Dieter Brauns Tiere im Norden

Alle Schattierungen von Grau

Von Freddy Langer
 - 17:09

Ja, auch bei Tieren gibt es ein Nord-Süd-Gefälle! Im Süden leben pfefferminzgrüne Sonnenanbeterinnen und giftgelbe Baumsteigerfrösche, knallorange Tiger, backsteinrote Dingos, feuerrote Kalongs und tiefseeblaue Wale - und dann erst die Vögel: rosa Flamingos, türkisfarbene Kolibris, Pfaue im metallisch schimmernden Federkleid aus Grün und Blau und Aras, die aussehen, als seien sie zu hektisch zwischen den gestapelten Töpfen und Eimerchen in der Dekorationsabteilung eines Baumarkts hindurchgeflattert und hätten dabei alles umgerissen, bis die Farben nur so platschten und flatschten. Alles so schön bunt hier, ruft der Süden mit der Inbrunst eines Opernsängers, deutlich vernehmbar über das wilde Schwirren, Trillern und Jubilieren hinweg. Und Dieter Braun hat es gehört. Beherzt griff er hinein in die elektronische Farbpalette seines Rechnerprogramms, setzte am Bildschirm aus Flächen, Strichen, Kurven und Pünktchen die Welt der wilden Tiere als bezaubernde Vectorgrafiken zusammen, bündelte das Ganze zu einem Bildband, einer Art Tierlexikon für Kinder, und erhielt prompt von der Stiftung Buchkunst die Auszeichnung „Eines der schönsten deutschen Bücher“ dafür. Zu Recht! Das alles geschah im vorigen Jahr.

Und jetzt? Jetzt folgt die obere Erdhalbkugel. Das war nicht anders zu erwarten. Doch herrje! Der Lockruf des Nordens ist wie ein Flüstern. Von Weiß wie Eisbär über trist wie Wolf bis zu Schwarz wie Schwertwal arbeitet Dieter Braun im ersten Kapitel des Buchs vor allem mit allen Schattierungen von Grau. Stille legt sich über die Bilderseiten einer totenstarren Welt des Eises und des Schnees. Statt Rufen steigen dort aus aufgerissenen Mäulern bestenfalls Nebelfahnen auf. Nur das Hufgetrappel der Bisons hallt von fern über die Prärie. Später dann folgt immerhin das Heulen der Coyoten. Und noch später kommt dann auch Farbe ins Spiel, viel Braun, viel Grün für den deutschen Wald und die Weiten Skandinaviens.

Den Schritt zum Künstler unternommen

In seinem zweiten Teil der „Welt der wilden Tiere“ nimmt Dieter Braun den Leser in drei Etappen mit auf eine Reise durch Nordamerika, Europa und Asien. Eine Karte dient zur ersten Orientierung, Städte sind keine eingezeichnet, Menschen kommen nur im Vorwort vor - als Eindringlinge in die Tierwelt, in der sie eine Spur der Verwüstung hinterlassen. „Fast ein Drittel der Tiere in diesem Buch sind in ihrem Fortbestand gefährdet, einige sogar unmittelbar vom Aussterben bedroht“, schreibt Dieter Braun. Da blättert man gleich noch ein wenig andächtiger.

Dieter Braun ist Illustrator. Seine Arbeiten werden ebenso in Frauenzeitschriften wie in Nachrichtenmagazinen veröffentlicht. Mit reduzierten Formen, gedeckten Farben und großen monochromen Flächen hat er eine wiedererkennbare Bildsprache entwickelt, die sich ebenso für Stillleben und Landschaften wie für Porträts und technische Darstellungen eignet. Auf mattem Papier entfalten sie ihre volle Wirkung, weil es ihren Retro-Charakter betont, andererseits durfte Braun auch schon eine Titelseite von „Newsweek“ gestalten. Ihren vollkommenen Ausdruck findet seine Art der Gestaltung in jenen Landkarten, auf denen er strenge Grafik mit skurrilen Ideen kombiniert - und in seinen Kinderbüchern, in denen er den Schritt zum Künstler unternimmt.

Ein wenig Exotik kennt auch die Nordhalbkugel

Im riesigen Format präsentiert er die Tiere bisweilen so flächig und kantig, dass sie aussehen wie Pappmodelle, was zu einem geradezu skulpturalen Eindruck führt und manchem der Tiere den Ernst eines Staatswappens ins Gesicht meißelt. Andere Male sieht man hinter Brauns Bildern berühmte Fotografien oder Tuschezeichnungen aufblitzen, die ihm offenbar als Vorlage dienten. Dem verniedlichenden Kindchenschema verschließt er sich vollkommen. Aber die Abfolge nimmt Rücksicht auf junge Leser: Auf den grimmigen Wolf etwa, vor dem einem angst und bange werden kann, folgen prompt zwei fröhliche Streifenhörnchen. Dass auch die Nordhalbkugel ein wenig Exotik kennt, wird mit Goldfasan und Przewalski-Pferd bewiesen.

Die knappen Texte zu manchen der Tiere sind ein wenig trocken geraten und bisweilen arg holprig formuliert. Das hätte man für ein Kinderbuch flotter hinbekommen können. Und oft genug erfährt man leider gar nichts, etwa zum Manul. Dem Manul? Aber dafür gibt es ja das Internet - oder Väter, die abends am Kinderbett beginnen, aus zoologischem Halbwissen und hervorgekramten Reiseerinnerungen ihre eigenen Märchen zu spinnen.

Dieter Braun: „Die Welt der wilden Tiere im Norden“. Knesebeck Verlag, München 2015. 144 S., Abb., geb., 29,95 €. Ab 8 J.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Langer, Freddy (F.L./La.)
Freddy Langer
Redakteur im Feuilleton, zuständig für das „Reiseblatt“.
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