Georgische Märchen

Jeder Geizkragen trägt eine Teufels-Trense im Mund

Von Tilman Spreckelsen
 - 13:22

Ein Kind, von dem es heißt, „es arbeitete nicht gern, aber im Essen war es unübertroffen“ – was kann aus so einem schon werden?

Im Prinzip alles, schließlich sind wir in einem Märchen, und es macht gerade den Reiz dieser Gattung aus, dass man wenigstens in der Exposition jederzeit mit allem rechnen muss. Wenn aber die Sache einmal in Fahrt gekommen ist, folgt sie in der Regel auch einem Gleis: Der Froschkönig hat den Ball aus dem Brunnen gefischt, jetzt wird er die Prinzessin behelligen bis zum bitteren Ende. Die Kinder haben sich im Wald verlaufen, jetzt müssen sie den Weg nach Hause finden, auch wenn sie es dabei mit der Hexe zu tun bekommen, und dergleichen mehr.

Im Fall des jungen Müßiggängers, der so gern isst, liegen die Dinge anders. Was ihn umtreibt, weiß man nicht so recht, und ob ihn überhaupt etwas umtreibt, ist fraglich. Als er zum Militär eingezogen wird, fügt er sich dort glänzend ein und ist überall beliebt – „durch seine Tüchtigkeit machte er sich einen Namen“, heißt es auf einmal in dem Märchen „Das Mädchen in Schlangengestalt“ über ihn. Dann will er seine Eltern besuchen, reitet durch den Wald, sieht nachts dort ein Feuer brennen und hört aus den Flammen die Stimme eines Mädchens, das um Hilfe schreit. Er reitet näher heran, dann schnellt eine große Schlange aus dem Feuer, schlingt sich um seinen Körper und zischt: „Lange schon suche ich dich, und endlich habe ich dich gefunden.“ Und der Soldat? Erschrickt er zu Tode? „Der junge Mann setzte seinen Weg fort“, heißt es nur. Und man ahnt, dass im weiteren zu seinen hervorstechenden Eigenschaften das Dulden und Abwarten gehören wird.

Wesen, die man eher unterschätzen würde

„Der König, der nicht lachen konnte“, so heißt eine Sammlung georgischer Märchen, die gerade im NordSüd-Verlag erschienen ist. Es ist eine von mehreren auf dem deutschen Buchmarkt, schließlich ist die georgische Märchentradition reich und das Land im kommenden Jahr Ehrengast der Frankfurter Buchmesse. Trotzdem ist dieses Buch etwas Besonderes. Vierzehn georgische Illustratoren haben die insgesamt 21 Märchen des Bandes mit Bildern versehen, die auf sehr unterschiedliche Weise eine auffällige Besonderheit der meisten dieser Texte darstellen: Denn die Märchenhelden bekommen es oft genug mit unerhört grausamen Gegenspielern zu tun, und weil sie selbst auch nicht gerade zimperlich sind, ist die Sterblichkeit hier hoch.

Die Bilder aber setzen eher auf das Groteske als auf die Verzweiflung, völlig zu Recht, weil auch die Helden, die sich mit hundertköpfigen Ungeheuern, fiesen Geschwistern oder wilden Tieren messen, im Zweifel stoisch ihre Arbeit tun, unterstützt höchstens von Wesen, die man eher unterschätzen würde, deren Hilfe sich aber als unverzichtbar erweist.

Beinahe ein Lächeln im Gesicht

Da ist etwa eine Teufelsfamilie – Vater, Mutter und ein Kind, das irgendwie nicht ganz dazu passt -, und so wie die Illustratorin Elene Tschitschawili die drei porträtiert, ohne Schnickschnack, mit klaren Konturen und einem Lächeln, das, so meint man, jederzeit zu einem Fauchen werden kann, ist dieser Riss zwischen Eltern und Kind durchaus zu ahnen. Am Ende wird das Kind seinem menschlichen Retter helfen, seinen schrecklichen Geiz zu überwinden, der sich, wie dann deutlich wird, einer unsichtbaren Trense verdankt, die er irgendwie in den Mund bekommen hat und die ihn als fremdgesteuert ausweist, eben von seinem Geiz.

Oder eben der stoische Vielfraß mit der Schlange: Ana Tschubinidses Illustration zeigt den Reitenden, dem sich das Schlangenmaul in die Kehle schmiegt, in aller Anspannung, aber ohne Panik. Sein Pferd aber dreht den Kopf zu ihm und trägt beinahe ein Lächeln im Gesicht. Und so, wie sich die Illustratoren hier präsentieren, wünscht man von jedem einzelnen ein vollständiges Märchenbuch.

„Der König, der nicht lachen konnte“. Märchen aus Georgien. Aus dem Georgischen von Heinz Fähnrich u. a. NordSüd Verlag, Zürich 2017. 176 S., geb., 20,– Euro. Ab 10 J.

Quelle: F.A.Z.
Tilman Spreckelsen
Redakteur im Feuilleton.
TwitterGoogle+
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenGeorgien