1966: Aus Pop wurde Rock

Als wir Zeugen eines Wunders wurden

Von Lorenz Jäger
 - 08:17

Auch wir blickten damals für einen Moment in das Botinnen-Auge der Zukunft. Rätselhafte Evidenz einiger Sekunden! Später fragte man sich gelegentlich zweifelnd, ob alles Projektion war, aber noch später, heute nämlich, weiß man: Dieses Botinnen-Auge gehörte zur objektiven Physiognomie des Jahres 1966. So jedenfalls stellen es Frank Schäfer und Jon Savage dar: Es war das „Jahr, in dem die Welt ihr Bewusstsein erweiterte“ (so Schäfer), oder in der Formulierung von Savage: „The year the decade exploded“, das Jahr, in dem das Jahrzehnt explodierte. Immer noch mag ein leichter Verdacht bleiben, es handle sich um eine Strategie der Marketingabteilungen zur Nutzung einer Konjunktur der Gedenkjahre.

Aber ein Blick nach Frankreich genügt, um auch dieser entzaubernden Vermutung zu begegnen. Im Januar 2011 begann der Literaturwissenschaftler Antoine Compagnon seine Vorlesungsreihe zu dem Thema „1966: Annus mirabilis“ (also zu dem „Wunderjahr“) mit der These, es handle sich um ein „magisches“ Jahr, eines, das man bewundern müsse. Compagnon begann mit Überlegungen zur Demographie. Träger und Zeugen des Wunders waren die geburtenstarken Jahrgänge, die in den letzten Kriegsjahren oder der ersten Nachkriegszeit zur Welt gekommen waren. Nun begannen sie, in die Universitäten zu strömen. Und sie spürten - allein durch ihre schiere Masse - eine Macht in sich, die keiner der späteren Generationen mehr vergönnt war. Bald kam der Pillenknick.

Chanson statt Rock

Die Physiognomie eines Jahres zu schildern ist in der akademischen Historiographie nicht mehr verpönt. Man denke an Hans Ulrich Gumbrechts Buch „1926 - Ein Jahr am Rand der Zeit“ (2001), auf das sich auch Antoine Compagnon beruft. Wie der alte Historismus des neunzehnten Jahrhunderts (und mit ihm der historische Roman) sich liebevoll in die kleinsten Faltungen der Vergangenheit versenken, so ist es auch jetzt - nur dass noch etwas hinzukommt: Eine Jahreszahl an sich gibt der Darstellung noch keine Ordnung und keine eindeutigen Inhalte vor. Was in einem bestimmten Jahr geschah, gleicht einer Zufallsanordnung. Und gerade dieses Lesen im Zufälligen, in der puren „Konstellation“, ist heute von großem kulturwissenschaftlichen Reiz.

Schnell wird aber auch der Unterschied zwischen Compagnon einerseits, Schäfer und Savage andererseits deutlich. Die beiden Letzteren gehen von der Musikrevolution aus, Compagnon eher vom intellektuellen Leben Frankreichs. Warum? Frankreich hatte eine Tradition des Chansons, die sich selbst in der Ära des Rock gegen angelsächsische Einflüsse behauptete. International hat Frankreich dagegen zur Revolution der Musik und zur Art ihrer Darbietung fast nichts beigetragen. Man halte dagegen die Liste der Neuerscheinungen auf dem Buchmarkt, die Compagnon für das Jahr 1966 eröffnet: Von Louis Althusser erschienen „Für Marx“ und „Das ,Kapital‘ lesen“, von Émile Beveniste „Problèmes de linguistique générale“, von Michel Foucault „Die Ordnung der Dinge“, die „Écrits“ von Jacques Lacan, „Figures“ von Gérard Genette und „Kritik und Wahrheit“ von Roland Barthes.

Die Kommunisten und der Folk

Merkwürdig an diesem Wunderjahr ist die Mischung von divergierenden Tendenzen, die man damals für eine hielt. Jon Savage beginnt sein Buch mit den britischen Ostermärschen der CND, der „Campaign for Nuclear Disarmament“. Wenn diese pazifistische Richtung einen Verbündeten in der Musik hatte, dann zunächst im Folk und dem vage daran anschließenden „Protestsong“, wie man’s damals nannte. Aber das kommerziell erfolgreichste Lied dieses Bekenntnisses, „Eve of Destruction“, von Barry McGuire schon 1965 veröffentlicht, war auch das flachste, plakativste und führte musikalisch nicht weiter. Eigentlich versetzte dieses Lied der Form des Protestsongs den Todesstoß; ein liebenswürdiges Talent wie Donovan und ein Genius wie Bob Dylan mussten nach anderen Wegen suchen.

