„Strudlhofstiege“ als Hörbuch

Das Schöne zeigt die kleinste Dauer

Von Hannes Hintermeier
 - 15:33
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„Früher war man in der Schreibung von Eigennamen nicht polizeilich-meldeamtsmäßig genau.“ Peter Strudel, auch Strudl geschrieben, gab der Liegenschaft ihren Namen. Der 1714 in Wien gestorbene Maler hatte in der Vorstadt nicht nur den später zum Palais aufgewerteten Strudlhof nebst Landwirtschaft und Atelier errichtet, sondern auch die erste private Kunstakademie Europas. Zweihundert Jahre später ließ die Stadt Wien durch Theodor Johann Jaeger, Ingenieur im Stadtbauamt, eine Treppenanlage im 9. Bezirk errichten, die das Gelände zwischen der Boltzmanngasse und der (damaligen) Liechtensteinstraße in architektonisch überzeugender Jugendstil-Handschrift überwand.

Dort, in seinem „Quellgebiet“, siedelte der mit der Gegend um den Alsergrund intim vertraute Schriftstelle Heimito von Doderer seinen Roman „Die Strudlhofstiege“ an. 1951 erschienen, bereits seit den späten Zehnerjahren konzipiert, gelang Doderer damit im reifen Alter von fünfundfünfzig Jahren der literarische Durchbruch. Er selbst nannte das Buch „Zentrum der Substanz meines Schreibens überhaupt“– und sah in ihm doch nur die „Rampe“ zu dem 1956 erschienen Roman „Die Dämonen“.

Die historische Bohrung, die der Untertitel der „Strudlhofstiege“ verspricht – „Melzer und die Tiefe der Jahre“ –, dreht sich in vier großen Abschnitten um die Jahre 1910 und 1911, sowie um die Jahre 1923 bis 1925, also jeweils rund sieben Jahre vor beziehungsweise nach dem Ende des Ersten Weltkriegs und dem Zusammenbruch der k.u.k. Doppelmonarchie. Kulminationspunkt ist der 21. September 1925. Der Tag, an dem Mary K. bei einem Unfall mit der Straßenbahn das linke Bein oberhalb des Knies abgetrennt wurde.

Weicher Singsang, weiche Konsonanten

Wer Doderer lesen will, braucht Sitzfleisch, wer Doderer hören will, auch. Der Audio Verlag hat jetzt die 1996 vom Hessischen Rundfunk produzierte, ungekürzte Lesung von Peter Simonischek wieder aufgelegt. Für dreißig Cent die Stunde kann man sich 909 Seiten „Totalroman“ zuführen, wobei man recht eigentlich von der ersten Minuten an gefangen ist von dem warmen Timbre, dem weichen Singsang der verschachtelten Perioden Doderers, die Simonischek mit wunderbarem Tonfall und größtmöglicher Übersicht vorträgt. Denn es ist kein leichtes Unterfangen, dieses vielstimmige Werk, dessen Sprecher nicht nur den k.u.k. Kanzleistil pflegen, sondern aus allen sozialen Milieus dialektale und umgangssprachliche Einsprengsel zuliefern, so zu lesen, dass die Erzählerstimme eine Welt evoziert, gleichzeitig fließend, gemäßigt und kultiviert, die uns doch schon ferngerückt ist.

Es gibt keine hartes „t“ oder „p“ in diesem Hörbuch: Simonischek hat das auch bei diversen Texten von Joseph Roth schon hinreißend gelöst, auch für Doderer war er die richtige Wahl. Man wird beim nächsten Wien-Besuch wie von einem Magneten angezogen die Strudlhofstiege aufsuchen, die Stimmen dieses Romankosmos von vor hundert Jahren im Kopf.

Wer sich zusätzlich ein Hörvergnügen bereiten will, fahnde antiquarisch nach der 2001 vom Österreichischen Rundfunk vorgelegten CD „Heimito von Doderer. Ein Porträt 1896–1966 “, auf welcher der Autor selbst mit seiner unnachahmlichen, von Helmut Qualtinger allein annähernd perfekt imitierten Sprechweise zu erleben ist.

