1 Buch, 1 Satz

In Stahl- und Tweet-Gewittern

Von Andreas Platthaus
 - 15:12
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1 Buch, 1 Satz„Stadt der Rebellion“ von Omar Robert Hamilton

Während ich „Stadt der Rebellion“ las, explodierten in der libyschen Stadt Benghasi im Abstand von einer halben Stunde zwei Bomben. Die zweite sollte jene Menschen treffen, die den Opfern erste Hilfe leisteten. Ein paar Minuten bevor diese Nachricht kam, hatte ich in Omar Robert Hamiltons Roman gelesen: „Fern im Osten erschütterte eine laute Detonation die Luft. Eine Rauchwolke stieg in den Himmel auf. Eine Bombe. Ich warte auf den Folgeknall, die zweite Explosion, die jene erwischt, die als Erste reagiert haben, die Helden; aber sie kommt nicht. Hoffentlich wurden nur Polizisten getötet.“ In Benghasi starben die Polizisten zusammen mit den Sanitätern erst durch die zweite Bombe; auch sie wollten helfen.

Das Zitat aus „Stadt der Rebellion“ ist typisch für dieses zutiefst zornige Buch, in dem es keinen Polizisten gibt, der nicht hassenswert wäre. Mit dem Titel ist Kairo gemeint, und Hamilton, 1984 als Sohn einer palästinensischstämmigen Ägypterin und eines Briten geboren, war im Frühjahr 2011 aus Amerika, wo er sich als Filmemacher etablieren wollte, zurückgekehrt in die Heimat seiner Mutter, um die Revolution gegen den Staatschef Husni Mubarak zu beobachten. Und sie zu unterstützen, wofür er das Moisereen Collective mitbegründete, ein Pressebüro, das den Aufstand und die Repressalien des Staates dokumentierte und bekanntmachte. Es gab das Vorbild ab für das entsprechende Kollektiv namens „Chaos“, in dem die Protagonisten von Hamiltons Roman zusammenfinden: Mariam, Rosa, Rania, Hafez und Khalil. Letzterer ist das Alter Ego des Autors, ein wie dieser aus Amerika heimgekehrter junger Ägypter, dem die Einheimischen die andere Lebenswelt am Akzent seines Arabisch anhören. Insofern ist er Außenseiter. Insofern ist er unser Stellvertreter, der den Blick auf die unglaublichen Geschehnisse auch aus westlicher Perspektive wirft.

Ein bösartiger Sarkasmus

Unglaublich deshalb, weil wir mit Khalil im ersten Jahr seines Aufenthalts in Kairo durch Orgien der Gewalt gehen, meist Polizeigewalt, berichtet wie mit atemloser Stimme eines Teilnehmers der Demonstrationen, der immer wieder unter Beschuss gerät. Wobei Hamilton im ersten Teil seines Romans, der die Zeit von Oktober 2011 bis Februar 2012 abdeckt, noch auktorial erzählt, mehr über und auch aus der Sicht von Mariam, mit der Khalil im gemeinsamen Kampf für Demokratie zusammengekommen ist. Sie, eine Arzttochter, ist vertraut mit dem Land, sie hat keine Illusionen, und doch kämpft sie für ein anderes Ägypten – ihr Optimismus ist ansteckend, und deshalb ist der erste Teil mit „Morgen“ überschrieben, zukunftszugewandt.

Obwohl es der streng voranschreitenden Chronologie der Handlung widerspricht, heißen die beiden anderen Teile des Romans dann „Heute“ und „Gestern“. Immer mehr verflüchtigen sich die Hoffnungen der Demokratiebefürworter, als erst die Muslimbrüder die Früchte der Revolution ernten – davon erzählt der von Dezember 2012 bis August 2013 reichende zweite Teil – und schließlich doch wieder das Militär, das schon Mubaraks Herrschaft stützte und mit Abd al Fattah al Sisi seit Juni 2014 auch den Präsidenten stellt. Just da endet der Roman, und im letzten Teil hörten wir erstmals einen Ich-Erzähler, Khalil, weil es nun nur noch die Erinnerung an eine große eingeschworene Gruppe gibt. Die meisten früheren Mitstreiter sitzen in Haft, bei manchen weiß man nicht einmal, wo, und es sind auch schon einige gestorben.

Verfolgten 2011 noch Zehntausende die Tweets und Feeds des Chaos-Kollektivs, sind es jetzt nur noch ein paar Dutzend, denn die Menschen sind der Nachrichten über das ungebrochene staatliche Morden und Foltern müde geworden. „Wie können wir je anders sein? Du hast eine friedliche Revolution, um einen Diktator zu stürzen, aber um einen friedlichen Übergang zu bewerkstelligen, brauchst du Wahlen, und die Einzigen, die die Ressourcen und die Netzwerke haben, um die Wahl zu gewinnen, sind Ex- und Möchtegern-Diktatoren. Wir sitzen in einem Gemälde von Escher fest.“ Je weiter wir in „Stadt der Rebellion“ voranschreiten, desto intensiver wird die innere Reflexion Khalils. Doch es blitzen auch immer wieder die Grausamkeiten der Repression auf, die das revolutionäre Pathos, das anfängliche Triumphgefühl erstickt haben.

