Autobiografie „Meine Geschichte“

Guido Knopp und wie er die Welt sah

Von Philipp Felsch
 - 20:21
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Was macht eigentlich Guido Knopp? Wer wie der ZDF-Historiker zur Kategorie von Promis gehört, deren Nennung diese Frage aufwirft, kann schlagartig zu Bewusstsein bringen, wie die Zeit vergeht. In den neunziger Jahre brach Knopp mit seinen Hitler-Dokumentationen Quotenrekorde. Zugleich wurden seine Sendungen von führenden Historikern als unseriös kritisiert. Mit der Reihe „Die Deutschen“ stieß er nach der Jahrtausendwende noch einmal auf größeres Publikumsinteresse. Daneben kursierten Gerüchte über seinen Professorentitel, den er einer dubiosen Akademie verdankte. Zuletzt war wenig von Knopp zu hören.

Im Alter von neunundsechzig Jahren hat er jetzt seine Autobiographie vorgelegt. Das Buch erzählt eine glänzende Erfolgsgeschichte, die vom smarten Gymnasiasten zum Jungredakteur dieser Zeitung und vom Gründer der ZDF-Redaktion Zeitgeschichte zum weltweit ausgestrahlten Quotenkönig und Bestsellerautor reicht.

Die Prämisse, unter der der Autor seine Karriere Revue passieren lässt, lautet, er habe „verdammt viel Glück“ gehabt. Hinter dieser Formel könnte sich die demütige Schicksalsergebenheit eines erfahrenen Historikers verbergen, doch wie sich bald herausstellt, ist das Gegenteil der Fall: Vor lauter glücklicher Stringenz stellt Knopps Leben in den Augen seines Erzählers nämlich keine Fragen, sondern hält nur Antworten bereit.

Im künstlichen Nebel mit weißen Handschuhen

Das ist umso bemerkenswerter, als er sein Buch unverkennbar auch in rechtfertigender Absicht geschrieben hat. Oder warum rollt er sonst „die Schlacht um Hitlers Helfer“ noch einmal auf? Mit Sendungen über die Entstehung der Bundesrepublik, das Wirtschaftswunder und den Zweiten Weltkrieg hatte Knopp in den achtziger Jahren einen populären, an angloamerikanische Vorbilder angelehnten Stil historischer Dokumentation im Zweiten Deutschen Fernsehen etabliert.

Der Shitstorm brach nach der Ausstrahlung des zweiten Teiles der den Größen des Dritten Reiches gewidmeten Reihe „Hitlers Helfer“ los. Zusätzlich zu Zeitzeugeninterviews, rasant montiertem Originalmaterial und musikalischer Untermalung hatte Knopp in einem Akt der Selbstüberbietung hier nämlich erstmals historische Szenen nachgestellt – wie die des KZ-Arztes Josef Mengele, der in künstlichem Nebel mit weißen Handschuhen in Auschwitz an der Rampe Häftlinge selektiert.

Nicht ohne Sinn für Ironie – so ist zu hoffen – erfand Knopp zu seiner Verteidigung den Sophismus des „szenischen Zitats“. Doch legten ihm die Kritiker nicht nur die Vermischung von Fiktion und Realität zur Last. Von „Remmidemmi“, „Geschichtspornographie“ und „Nazikitsch“ war die Rede. Knopp reklamierte für sich, dass Aufklärung Reichweite benötige. Doch lautete der Vorwurf ja gerade, mit seiner Überwältigungsästhetik würde er keine Aufklärung, sondern Gegenaufklärung betreiben beziehungsweise die Faszination für die Nazis perpetuieren, anstatt ihr auf den Grund zu gehen. Frank Schirrmacher schrieb damals, Knopp bereite die Bühne für künftige Adaptionen. Der Erfolg des Doku-Dramas und die Multiplikation der History-Kanäle haben uns in den letzten zwanzig Jahren in der Tat mit dem Stilmittel Reenactment vertraut gemacht.

Kohls Erfindung einer öffentlichen Geschichtskultur

Muss Guido Knopp also als Einzeltäter oder als Agent betrachtet werden, der dem unvermeidlichen Fortschritt des Mediums Fernsehen hierzulande zum Durchbruch verhalf? Seine Autobiographie legt jetzt eine dritte Lesart nah: Beides, sein Aufstieg wie sein Fall, lassen sich nur im Kontext der Ära Kohl verstehen.

