Bilderbuch „Alles unter Wasser“

Fünf unwahrscheinliche Freunde

Von Andreas Platthaus
 - 16:14

Bei diesem Bilderbuch muss man zunächst etwas zum Verlag sagen. Es gibt ihn erst seit zwei Jahren, er trägt den seltsam anmutenden Namen „àbac“ und residiert in Barcelona. Das erklärt immerhin seine Firma, denn „àbac“ ist das katalanische Wort für Abakus, jenes durchaus kindgerechte Berechnungsmittel mit mehrfarbigen Kugeln, mit dem durch einfaches Verschieben Kalkulationen durchgeführt werden können. Ähnlich simpel ist die Kalkulation des àbac-Verlags: Heute kommt es technisch nicht mehr darauf an, wo man residiert, und das deutsche Buchhandelswesen ist gut organisiert, so dass man nur einen hiesigen Vertriebspartner braucht. Den hat àbac mit Indiekids gefunden, und so sind in den gerade einmal zwei Lebensjahren des Hauses schon sechzehn deutsche Bilderbücher erschienen, fast alle an kleinere Kinder gerichtet. Das jüngste heißt „Alles unter Wasser“ und ist von Anna Aparicio Català geschrieben und illustriert.

Das ist praktisch, denn die junge Autorin lebt auch in Barcelona, und vor einem Jahr ist bereits von einem anderen Verlag ein erstes Bilderbuch von ihr ins Deutsche übersetzt worden: „Wut“, über die Zornesattacken eines kleinen Jungen. Das neue Werk, im katalanischen Original etwas schlichter nur „Aigua“ (Wasser) betitelt, ist deutlich friedlicher gestimmt, obwohl es hier weitaus mehr Grund zu Wutausbrüchen gäbe: Über ein kleines idyllisches Dorf in einem Bergtal bricht plötzlich ein Dauerregen herein, der die Häuser zu überschwemmen droht. Also machen sich fünf tapfere Bewohner auf, die Quelle der Wassermassen zu finden.

Es sind – alphabetisch geordnet, denn unter ihnen gibt es keinerlei Hierarchie – ein Frosch, ein Fuchs, ein Hase, ein Igel und ein Maulwurf. Wer nun meint, Hase und Igel oder Fuchs und Hase gäben erfahrungsgemäß kein gutes Team ab, liegt falsch. Diese Truppe hält zusammen – wenn es sein muss und einmal hoch hinaus gehen soll, auch nach bewährter Art der Bremer Stadtmusikanten in einem wagemutigen Kraftakt. Bei dem der Igel die Basis bildet, denn er ist der Größte unter den Fünf – auch mit naturgemäßen Proportionen hält sich Anna Aparicio Català nicht auf. Oder damit, dass nur zwei im Quintett (Hase und Igel) Kleider tragen. Als Illustratorin kommt es ihr allein darauf an, die eigene Geschichte verlockend zu bebildern. Und da sie sich als Verfasserin fast jede individuelle Kennzeichnung verkneift – nur der Hase wird auch als solcher bezeichnet –, kann sie die Figuren so gestalten, wie es ihr vernünftig erscheint. Also möglichst verlockend für ihr Publikum, und was könnte für Kinder verlockender sein als eine Gruppe reizend aussehender Tiere?

Sehr abwechslungsreich in Bildern erzählt

Nun ist es aber auch nicht so, dass Anna Aparicio Català rein auf Gefälligkeit schielte. Als sich etwa die Dorfbewohner zum ersten Mal zur Beratung bei einer Tasse Tee treffen und ihnen das Wasser im Wohnzimmer schon bis zu den vom Sofa herabbaumelnden Pfoten steht, da ist noch ein Sechster mit dabei – einer, der so groß ist, dass er gar nicht ins Zimmer passt und nur seinen langen Schnabel durchs Fenster hereinschieben kann: ein riesiger Rabe, ein veritabler Vogel Roch. Auf der nächsten Doppelseite sieht man die anderen fünf auf seinem Rücken sitzen und ins Trockene jenseits des Regens fliegen, um der Ursache des Wolkenbruchs auf de Spur zu kommen. Doch über diesen Rabengiganten verliert die Geschichte nie ein Wort, er ist da, als wäre das ganz selbstverständlich, aber gerade das ist er nicht, und das macht das Buch auch ein kleines bisschen gruselig.

Und damit noch etwas geeigneter für Kinder, denn wenn alles schon ablesbar wäre, was man sieht, wäre es ein schlechtes Bilderbuch. Das ist es aber nicht. Vielmehr wird darin sehr abwechslungsreich in Bildern erzählt. Zum Beispiel wechseln sich doppelseitige Illustrationen (die klare Mehrzahl) mit solchen ab, die in kleinen Sequenzen auf einer oder zwei Seiten arrangiert sind.

Wo sie auftauchen und einfach wieder verschwinden

Das ist just bei jenen Stellen der Fall, wo es längere Zeiträume zu überbrücken gilt, und konsequent wird dafür die Lesegeschwindigkeit durch Bildwechsel verlangsamt. Außerem gibt es da auch noch mal etwas zu staunen: über einen Eisriesen, der auch einfach mal so den Weg der Expedition kreuzt, sich aber gar nicht für sie interessiert. Und das Buch auch nicht weiter für ihn.

Aber wir interessieren uns für ihn. Jedenfalls mehr als für die etwas schlichte Auflösung, die arg moralisch naiv daherkommt. Das muss kein Schaden sein bei Kindern im Vorlesealter. Aber die Stärken von „Alles unter Wasser“ liegen dort, wo Figuren auftauchen und einfach wieder verschwinden. Da können dann alle munter übers Buch hinauserzählen. Und das wird auch geschehen.

Anna Aparicio Català: „Alles unter Wasser“. Aus dem Katalanischen von Denise Mallon. àbac Verlag, Barcelona 2018. 36 S., geb., 15,– €. Ab 4 J.

Quelle: F.A.Z.
Andreas Platthaus
Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.
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