Die Vorgeschichte zum Bilderbuch „Großer Wolf & kleiner Wolf“

Er würde auch mehr von der Decke kriegen

Von Fridtjof Küchemann
 - 16:15

Bilderbücher über Gefühle gibt es im Überfluss: Trotz und Trauer, die Angst im Dunkeln oder vor dem ersten Tag im Kindergarten, Motzen und Mutigsein - nichts bleibt unbeleuchtet, jede Regung findet irgendwo ihren Widerhall. Meist sind solche Werke gut gemeint, selten sind sie gut gemacht, ihre Geschichten sind schlicht wie die Weisheiten, die den Kindern in dieser verkappten Frühform der Ratgeberliteratur zu guter Letzt nahegelegt werden: Seht ihr, es geht doch!

Natürlich gibt es Ausnahmen, Bücher wie „Garmans Sommer“ von Stian Hole, dieses eigenwillige Bilderbuch über die letzten Ferientage vor dem ersten Schultag, über Abschied und Ungewissheit, das im Herbst mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet worden. Oder wie die Geschichte der ungleichen, namenlosen Wölfe von Nadine Brun-Cosme und Olivier Tallec, deren erstes Buch aus dem Jahr 2009 jetzt eine Fortsetzung, eigentlich eine Vorgeschichte bekommen hat. Damals, in „Das Glück, das nicht vom Baum fallen wollte“, wirkten der große und der kleine Wolf so vertraut miteinander, dass wir uns nun wundern, wie vorsichtig und durchaus ambivalent sich die beiden in „Vom Glück zu zweit zu sein“, im französischen Original zwei Jahre vor der Fortsetzung veröffentlicht, einander annähern.

Kein Grund zur Sorge

Dabei ist der kleine Wolf eines Tages einfach da. Er kommt - ohne zu zögern, ohne ein Wort - zum großen Wolf, der unter seinem Baum lebt, und es ist der große Wolf, der sich gleich sorgt, der Fremde könnte vielleicht größer sein als er. Nach einem Tag, an dem sich die beiden aus den Augenwinkeln betrachten, und einer Nacht, in der der Große dem frierenden Kleinen schließlich einen Zipfel seiner Bettdecke hinüberschiebt, fragt er sich wiederum, ob der Kleine womöglich besser auf den Baum klettern könnte als er.

Doch auch diese Sorge ist unbegründet. Dann bricht der große Wolf zu seinem Spaziergang auf, nicht ohne sich am Fuße des Hügels, auf der anderen Seite des Weizenfeldes und am Waldrand noch einmal lächelnd nach dem kleinen Wolf unter dem Baum umzuschauen. Doch als er abends zurückkehrt, ist der Kleine nirgends zu sehen. Der große Wolf isst nichts an diesem Abend, er schläft nicht in dieser Nacht, am Morgen schaut er nur lange in die Ferne. Und er wartet.

Kein Wort wie Liebe, Sehnsucht, Sentiment

Er muss lange warten, drei Doppelseiten lang, bis der kleine Wolf wieder dort auftaucht, wo er das erste mal aufgetaucht ist, bis sich die beiden eingestehen, dass ihnen ohne einander langweilig ist, bis der kleine Wolf den Kopf auf die Schulter des großen legt und der große glücklich ist.

In jedem anderen Kinderbuch wäre spätestens an dieser Stelle von Liebe die Rede, vom Vermissen, von Sehnsucht, überall sonst würden große Gefühle benannt. Hier klopft dem großen Wolf schlicht das Herz vor Freude, als er den kleinen als winzigen Punkt in der Ferne auftauchen sieht, ohne schon sicher sein zu können, dass das wirklich er ist. Zwei Seiten später ist er glücklich. Und das ist alles.

Alle Freiheiten des Mitgefühls

Das ist natürlich noch lange nicht alles, aber alles andere wird erzählt und nicht beim Namen genannt. Es ist wohl auch zu fein, um einfach ausgestellt zu werden: Wie langsam die Sorge des unter den Baum zurückkehrenden Großen wächst, der Kleine könnte verschwunden sein. Wie er in dieser seltsamen Mischung aus Verzweiflung und Entschlossenheit in sich die Kraft spürt, lange auf den kleinen Wolf zu warten, „auch wenn er das niemals von sich geglaubt hätte“. Dass sich der wartende Wolf vornimmt, dem vermissten Freund, sollte er je wiederkommen, ein größeres Stück Decke abzugeben, dass er sich vorstellt, ihm vielleicht zu helfen, noch höher als er selbst zu klettern, und dass er merkt, ihm würde es nicht einmal etwas ausmachen, wenn der kleine Wolf inzwischen größer geworden wäre als er.

Es ist diese emotionale Genauigkeit, mit der Nadine Brun-Cosme ihre jungen Leser erreicht, und es ist natürlich die Rauhheit der leicht pastos gemalten und dann mit dunklem Buntstift überkrakelten Bilder Olivier Tallecs, die den Reiz dieses Buchs ausmacht. Es sind kindliche Gefühle, an die beide anknüpfen, ohne ihre Geschichte in einen den Kindern vertrauten Rahmen fügen zu müssen. So ist es nicht nur egal, ob die beiden Wölfe eigentlich Freunde oder Geschwister sind, es lässt den Lesern auf wunderbare Weise auch alle Freiheiten des Mitgefühls.

Nadine Brun- Cosme: „Großer Wolf & kleiner Wolf: Vom Glück, zu zweit zu sein“. Mit Bildern von Olivier Tallec. Aus dem Französischen von Bernadette Ott. Gerstenberg Verlag, Hildesheim 2011. 32 S., geb., 12,95 €. Ab 4 J.

Quelle: F.A.Z.
Fridtjof Küchemann  - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Fridtjof Küchemann
Redakteur im Feuilleton.
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