Nach dem Futurismus diverser Theoriegenerationen brach sich in der Bundesrepublik der achtziger Jahren ein neuer Historismus Bahn. Zu den Gegenständen des Geschichtsbewusstseins, das sich in Bürgerinitiativen und Geschichtswerkstätten artikulierte, gehörten die „kleinen Leute“, die Arbeiterbewegung und das Dritte Reich. Es ist eine möglicherweise noch gar nicht ausreichend gewürdigte Koinzidenz der Zeitgeschichte, dass damals ein Historiker ins Kanzleramt einzog und das neue Geschichtsgefühl um eine amtliche Version ergänzte. Zur „geistig-moralischen Wende“, die Helmut Kohl ausrief, gehörte die Erfindung einer öffentlichen Geschichtskultur. Daher sind die achtziger Jahre nicht nur die Dekade einer Graswurzelbewegung, sondern auch der Haupt- und Staatsaktionen der Geschichte: der großen Preußenausstellung, Verduns und Bitburgs sowie der Entschlüsse, in Bonn und Berlin zwei historische Nationalmuseen in großem Stil zu bauen. Es war dieser Zeitgeist, in dem das Fernsehen von Guido Knopp gedieh.

Vom Historikerstreit zu „Hitlers Helfer“

Von daher ist es nur folgerichtig, dass Kohl als Kanzler der Geschichte im Personenregister seiner Autobiographie direkt nach Hitler die meisten Einträge hat. „Am schönsten war es eigentlich mit Helmut Kohl“ – dieser Satz, mit dem der Autor eine Reihe von Erinnerungen an prominente Trinkerlebnisse resümiert, könnte, wie schon aus ihrer Chronologie hervorgeht, als Motto über seiner Karriere als Fernsehhistoriker stehen.

Die Verantwortlichen beim ZDF von der Gründung einer Redaktion für Zeitgeschichte zu überzeugen gelang Knopp kurz nach Kohls Regierungsantritt. In den neunziger Jahren lernte er den Kanzler im Rahmen seiner Reihen über „Die deutsche Einheit“ und „Kanzler“ persönlich kennen. 1998, als Kohl die Wahl verlor und anschließend in den Sumpf der Spendenaffäre stolperte, machte Knopp seine eigene Krise durch. Mit seiner letzten bis zu Otto I. zurückreichenden Serie „Die Deutschen“ kehrte er schließlich sogar zu einem ureigenen Anliegen von Kohl zurück, das darin bestanden hatte, seinen Landsleuten den Zugang zu einer nicht auf das Dritte Reich beschränkten historischen Identität zu verschaffen.

Es gehört zur Dialektik von Kohls Geschichtspolitik, dass sie weniger dazu beitrug, die Identitätsfrage zu klären, als das Verhältnis der Deutschen zum Nationalsozialismus zu problematisieren. Die erste Etappe dieser Auseinandersetzung bildete der Historikerstreit von 1986, den Jürgen Habermas als unmittelbare Reaktion auf den staatlich verordneten Historismus begriff. Es folgten, nach der Wiedervereinigung, die Wehrmachtsausstellung, die Goldhagen- und die Walser-Bubis-Debatte und der Streit um das Holocaust-Mahnmal. Mit „Hitler – eine Bilanz“, „Hitlers Helfer“ und „Hitlers Krieger“ brachte Guido Knopp unterdessen sein Geschichtsfernsehen zur Perfektion.

Hat er den geheimnisvollen Zettel wirklich gesehen?

Vermutlich liegt darin sein eigentliches Skandalisierungspotential: dass er in einer Zeit, in der die großen Geschichtsdebatten nicht nur die Forschung auf neue Grundlagen stellten, sondern auch zum Leitmedium der gesellschaftlichen Auseinandersetzung avancierten, seine Hitler-Berichterstattung so ostentativ mit dem Rücken zu dieser anhaltenden Reflexion entwarf. Knopp selbst ist der Meinung, seine Formate hätten diesen Debatten überhaupt erst die dokumentarische Grundlage geliefert, doch diese Behauptung geht schlicht an der Realität vorbei.

Von einem Historiker muss man nicht zwangsläufig brillante Geistesblitze erwarten – aber zumindest das Bemühen um Genauigkeit. Knopps Autobiographie wimmelt dagegen von Gemeinplätzen, die das Geschehen zu altfränkischen Klischees verwischen. Noch eindrücklicher ist allerdings ein Déjà-vu-Effekt. Dass er in Szenen denkt, ist ihm als Fernsehmann nicht anzulasten, im Gegenteil. Doch viele der Szenen, die er schildert, sehen fatal wie „szenische Zitate“ aus. Hat er wirklich beobachtet, wie der Chefredakteur des „Stern“ dem Historiker David Irving auf dem Höhepunkt der Affäre um die Hitler-Tagebücher abends in der Kneipe einen geheimnisvollen Zettel zusteckte, worauf Irving am nächsten Morgen sein negatives Urteil widerrief? Man hört Musik und sieht künstlichen Nebel wallen.

Genau wie seine Filme das „Dritte Reich“ lässt Knopps Autobiographie die Geschehnisse seines Lebens zugleich fiktional und als das Allernatürlichste der Welt erscheinen und raubt ihnen damit etwas Entscheidendes – ihre Erklärungsbedürftigkeit.

Guido Knopp: „Meine Geschichte“. C. Bertelsmann Verlag, München 2017. 320 S., Abb., geb., 22,– Euro.

Quelle: F.A.Z.
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