Neue Biographie

Was wusste Hermann Kant?

Von Sabine Brandt
 - 16:30

Es passiert weiß Gott nicht jedem, nach einem langen Leben, geprägt von Leistungen hier und Fehlschlägen dort, eine derartige Laudatio zu erhalten, wie sie in dieser umfangreichen Biographie vorliegt. Der Gepriesene ist der Schriftsteller Hermann Kant. In den Sommertagen 2013, kurz nach Kants 87. Geburtstag, erschien das gut sechshundert Seiten starke Werk samt üppigem Anmerkungsapparat. Sein Titel besteht aus dem Namen des Geehrten und der Hinzufügung „Nicht ohne Utopie“.

Das kann neugierig machen, besonders wenn man Kants OEuvre kennt und weiß, was der einstige DDR-Bürger über die Jahre verlauten ließ und was über ihn verlautet wurde. Seine Biographin, Linde Salber, hat von all dem offenbar erst spät erfahren. 1944 in Pommern geboren, nach Kriegsende ein Flüchtlingskind in Mecklenburg, von 1951 ab in Hamburg zu Hause. Linde Salber arbeitete lange als Dozentin für Psychologie an der Universität zu Köln, schrieb außerdem Biographien über Prominente des zwanzigsten Jahrhunderts, darunter Frida Kahlo, Salvador Dalí, Marlene Dietrich. Irgendwann geriet sie dann an Hermann Kants Roman „Der Aufenthalt“, schreibt ihr Verlag, von der Lektüre beeindruckt, wählte sie den Autor zum neuen Forschungsgegenstand. Zwischen 2008 und 2013 scheute sie weder Arbeitsaufwand noch Reisewege, um möglichst viel zu erfahren, nicht nur über Kant, sondern auch von ihm. Wie uns die Anmerkungen verraten, hat er sich stets bereitwillig von ihr ausfragen lassen, per Brief, per E-Mail, per Telefon, bei Besuchen.

Warum sollte er auch nicht, einen geneigteren Biographen hätte er wohl schwerlich finden können, besonders nach dem Untergang der DDR und dem Wegfall der Kraft, die einst für ihn stand und ihm, jedenfalls nach außen hin, den Rücken stärkte. Linde Salber sieht Kant vor allem als Verfasser kecker Romane und Erzählungen, in denen er seinem Regime zwar keine Tritte versetzte, aber doch eine Menge kleiner Knuffs und Puffs. Tatsächlich findet man dergleichen in seinen Büchern, woran auch jene Spaß haben können, die seine politische Ausrichtung nicht teilen. Nur werden sich solche Leser früher oder später fragen, wieso Kant sich derartige Frechheiten leisten konnte, ohne ein Druckverbot zu riskieren. 1973 erhielt er den Nationalpreis Erster Klasse für sein Gesamtschaffen. Er durfte, im Gegensatz zu gewöhnlichen DDR-Bürgern, zahlreiche Westreisen unternehmen, darunter auch einige zum Erzfeind nach Amerika. Und im Gegensatz zu anderen aufmüpfigen Kollegen blieb er nicht nur im DDR-Schriftstellerverband, sondern stieg 1978 sogar zu dessen Präsidenten auf.

Linde Salber nimmt ihrem Porträt-Modell bereitwillig dessen Eigenbild ab. Auf der Rückseite ihres Buchs werden wir belehrt: „Als Kulturfunktionär nutzte Kant immer wieder die konkrete sozialistische Utopie der frühen Aufbaujahre als Korrektiv gegen die ,Idiotien’ der folgenden Jahrzehnte.“ Während jener frühen Periode war die Biographin ein Kind und lebte in Hamburg, weit weg vom Ort des DDR-Geschehens. Kann sie sich wirklich nachträglich einfühlen in die Atmosphäre, die dort herrschte, in der DDR, in OstBerlin, zwischen den beiden Berliner Teilen? Wohl nicht. Nur Zeitzeugen und historisch versierte Menschen wissen Bescheid über die parteigeleiteten Befehlsstrukturen in den volkseigenen Betrieben, über die gesinnungsharten Weisungen und Verbote in allen Lebenswinkeln, über die grausamen Menschenraubfälle in West-Berlin, deren Opfer in DDR-Gefängnissen oder Lagern der Sowjetunion landeten, was viele das Leben kostete.

Diese Biographie liest sich nicht so, als ob ihre Verfasserin viel davon weiß, und natürlich hat Kant sie nicht unterrichtet. Wie denn auch: Er selbst hat diese Art Unrecht nicht begangen, und was er damals davon mitbekam, wird er heute kaum weitergeben, denn das hieße ja, den letzten Rest der Glaubensstütze zu zertrümmern, der ihm noch blieb. Sein Bekenntnis, so verzeichnet es das Biographie-Buch, lautet: „Das Beste an der DDR war der Traum, den wir von ihr hatten.“ Träumen aber können Menschen in der Regel nur mit geschlossenen Augen.

Warum einst der junge Kant die junge DDR unbedingt als Ideal wahrnehmen wollte, macht Linde Salber begreiflich. Sie beschreibt, wie der Sohn eines Gärtnergesellen in bescheidenen Verhältnissen aufwuchs, gescheit und witzig schon damals, aber ohne Chance, seine Gaben zu verwerten. Er wurde Elektriker. Im Dezember 1944 griff sich die Wehrmacht den Achtzehnjährigen. Einen Monat später geriet er in polnische Gefangenschaft, die dauerte bis zum Dezember 1948. Aus Linde Salbers Niederschrift geht wie auch aus etlichen von Kants Büchern hervor, wie hart die Jahre der Gefangenschaft waren. So ist es kein Wunder, dass er mit Hoffnungen in den kommunistischen Teil Deutschlands heimkehrte.