Aber Savage ist nicht blind für die realen Gründe des musikalischen Pazifismus. Die Teenager des Jahres 1966 trugen, so schreibt er, eine „tief eingewurzelte, kaum eingestandene seelische Last. Sie waren die erste Generation in der Geschichte, die in der geisteskranken Welt der Atom- und Wasserstoffbomben heranwuchs“. In einer der vielen bezeichnenden Anekdoten, die Savage in einer bewundernswerten Forschungarbeit versammelt hat, erzählt er auch, welchen Anteil amerikanische Kommunisten und ihre Gefolgsleute am Aufschwung der Folk-Bewegung hatten.

Robert Shelton, einer der Ersten, die Bob Dylans exzeptionelle Begabung erkannten, gehörte der Redaktion der „New York Times“ an. In den fünfziger Jahren hatte er wegen des Verdachts der kommunistischen Betätigung für sechs Monate eingesessen - danach wurde er aus der politischen Redaktion hinauskomplimentiert und dem Bereich Unterhaltung zugewiesen. Hätte man ihm einen größeren Gefallen tun können? „Soft power“ sollte sich durchsetzen.

Lysergsäurediethylamid, kurz: LSD

Die völlige Antithese zum Folk war in der Kunst von Andy Warhol zu finden. Nicht eine Welt der heilen, wenn auch oppositionellen Volkstümlichkeit gab es hier, sondern eine wie immer auch ironisch gebrochene Affirmation der massenkulturellen Bilder. Aber aus Warhols „Factory“ kam ein wesentlicher Teil der neuen Musik. The Velvet Underground, die deutsche Sängerin Nico und natürlich Lou Reed traten Anfang 1966 mit Warhol im New Yorker Delmonico Hotel auf. Mit von der Partie war auch der Filmemacher Jonas Mekas, ein großer Chronist des New Yorker Undergrounds. Nun begann eine neue Ära des Rock insofern, als er die Sphäre des Pop-Schlagers verließ und sich aktuellen Kunstpraxen öffnete. Aus den Auftritten wurden Multimedia-Shows.

Paradoxerweise, so schreibt Savage, verkündeten die maßgeblichen und autoritativen Musikgruppen nun eine „avantgardistische, eine Underground-Philosophie für ein Massenpublikum und vertieften damit die Gedankenwelt der Masse der jungen Leute“. Der schon erwähnte Robert Shelton schrieb damals: „Das Weltraumzeitalter bewegt uns nach außen, das Drogenzeitalter bewegt uns nach innen.“ Destruktive und selbstdestruktive Richtungen gehören von Beginn an zum Schatten der Kulturrevolution. Wer zählt die LSD-Songs des Jahres 1966?

Aus populärer Musik wurde Kunst

Was den Weltraum angeht, so findet man bei Frank Schäfer ein aufschlussreiches Detail. Die amerikanische Sonde Lunar Orbiter sendet Bilder vom Mond. „Die zur Erde gefunkten Bilder sind spektakulär. Vor allem die am 23. August über der Mondoberfläche aufgehende Erde lässt die Menschen träumen. Zum ersten Mal sieht man unsere Erde von einem außerirdischen Standpunkt aus.“ Damit verbindet sich eine geistige Umwälzung: Die Aufnahme „setzt einen umfassenden, gleichsam geozentrischen Bewusstseinswandel in Gang. Die Verletzlichkeit des Blauen Planeten wird offenkundig.“ Schäfer projiziert das Jahr 1966 auf den deutschen Meridian, während Europa bei Savage eine Nebenrolle spielt. Nur die einflussreichen Amsterdamer „Provos“ mit ihren neuen Demonstrationstechniken und die Wiener Aktionskunst (eine Mischung aus Happening und dörflichem Schlachtfest) kommen bei ihm vor.

Man muss beide Bücher lesen, wenn man die Feinstruktur der Kulturrevolution erfassen will. In der These sind sich Schäfer und Savage einig: Die populäre Musik wurde 1966 zur regelrechten Kunstform.

Frank Schäfer: „1966“. Das Jahr, in dem die Welt ihr Bewusstsein erweiterte. Residenz Verlag, Salzburg 2016. 200 S., Abb., br., 19,90 €.

Jon Savage: „1966“. The Year the Decade Exploded. Faber & Faber, London 2016. 653 S., Abb., geb., 18,95 €.

Quelle: F.A.Z.
Lorenz Jäger - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Lorenz Jäger
Redakteur im Feuilleton.
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