Ein Roman also über das Scheitern des Arabischen Frühlings, verdeutlicht am Beispiel Kairos. „The City Always Wins“ heißt der Titel des auf Englisch geschriebenen Originals, und in dieser Formulierung vom immerwährenden Sieg steckt ein Sarkasmus, der bösartiger kaum gedacht werden kann, denn auf jede Beschwörung individueller Menschlichkeit oder urbanen Lebensgefühls folgt ein drastischer Tiefschlag, erzählt mit einer Detailgenauigkeit über Misshandlungen und Verwundungen, dass das Heroische von Beginn an verzweifelt erscheint.

Umgekehrt unterbrechen im ersten und dritten Teil kleine Porträts der Angehörigen von als Märtyrer verherrlichten Toten des Aufstands die Kette der Ereignisse. Außer dem Gedenken an die Getöteten bleibt den Hinterbliebenen kein Trost, und wie ein Leitmotiv durchzieht die Sehnsucht nach Straßenumbenennungen diese Schilderungen, nach einer sichtbaren Geste der Anerkennung, die aber nur einmal erfüllt wird: als nach dem schlimmsten der Tode in diesem Roman der Name des Opfers auf einem Straßenschild steht, hingeschrieben von seinen Freunden, aber natürlich auch das nur eine Geste, die kaum ein weiteres Kapitel lang Bestand haben dürfte. Hamilton ist aber so gnädig, seiner Figur, dessen Angehörigen und uns Lesern diesen winzigen Triumph dauerhaft zu gönnen.

Unüberwindbarkeit des Diktaturmodells

Dass es nicht gut ausgehen wird in Ägypten und in der ganzen arabischen Welt, daran lässt „Stadt der Rebellion“ keinen Zweifel. Es ist in dieser Hinsicht die legitime Fortsetzung des größten ägyptischen Romans der jüngeren Zeit, „Der Jakubijan-Bau“ von Alaa al-Aswani, der 2002 im arabischen Original und 2007 auf Deutsch erschien und damals schon jedem Leser die Augen öffnen musste für die Zustände der Herrschaft Mubaraks, für dessen Unhaltbarkeit, aber zugleich auch die strukturelle Unüberwindbarkeit dieses Diktaturmodells. Alle Typen des älteren Romans sind hier unter anderen Namen wieder vertreten, nur dass diesmal ein heldenhafter Widerstand im Zentrum steht, der aber genauso vergeblich ist wie die Resignation bei gelegentlicher Obstruktion, die man bei al-Aswani kennenlernen konnte.

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Anders als „Der Jakubijan-Bau“ orientiert sich „Stadt der Rebellion“ aber an einem westlichen Schreibideal (man denke an den zitierten Escher-Verweis), und dass Omar Robert Hamilton sich vor allem als Filmemacher versteht, ist seinem Erzählen anzumerken. Überall, wo er beobachtet, ist die Sprache reich, pulsiert das Buch, wenn es aber um die Psychologie der Figuren geht kommt er selten über Klischees hinaus. Die großen pathetischen Momente sind kinoreif, aber damit auch rhetorisch überladen: Die Körper strahlen vor Schönheit, man hört schon die Filmmusik aufbrausen, liest im steten Wechsel aus Zeitraffer und Zeitlupe, wenn der Tod einer Ärztin im Stil einer Eisenstein-Montage geschildert wird. Und so ist denn auch der ganze Text geprägt von Schnitttechnik: Nachrichtenmeldungen, Rundfunkkommentare, Twitterbotschaften werden in die Prosa eingeblendet, jedoch nur selten erfüllen sie eine so zwingende dramaturgische Funktion wie beim Kontrast zwischen einem Tweet-Stakkato mit unterschiedlichsten Meinungen und einer langen inneren Betrachtung von Mariam am Ende des zweiten Teils, dem emotionalen Höhepunkt des Buchs.

Er ist zugleich das Ende der Hoffnung, und so zieht Teil drei nur noch eine Bilanz des Scheiterns, wenn auch vereinzelt Unbeugsame auftreten, darunter auch der Blogger Alaa Abd El-Fattah, eine reale Person, Cousin von Hamilton und mit seinen Texten eine der wichtigen Quellen für den Roman. Aber die Worte und Gesten des Widerstands bekräftigen nur noch individuelle Kraft, keinen kollektiven Willen mehr. Das, was allein noch verbindet, ist das Gefühl des Untergangs: „Es ist, als würdest du dir selbst beim Ertrinken zusehen. Du kennst das Ende, du weißt, was kommt und dass es nichts gibt, was du dagegen tun kannst. Nichts verändert sich. Alles ertrinkt. Alle Zeit und alle Erfahrungen sind ein einziger Strudel, und wir werden alle hineingesaugt.“ Hamiltons Buch, so viel muss man ihm zugestehen, ist wie dieser Strudel.

Quelle: F.A.Z.
Andreas Platthaus
Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.
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