Nur, er blieb kein Jüngelchen, zudem war er von Geburt an mit genügend Beobachtungsgabe ausgerüstet, um zu gewahren, wie es in seinem Hoffnungsland zuging. Gewiss hat er auch erfasst, welche Chancen Leuten seiner Herkunft dort eingeräumt wurden. Und so riss es ihn wohl hin und her zwischen Aufstiegslust einerseits und Missfallen andererseits. Bis zu einem gewissen Grade konnte das fördernde Regime ihn in Anspruch nehmen, was seine Karriere blühen ließ. Die Last der anderen Seite, nennen wir sie Gewissensdruck, entlud er in der Literatur. Dies freilich nie in einem Maße, das Ulbrichts, später Honeckers Regime Anlass gegeben hätte, Kant zu maßregeln.

Andere traf es härter, etwa die Schriftsteller Kurt Bartsch, Adolf Endler, Stefan Heym, Karl-Heinz Jakobs, Klaus Poche, Klaus Schlesinger, Dieter Schubert, Joachim Seyppel. Sie wurden im Juni 1979 aus dem DDR-Schriftstellerverband verstoßen, weil sie die eigene Meinung gegen die im Verbandsstatut enthaltene Regime-Meinung ins Feld führten. Der Präsident ließ sich damals in die Rolle des Vollstreckers drängen. Die Biographin Salber zitiert aus Kants Rede auf der Ausschlusssitzung: „Was soll man denn machen, wenn sich eine Gruppe von Leuten gegen das Statut des Verbandes, dem sie angehört, stellt ... Wer einen anderen Verband will als den Schriftstellerverband der Deutschen Demokratischen Republik, der schließt sich aus ... Niemand von uns ist hier in dieses Haus oder zu dieser Versammlung oder Beratung gegangen mit dem Vorsatz: Ja, jetzt schließen wir die mal aus!“ In einer Fußnote fügt die Biographin hinzu: „In diesem Punkt, wird Kant später herausfinden, irrte er. Die SED-Bezirksleitung hatte von ihren Mitgliedern verlangt, für den Ausschluss zu votieren.“

Wusste das SED-Mitglied Kant tatsächlich nichts von dieser Anweisung? Ganz unmöglich ist das nicht, obwohl so viel parteipolitische Blauäugigkeit schlecht zu Kants Intelligenzbild passt. Auf jeden Fall erwies er sich mit seinem damaligen Auftritt einen schlechten Dienst. In der Biographie heißt es: „Kants Rolle im Debakel der Ausschlüsse wurde nach dem Bild vom Wolf und den sieben Geißlein in Umlauf gebracht. Man maximierte seine Rolle zum Verfolger der Freiheitssucher, als hätte er agiert wie Mielke und Co.“ Wie es sich wirklich verhielt, werden wir wohl nie erfahren. Er ging 1991 in seinem Erinnerungsbuch „Abspann“ noch einmal auf das peinliche Ereignis ein, und seine Biographin ermahnt, bevor sie daraus zitiert, ihre Leser: „Vielleicht darf man ... auch einmal ernst nehmen, was Kant im ,Abspann’ geschrieben hat.“ Ernst nehmen sollen wir zum Beispiel folgende „Abspann“-Sätze: „Ich meinte, jedermann sei, ähnlich wie ich, aus freien Stücken in den Verband gekommen.“ Oder: „Ich hatte mich beworben; hatte nicht gemusst, sondern gewollt.“ Oder: „Natürlich galt es als Vorteil, Mitglied des Schriftstellerverbandes zu sein, wie sonst käme ich darauf, ihn unsere Interessenvertretung zu nennen? Aber eine Bedingung, ohne die man nicht hätte publizieren können, ist die Zugehörigkeit nie gewesen.“

Andere Autoren haben andere Erfahrungen gemacht. Und es gilt auch zu bedenken, dass die DDR-Berufsverbände nicht nur für Zusammenschluss und Förderung standen, sondern eine unentbehrliche Lebensgrundlage darstellten. Jemanden auszuschließen war mehr als eine Ohrfeige, eher ein Hammerschlag. Es ist nicht so leicht zu unterscheiden, was von den Äußerungen des schreibenden Zeitzeugen Kant man „vielleicht einmal ernst nehmen“ und was man besser mit Vorsicht genießen sollte.

Linde Salber hat sich eine Menge Wissen erfragt, und ihre Kant-Biographie vermittelt beachtliche Einblicke in ein Stück deutscher Geschichte sowie in ein davon geformtes Schriftstellerleben. Aber immer wieder wird deutlich, dass sie auf der Bühne jener Zeit nie selbst gespielt hat, und sie weiß nicht genügend zu unterscheiden zwischen Kulisse und Wirklichkeit, was etwa ihre törichten Behauptungen über Friedrich Torberg zeigen. Die Biographin hat einfach Kants Version von Torbergs Wiener CIA-Filiale, die er damals in einem Artikel im SED-Organ „Neues Deutschland“ veröffentlichte, widerspruchslos übernommen. Es gibt genügend Material, um sich heute über den Fall kundig zu machen, um sich nicht bloß auf einen Artikel aus Kants bissigster Phase stützen zu müssen. Mit seiner Biographin hat der Autor dieses Thema vermutlich nicht erörtert. Und sie kam offenbar nicht von allein auf die Idee, die historischen Hintergründe auszuleuchten.

Linde Salber: „Hermann Kant. Nicht ohne Utopie“. Biographie. Bouvier Verlag, Bonn 2013. 632 S., geb., 29,99 .

Quelle: F.A.Z.
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