Bilderbuch „Trecker kommt mit“

Ohne dieses Nutzfahrzeug hat alles keinen Sinn

Von Fridtjof Küchemann
 - 17:04

Es ist gar nicht so, dass der Umzug per se für schlechte Laune sorgt. Damit, dass er ansteht, hat sich das Kind im Bilderbuch „Trecker kommt mit“ von Finn-Ole Heinrich und Dita Zipfel schon abgefunden. Sogar gepackt hat es bereits, das Nötigste. Und selbst mit dem Umstand, dass es vom Land in die Stadt geht, hat das Kind grundsätzlich kein Problem, bei allen Vorbehalten: „Warum wollte man dort leben?“, fragt es nach dem zarten Hinweis des Erwachsenen auf die urbanen Platzverhältnisse, „wie fühlt sich das an? Wie eine Kuh im Koffer? Wie ein Adler im Schuhkarton?“

Die einzige Bedingung für diesen Umzug trägt das Buch im Titel, und das Kind trägt sie nicht nur mit erstaunlich langmütiger Beharrlichkeit auf fast jeder Doppelseite des von Halina Kirschner mit klarem, dickem Strich illustrierten Bilderbuchs immer wieder vor. Sondern es begründet, erläutert und erzählt dermaßen sprachmächtig über die Vorzüge des Lebens mit Trecker, dass sich auch der erwachsene Leser unwillkürlich fragt, wann er je auf die missliche Idee gekommen ist, ein Leben ohne diesen sehr speziellen vierrädrigen Freund sei möglich.

Die Argumente des Erwachsenen sind an Vernunft nicht zu überbieten. Genauso wenig an Langeweile. Trecker würden in der Stadt einfach nicht gebraucht, sagt er, sie seien zu langsam, der Weg sei zu weit, sie bräuchten zu viel Platz, und überhaupt sei es im Leben „leider so, dass man niemals ganz haargenau das kriegt, was man sich wünscht“. Und gerade das ist angesichts der Kooperationsbereitschaft des Kindes eine Frechheit, die nicht unentdeckt bleibt und nicht unerwidert bleiben kann. „Du willst in die Stadt mit mir. Aber mich gibt’s nur mit Trecker“, heißt es keck, „du musst dich also entscheiden: Entweder ich bleibe hier mit ihm, oder: Trecker kommt mit!“

Jeder Vorleser selbst zum Vortragskünstler werden

So endet der Text, und das urbane Idyll mit Trecker auf der Folgeseite könnte ebenso Traumbild wie Kompromisslösung sein. Ob der Erwachsene endlich einsichtig wurde und eingelenkt hat, ist nicht entscheidend. Das Buch ist pure Trecker-Poesie, das Hohelied eines Nutzfahrzeugs, eine ebenso schwungvolle wie sorgfältige Hommage an diesen Inbegriff von Kraft und Klasse, von Duldsamkeit und Vielseitigkeit. So ein Trecker „fragt nicht, macht“. Er „zaubert nicht, zaudert nicht, plaudert nicht“. Man will das sofort laut lesen, so trotzig und schön ist das rhythmisiert.

Schon zehn Jahre, bevor Finn-Ole Heinrich gleich für sein erstes Kinderbuch „Frerk, du Zwerg“ 2012 den Deutschen Jugendliteraturpreis zugesprochen bekam, hatte er sich bei Poetry Slams einen Namen gemacht. Auch sein erstes Bilderbuch „Trecker kommt mit“, mit seiner Frau Dita Zipfel geschrieben, lebt vom Vortrag sicherlich ebenso wie von den derb wirkenden, dabei fein gedachten Bildern Halina Kirschners. Eine Hörbuchfassung ist bei einem Bilderbuch nicht in Sicht. Hier muss jeder Vorleser selbst zum Vortragskünstler werden. Und das Buch macht es ihm leicht.

Ein Meister der Genügsamkeit

Den kindlichen Bedürfnissen - „Draußen spielen? O.K., wir fahren in den Wald. Wald weit weg? Er schiebt ihn näher ran. Kein See in Sicht? Trecker hebt einen aus. Wetter schlecht? Picknick unterm Trecker“ - wird so ein Traktor ebenso gerecht wie denen der Erwachsenen: „Hat dich jemand eingeparkt, schaufelt er dich frei. Genauso Stau. Da schwimmt er durch, weißt du doch.“ Zum Großeinkauf taugt der Gefährte, das Gefährt ebenso wie zur Konfrontation mit den anderen Giganten der Stadt, dem Lkw, dem Kran oder dem Elefanten aus dem Zoo.

Als einen Meister der Genügsamkeit preist das Kind den Trecker, der manchmal eine Woche lang einfach nur neben dem Misthaufen steht, dabei aber nicht etwa schläft, sondern „immer mit einem Auge wach“ bleibt und wachsam: „einsatzbereit, trotzdem Kraft tanken, so nebenbei“. Dabei brauche er so wenig: „ein bisschen Öl, Diesel und mich“. Und das Gefühl, gebraucht zu werden, Rudeltier, das er ist. „Schon allein deshalb wär’s die größte Sauerei, ihn hier irgendwo auszusetzen, anzubinden, ihn verrosten und vergessen zu lassen, nur weil er nicht in deine Stadt passt?“

Ist der Trecker am Ende nur ein Spielzeug?

Dass im emotionalen Überschwang schon einmal die kindliche Perspektive außer Acht gerät, etwa wenn es höhnisch heißt „viel Spaß auf Balkonistan, kauf dir doch ein kleines Aquarium mit Minifischchen drin, vielleicht passt das ja durch die Tür und in deine Popelwohnung“, fällt neben den schönen Wendungen und Windungen kaum ins Gewicht, mit denen der Trecker als conditio sine qua non dieses Umzugs postuliert wird.

Vielleicht wird hier ein Kleiner etwas zu groß gemacht. Welche Größe indes der Trecker seines Herzens hat, wenn man ihn von außen betrachtete, bleibt kunstvoll unklar. Um einen Abschied vom Sehnsuchtsort Bauernhof im größeren Rahmen nämlich geht es in „Trecker kommt mit“ genau genommen nicht. Zwar werden ländliche Einsatzbereiche der Maschine erwähnt, und dem Kind, das kaum seine Nase über Fensterhöhe strecken kann, stehen eine Kuh, ein Schwein, eine Maus und ein paar Gänse zur Seite. Aber dass auch sie zurückgelassen werden müssten, ist klar. Der Trecker ist es, an dem das Kind Halt genug findet, um ihn als Einziges mit ins neue Leben mitnehmen zu wollen. Der Trecker ist die „genau eine Sache“, die es längst gepackt hat, „weil ohne Trecker macht das alles keinen Sinn“.

Ist der Trecker am Ende nur ein Spielzeug? Dann wäre die ganze Diskussion nicht mehr und nicht weniger als die Gelegenheit, an einem Detail das große Ganze in Frage zu stellen, eine Gelegenheit für das Kind, in einer Entscheidung, an der es nur die Folgen mitzutragen hat, wenigstens in einem Punkt so etwas wie ein Mitspracherecht einzufordern, eine Berücksichtigung. Wie groß der Trecker dabei ist, entscheidet letztlich das Kind. Und jeder kindliche Leser mit ihm.

Finn-Ole Heinrich, Dita Zipfel, Halina Kirschner: „Trecker kommt mit“. Mairisch Verlag, Hamburg 2017. 32 S., geb., 15,– Euro. Ab 3 J.

Quelle: F.A.Z.
Fridtjof Küchemann  - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Fridtjof Küchemann
Redakteur im Feuilleton.
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