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Eugen Drewermanns Potential

Eine verpasste Chance für die Menschheit?

Von Raphaela Schmid
 - 22:21
Eugen Drewermann auf dem ökumenischen Kirchentag 2003 Bild: Picture-Alliance, F.A.Z.

Die Stimmung im Reutlinger Methodistenseminar sei „wie sonst nur beim Fußballendspiel der Weltmeisterschaft“ gewesen. Dort verfolgte Matthias Beier 1991 den „kafkaesken Prozess“, in dem der „Fernseh-Seelsorger Deutschlands“ zum Opfer der „Inquisition“ wurde. In jenem Jahr entzog der Paderborner Bischof Degenhardt dem Theologen Eugen Drewermann die Lehrbefugnis. 1992 folgt das Predigtverbot, worauf Drewermann erklärt, er werde auch das Priesteramt nicht mehr ausüben.

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Das Schicksal Drewermanns hat Matthias Beier, der heute am Seminar einer reformierten Gemeinschaft in Indianapolis unterrichtet, zu einer Biographie angestachelt, die Enthüllungen verspricht. Mit Hagelstürmen entrüsteter Ausrufezeichen und dem Jargon seiner Kirchenkritik bleibt das Buch ganz den Emotionen der Studienzeit verpflichtet. Beier erzählt Beier von einem Mann, dessen „Bedeutung für die Menschheitsgeschichte (...) kaum überschätzt werden“ könne.

Pazifismus, Protestantismus und Psychoanalyse

Eugen Drewermann kommt 1940 in Bergkamen als jüngster Sohn einer Bergarbeiterfamilie auf die Welt. Angst hat er oft, im Bombenkeller, bei Fliegerangriffen, um den Vater bei einem Grubenunglück. Die Mutter betet dann, und das scheint ihr Mut zu geben. Sie ist „streng katholisch“, der evangelische Vater „nicht religiös“. Auf katholischer Seite erinnert er sich an „Aberglauben“ und „Denkverbote“, während der evangelische Onkel, ein Religionslehrer, ihm erklärt wie man „heute“ die Bibel lese. Albert Schweitzers Sicht, dass Jesus „es nicht hingenommen hätte, sich als ,Sohn Gottes‘ verehren zu lassen“, erlebt Drewermann als „großartige Entkrampfung und Widerlegung kirchlichen Dogmas“.

Jetzt will er Theologie studieren, beginnt obendrein im Alter von sechzehn Jahren „schrecklich zu leiden“, besonders „unter Menschen, die das Leid von Krieg und Tierschlachterei ganz normal fanden“. In der Wehrdienstdebatte identifiziert er sich mit dem Pazifismus Martin Niemöllers, der Militärdienst und christlichen Glauben für unvereinbar hält. Als Pius XII. in einer Rede die Wehrdienstverweigerung in einem gerechten Krieg als unterlassene Hilfeleistung einstuft, sieht Drewermann eine „Heiligung des Krieges“ und Auslöschung des Gewissens, was zur „tiefen Existenzkrise“ führt.

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Seiner Familie teilt er mit, er wolle evangelischer Pfarrer werden, doch der Rektor des Gymnasiums, selbst Lutheraner, rät vom Übertritt ab. Drewermann vermutet, um den „Skandal“ zu vermeiden, dass ein „als sehr respektierter Musterkatholik angesehener Schüler“ von seinem Glauben abfällt. So bleibt Drewermann katholisch und beginnt die Ausbildung zum Priester für die Diözese Paderborn. Den Seminaristen begeistern weder die großen christlichen Autoren der Vergangenheit noch die ambitionierten Entwürfe zeitgenössischer Systematiker. Was ihn fasziniert, sind andere Religionen. Auf Reisen sammelt er Eindrücke, die ihm bestätigen, dass alle Religionen die gleichen Ur-Bilder enthalten. Unter Mitstudenten gilt er indessen als „konservativer Gruppensprecher“.

1966 erfolgt die Priesterweihe. Als Kaplan im Kurort Bad Driburg trifft er im Phänomen der außerehelichen Reha-Romanze auf die pastorale Realität, „auf die ihn kein Theologiestudium vorbereitet hat“ . Zur Treue zu ermahnen, scheint ihm sinnlos. Weil Menschen durch Affären „einfach glücklich werden wollen“ und „Vernunft und guter Wille allein nichts ausrichten können“ muss er, um zu helfen, in „Bereiche des Unbewussten“ vordringen. Freigestellt zur Promotion beginnt er eine Ausbildung in Psychoanalyse. Heimlich, „damit es keine Probleme gab“, denn Kardinal Jäger schien Freud nicht ernst zu nehmen: „Die Ermordung des Urvaters – so ein Mumpitz, sprach mein Kardinal (...). und schlug sich vor Vergnügen auf die Schenkel.“

Der trojanische Dozent

Drewermanns Schulung in Neopsychoanalyse beruht auf einer Synthese aus Freud, Adler und Jung, die schon im Bestseller Fritz Riemanns „Grundformen der Angst“ weite Verbreitung gefunden hatte. Die Einsicht, dass Sünde im Grunde Angst sei, überzeugt ihn: „Menschen sind gar nicht Täter, sondern sie sind schon im Ghetto ihrer Angst die Opfer.“ Die Lehranalyse konfrontiert Drewermann „intensiv mit sich selbst“. 1970 sagt er in der Gruppentherapie, wenn ihm etwas vor das Auto liefe, gäbe es ihn nicht mehr. Kurz darauf fährt er, um einen Hasen zu retten, gegen einen Baum.

Er bricht die Therapie ab und beginnt mit der Promotion. Ziel ist, mit einer psychoanalytischen Lektüre des Buches Genesis die Sündenlehre vom „Moralismus“ zu befreien. Daraus werden eineinhalbtausend Seiten, mit denen er sich später auch habilitiert: „Strukturen des Bösen“. 1978 wird er vom neuen Paderborner Bischof Degenhardt als Privatdozent für katholische Dogmatik zugelassen. Beier übersieht es, aber der kirchliche Lehrauftrag ist für Drewermann von Anfang an problematisch. Die Zustimmung, den Glauben der Kirche unverkürzt zu lehren, macht ihn zum Teilhaber an einem Lehramt, das er für illegitim hält. Er ist überzeugt, dass Jesus diese Kirche nicht gewollt hat, weder ihre Sakramente noch ihre Lehrautorität. Eine Dozentur, erklärt er, sei legitim nur „als Trojanisches Pferd“, um „in die Kreise hineinreden zu können (...), die sich gründlich verändern müssten.“

Die trojanische Taktik, Thesen nicht an die Kirchentüre zu nageln, sondern so zu formulieren, dass sie ins Innere der kirchlichen Lehre vordringen können, trifft bei Bischof Degenhardt und Kollegen auf eine Hermeneutik des Vertrauens. Schließlich galt Drewermann bisher als konservativ. Wenn er nun sagt, die Auferstehung könne „in psychologischer Betrachtung auch in historischem Sinne als innerlich wahr“ gelten, hören sie zunächst „historisch“. Als Zweifel an Drewermanns Linientreue aufkommen, setzt Degenhardt auf klärende Gespräche. Häresien seien schwer festzustellen, kommentiert ein Beisitzer, Drewermann schreibe so „schwammig“. Der selbst verwahrt sich gegen „Verdacht“ und „Verleumdung“ und besteht darauf, dass nur wer sein Gesamtwerk gelesen habe, ihn recht verstehen könne.

Verfolgt vom „Großinquisitor“

Mittlerweile offenbart sich auch Drewermanns Medienpotential. In Talkshows steht sein Name für komfortable Theologie im kirchenkritischen Pullover. Beier hat keine Zweifel an der Uniformität der Rezeption: Einhelliger Applaus des Saalpublikums trifft auf ebenso einhellige Freude in deutschen Wohnzimmern, denn von Abtreibung bis Zölibat, hier wird dem harten Brot des Glaubens endlich eine Butterseite verliehen. Mit rund fünfzig Büchern – darunter dem Bestseller „Kleriker. Psychogramm eines Ideals“ (1989) – findet Drewermann ein großes Publikum.

„Millionen“, nimmt Beier an, stehen hinter Drewermann. Der ist sich seiner medialen Wirkung bewusst. Als er beginnt, die Öffentlichkeit in den Konflikt mit dem Bischof einzubeziehen, erklärt er, das solle ihn, aber auch den Bischof vor dem „Druck von oben“ schützen. Denn seit Drewermann erfahren hat, dass seine Bücher auch in Rom geprüft werden, ist er überzeugt, der Paderborner Bischof sei nur Handlanger des eigentlichen Gegenspielers, der als „Großinquisitor“ die Macht der Amtskirche verkörpert – Joseph Kardinal Ratzinger.

Persönlich hatte Drewermann Ratzinger nur einmal und aus der Distanz des Studenten im Hörsaal erlebt. Die Vorlesung des jungen Dogmatikers löste bei Drewermann eine olfaktorische Halluzination aus: „Mir war physisch schlecht und obwohl ich fast geruchsblind bin, war die Empfindung, als würde ständig eine bestimmte Art von Parfüm verströmt, ganz merkwürdig.“ Er habe dieses Phänomen nie wieder erlebt. Eine bedeutungsträchtige Episode, ahnt Beier und will aufdecken „wie die Verurteilung Drewermanns direkt und indirekt von dem späteren Papst inszeniert und gesteuert wurde“. Die Enthüllung „aufgrund von Dokumenten, die 2006 bekannt werden“ entpuppt sich dabei als eine Festschrift der katholischen Gemeinschaft „Integrierte Gemeinde,“ die belegt, dass zu ihrem Freundeskreis sowohl Ratzinger als auch Degenhardt gehören. Zwei Theologen der Gemeinde hatten 1987 eine Kritik Drewermanns verfasst. „Sie stilisieren sich zum pseudowissenschaftlichen Beweisorgan“, erklärt Beier. Er ist sicher, die „Schmähschrift“ könne nur ein Auftragswerk Ratzingers sein. Mit Hilfe eines „Arsenals von Gemeinde-Theologen“ habe er Drewermann in ein „Feindbild einordnen“ lassen. Der emeritierte Papst antwortete auf Beiers Anfrage, dass er „nur marginal mit dem Problem befasst worden war“.

Angstgetriebene Projektionen

Immer mehr wird der Prozess selbst zum Fokus des Konflikts. „Vorverurteilung“, „Rechtsunsicherheit“ und „Befangenheit“ sind nun die Stichworte. Drewermann behauptet, er werde auf Verdacht verurteilt, aber es sei auch nie um Glaubensfragen gegangen, sondern um Macht. Beier folgt dieser Darstellung der Verhandlungen ohne sie mit der Dokumentation der Diözese abzugleichen. Eine Rekonstruktion steht somit weiter aus.

Der Entzug der Lehrbefugnis ist in Beiers Augen eine verpasste Chance für die Menschheit, denn Drewermanns innere Dekonstruktion hätte das Potential gehabt, dem Katholizismus als angstgetriebenem „Kurzschluss von Macht und Gott“ ein Ende zu bereiten. 2005, als Ratzinger Papst wird, gibt Drewermann in einer Talkshow seinen Kirchenaustritt bekannt. Für die Zeit danach und seine nächsten fünfzig Bücher braucht Beier nur noch einige Seiten. Angstgetriebene Projektionen diagnostiziere Drewermann nun in Wirtschaft und Politik.

Quelle: F.A.Z.
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