Im Zentrum des Romans steht der k. u. k. Infanterieleutnant Melzer, nach dem Ersten Weltkrieg Amtsrat bei der Tabak-Regie, einem Unternehmen, das in kaiserlichem Auftrag das Tabakmonopol verwaltet. Melzers gar nicht so aufregende Menschwerdung wird kontrastiert mit dem zuerst als Gymnasiasten, später als Historiker auftretenden René von Stangeler. „Der Schiefäugige“ stammt aus einer großbürgerlichen Familie, hat viele Geschwister, zieht im Sommer ins Landhaus an der Rax. Anders als Melzer, der für das (Klein-)Bürgerliche steht und das idyllischere Ende für sich hat, bleibt dem Großbürgertum mehr Fallhöhe und damit der dauerhafte Abgesang auf seine Epoche. Hinter Stangeler verbirgt sich der Autor selbst, dessen Lebensweg maßgeblich durch gleich zwei Kriegsteilnahmen und mehrjährige -gefangenschaften, einmal in Sibirien, einmal in Norwegen, geprägt wurde.

Der Roman spielt in Wien und seinen Vororten, in Donaudörfern und auf Tennisplätzen, in Restaurants und Salons, in Garnisonsstädten der Monarchie bis hinunter nach Bosnien. Erzählt wird aus der Warte eine Erzählers, denn allwissend zu nennen eine Untertreibung ist. Der Unfall der Mary K. verschafft dem zum Major beförderten Melzer die Gelegenheit, sich als geistesgegenwärtiger Retter ins Spiel zu bringen. Fünfzehn Jahre zuvor hatten Melzer und Mary K. sich nicht zu einer dauerhaften Verbindung durchringen können.

Es sind solche Liebschaften und Seitensprünge, die im Hintergrund der Handlung sogleich so stark zu rumoren beginnen, dass sie unverzüglich die Oberhand gewinnen. Wer an lineares Erzählen gewöhnt ist, wird hier erst einmal Federn lassen müssen. Doderer kommt vom Hundertsten ins Tausendste und wieder zurück innerhalb weniger Sätze, er wechselt die Perspektiven blitzartig, orchestriert seine Symphonie mit einem Panoptikum der besseren Wiener Gesellschaft, zu der auch aus den Kronländern zugewanderte Typen wie der Schürzenjäger Doktor Negria gehören.

Doderer setzt auf Alltagsgeschichten

In weiteren biographischen Verschlingungen treten auf der Rittmeister von Eulenfeld, E.P., Editha Schlinger, geborene Pastré, Grete Siebenschein, Amtsrat Zihal, Strom-Meister Ferdinand Schachl und seine Tochter Paula, die sich mit Stangeler anfreundet; schließlich Theresa Rokitzer, die am Ende den „Melzerich“ ehelichen wird – „ihr fehlte zur Dummheit, wie unser Zeitalter sie kennt, die Frechheit und Bösartigkeit“. Im dunkelsten Inneren handelt der Roman auch vom Selbstmord der Etelka Stangeler, der Schwester Rénes. Melzer ließ seine Chance bei ihr ungenutzt verstreichen.

Doderer blendet den Ersten Weltkrieg weitgehend aus, er hielt den „Einhieb“ von 1918, den Übergang von der Monarchie zur Republik nicht für so bedeutend wie die meisten Historiker. Alltagsgeschichte hat bei ihm einen mindestens ebenso großen Stellenwert wie der große Strom der Weltgeschichte.

In einer Art Selbstkommentar lässt Doderer René Stangeler nach der Hälfte des Buch auf Nachfrage Melzers ein Kurzreferat über die Strudlhofstiege halten. „Wie ein Gedicht, genau so“, sei diese: „Es ist das entdeckte und Form gewordene Geheimnis dieses Punktes hier. Der entschleierte genius loci. Dieser Sachverhalt liegt jedem bedeutenden Bauwerk zugrunde, und tiefer noch als dessen Fundamente: dem Palazzo Bevilaqua in Bologna oder der Kirche Maria am Gestade zu Wien. Der Platz war in beiden Fällen ausgespart. Auch für die Strudlhofstiege, auch wenn sie keinen Punkt in der Kunstgeschichte markiert, heute wenigstens und für uns. Die Zukunft kann auch das sehr anders wenden.“

Heute weiß man: Die Zukunft hat es gewendet, und „Die Strudlhofstiege“ gehört zu den Höhepunkten deutschsprachiger Literatur im zwanzigsten Jahrhundert. Es ist Peter Simonischeks Verdienst als Vorleser, dass man sich dessen nicht erst nach zweitausendfünf Minuten Hörzeit gewiss ist.

Heimito von Doderer: „Die Strudlhofstiege“. Ungekürzte Lesung von Peter Simonischek. Der Audio Verlag, Berlin 2017. 3 mp3-CDs, 2005 Min., 10,– .

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Hintermeier, Hannes (hhm)
Hannes Hintermeier
Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Neue Sachbücher“.
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