphilosoph zweitausend Jahre Denktradition auf ein schlichtes Entropie-Modell hinbiegt: Zunahme des Nihilismus bis zum Wärmetod unserer Kultur.

Maschinen als Feind der Menschheit

Onfray wählt das ganz große Besteck. In der Vorrede wird ein altbekanntes Axiom gesetzt, das als „jähe Erkenntnis“ über den Philosophen gekommen sei: „dass der Untergang das Gesetz alles Seienden ist“. Jede Geschichte ist also notwendig Verfallsgeschichte, und zwar in einem kosmischen Sinn: Seit dem Urknall strebe das Sein dem Nichtsein entgegen. Dieses Sein wiederum bestehe aus einander ablösenden Kulturen, die ihre Kraft stets aus der Religion schöpften. Alle Kulturen, da ist Onfray mit Spenglers morphologischem Ansatz einverstanden, durchliefen die Stadien Aufblühen, Höhepunkt, Niedergang, Tod. Die im späten Niedergangsstadium angelangte Zivilisation des Judäo-Christentums stehe nun kurz vor der Ersetzung durch jene des Islams. In Onfrays deterministischem Weltbild ist das eine nicht zu betrauernde Notwendigkeit: „Es bleibt uns nur, möglichst elegant unterzugehen.“ Und doch ist dieser aufdringliche Fatalismus natürlich eine Spielart des Alarmismus.

Neben dem allen Kulturen einwohnenden Ende und dem großen kosmischen Tod, weil irgendwann die Sonne erlischt (oder zuvor schon unsere Ressourcen), macht der Autor im Nachwort – und nun endgültig sein Dekadenzmodell im Geiste Edward Gibbons zerschreddernd – eine dritte Form des Untergangs ausfindig, die technologische, die nun wiederum aus dem ruinierten Westen stammt, dem Silicon Valley, aber alle Zivilisationen betrifft: der Tod des Menschen durch Verschaltung mit intelligenten Maschinen. „Der Transhumanismus existiert schon heute“, heißt es. Scheint uns diese Gefahr also nicht noch näher zu sein als die säbelrasselnden und bettenbiegenden – ähnlich wie bei Thilo Sarrazin werden nämlich die „höheren Geburtenraten“ der muslimischen Europäer beschworen – Krieger des Kalifen? Fällt der blutige Untergang aus, weil wir uns zuvor virtualisieren?

Auch im Kleinen springen die Widersprüche ins Auge. So gibt sich Onfray zunächst alle Mühe, Jesus als „Nichtkörper“ und „Fiktion“ der als Geschichtsquellen wertlosen Evangelien zu entlarven, um später im Text der aggressiven Kirche „Verrat“ an Jesus und seiner Lehre vorzuhalten. Zudem beruht für den Autor der Erfolg der christlichen Zivilisation genau auf dieser Brutalität, wie der abschließende Part ex negativo vor Augen führen will: ein friedliebendes, relativistisches Christentum habe keine Kraft mehr, den Gegnern zu widerstehen.

Zahllose, nicht immer seriöse Quellen

Trotzdem werden die zahlreichen Exzesse im Namen der Kirche von den frühen Heidenpogromen über Kreuzzugs-, Inquisitions- und Missionierungsmassaker mit Empörung und Lust an der blutigen Anekdote ausgebreitet, während Franz von Assisi wie ein heimlicher Held erscheint. Konsistent ist das alles nicht.

In Siebenmeilenstiefeln eilt Onfray von den Römern bis in unsere Gegenwart, immer auf den Spuren des von Konstantin dem Großen ins Recht gesetzten „totalitären christlichen Staats“, der erst in der Renaissance allmählich hinterfragt worden sei. Auch das: wenig überraschend. Der flott geschriebene Text verarbeitet viel kanonisches Wissen und zitiert zahllose, nicht immer seriöse Quellen. Manche Kapitel gehen kaum über Wikipedia-Einträge hinaus (inklusive der Fehler, wenn etwa die fiktive Synode von Köln im Jahre 346 als Faktum behandelt wird), andere bieten interessante Seitenblicke, so beispielsweise auf den wenig bekannten Radikalaufklärer Jean Meslier, einen Landpfarrer, der im achtzehnten Jahrhundert den atheistischen Kommunismus erdachte.

Mitunter wird es billig. So führt der Anti-Freudianer Onfray die mit Paulus zum Dogma erhobene Leib- und Sinnenfeindlichkeit der Kirche ferndiagnostisch auf eine „Impotenz durch erektile Dysfunktion“ des Urtheologen zurück. Ab dem siebten Jahrhundert, das ist der dramatische Bogen dieser Erzählung, lauert ein Potenzmonster auf seine Chance, den Westen zu übernehmen: der wesenhaft kriegerische Islam.

Gegen alles und jeden

Im Fortgang der Erschöpfungsgeschichte des Abendlands ist unappetitlich von „Entartung“ die Rede. Reformation und Französische Revolution hätten ebenso zur Auflösung der christlichen Zivilisation beigetragen wie der angebliche Nihilismus der Moderne. Gegenstandslose Kunst hält Onfray für ein untrügliches Verfallszeichen. Mit Hasstiraden überzieht er die Achtundsechziger-Bewegung, für ihn nicht viel mehr als die Selbstermächtigung ungebildeter Pädophiler. Der französische Strukturalismus ist für den Autor purer Relativismus im Namen der Märkte, Michel Foucault ein Hohepriester der Islamisierung. Es belustigt, wie ein derart ressentimentgeladener Kulturkritikrundumschlag der Aufklärung vorwerfen kann, das Ressentiment zum Prinzip gemacht zu haben. Selbstredend bekommt auch der Journalismus sein Fett weg: als Fake-News-Propaganda, die schon früh der Hinrichtung eines Unschuldigen zuarbeitete, König Ludwig XVI.

Hier unkt also zuletzt einfach ein populistischer Provokateur, der sich gern als Pendant Michel Houellebecqs inszeniert, gegen die seiner Meinung nach „vorherrschende, neomarxistische Geschichtsschreibung“. Das Ziel sind tatsächlich platte, Panik schürende Sie-Wir-Oppositionen im Hinblick auf muslimische Flüchtlinge in Europa: „Wir sind erschöpft, sie erfreuen sich bester Gesundheit“ und „Wir haben die Vergangenheit, sie haben die Zukunft“. Das ist ein geradezu jämmerliches Resultat dieses Ritts nach Golgatha und zurück. So geht in dem polemischen, eklektischen, unwissenschaftlichen Buch, das man auf jene Formel bringen kann, mit der der Autor ein Jahrtausend Patristik bedenkt – „so viel Intelligenz, verschwendet an so viele Torheiten“ –, schließlich nur eines unter: der Intellektuelle Michel Onfray.

Michel Onfray: Niedergang: Aufstieg und Fall der abendländischen Kultur von Jesus bis Bin Laden. Aus dem Französischen von Stephanie Singh und Enrico Heinemann. Knaus Verlag, München 2018. 702 S., geb., 28,– €.

Quelle: F.A.Z.
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