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Die Rationalität des Kalten Krieges

Als Dr. Seltsam einmal gegen Chruschtschow spielte

Von Thomas Thiel
 - 21:18
Testfeld der algorithmischen Vernunft: der Berliner Flughafen Tempelhof anlässlich seiner Schließung im vergangenen Jahr Bild: Pein, Andreas, F.A.Z.

Geheimdienstenthüllungen und Krim-Konfrontation haben die Atmosphäre des Kalten Krieges in den letzten Monaten fast wieder gegenwärtig werden lassen. Und mit ihr ein Gefühl für die Bedeutung, die vernünftigem Handeln in dieser Zeit zukam. In einer Welt, die ständig am Abgrund balancierte, ließ sich nur hoffen, dass die Entscheidungsträger auf jeder Stufe der Eskalationsleiter kühlen Kopf bewahren würden. Es wundert deshalb nicht, dass in den Jahrzehnten zwischen Weltkriegsende und Mauerfall eine regelrechte Manie losbrach, rationales Verhalten zu berechnen und vorauszusagen, als könnte die Weltpolitik schon durch die theoretische Vorgabe von Vernunftregeln auf ihre Einhaltung verpflichtet werden. Gesucht war eine kühle Rationalität, die vor der Selbstzerstörung der Zivilisation bewahren sollte.

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Diese Vernunft, die aus einer weitverzweigten Debatte von der Ökonomie über die Computerwissenschaften bis zur Sozialpsychologie hervorging und die man heute die Rationalität des Kalten Krieges nennt, war eine strenge, maschinenähnliche Vernunft. In ihrer Radikalität war sie von der weltpolitischen Extremsituation imprägniert. Nuklearstrategie, Spieltheorie, Rational-Choice-Theorie und experimentelle Sozialpsychologie und viele weitere Einflüsse spielten in sie hinein. Ihre Fackelträger waren hochdekorierte, schillernde Persönlichkeiten wie der Nuklearstratege Herman Kahn, Inspirationsfigur für Kubricks Dr. Seltsam, Oskar Morgenstern, einer der Väter der Spieltheorie, oder der Ökonom Thomas Schelling, der diese Theorie wiederum auf die Politik übertrug. Fast alle von ihnen waren spätere Nobelpreisträger und fast alle mehr als nur Vertreter ihres Fachs. Das „Time“- Magazin schrieb von einer neuen Priesterkaste von kräftigen, drahtigen Intellektuellen, die angetreten waren, Politik und Gesellschaft in allen Bereichen umzukrempeln.

Es war ein Wissenschaftlertypus, der Wirkung suchte. Viele waren als Berater in politische Entscheidungen bis zum Pentagon und Weißen Haus eingebunden. Theoreme migrierten von Denkfabriken in akademische Forschungen, von der Ökonomie in die Psychologie zur Evolutionsbiologie und wieder zurück. Neben den politischen Zwecken stand hinter den Debatten auch die Suche nach einem einheitlichen Rationalitätsbegriff.

Die Vernunft verliert das Bewusstsein

Ein neues Buch hat nun diese Vernunft in ihrem historischen Zusammenhang erschlossen. „How Reason Almost Lost Its Mind“ lautet sein treffender Titel, denn worum es in der Vernunftdebatte des Kalten Krieges im Kern ging, war eine von der Urteilskraft gelöste Rationalität, die vor allem eine Synthese aus Ökonomie, Mathematik und Computertechnik war. Ihre Vorläufer liegen in der Aufklärung, doch wäre kein Aufklärer so weit gegangen, die Vernunft ganz vom Bewusstsein zu entkoppeln. Die starke Form der Cold War Rationality tat nun genau dies. Sie band Rationalität an den Algorithmus und zerlegte Entscheidungsprozesse in kleinste Teile, die von einfachen Arbeitern oder Maschinen mechanisch ausgeführt werden konnten, um aus diesen Teilen einen neuen Rationalitätsstandard zu entwickeln. Wie kam es zu dieser Umdeutung von niederen Routinen zur höchsten Vernunft? Das Buch deutet eine lange theoretische Linie von Boole über Turing bis zu John von Neumann an, eine zweite führt in die militärische Operationsforschung.

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Gleich die erste große Krise des Kalten Krieges, die Berlin-Blockade, war dafür ein Testfall. Das ökonomisch-militärische Projekt Scoop am Carnegie Institute of Technology war mit der Mission betraut, die Luftbrücke mit ihrem engen, dreiminütigen Start- und Landerhythmus in ihrer effizientesten Form (und ohne die Hilfe von Marktkräften) zu organisieren. Es löste diese Aufgabe durch eine mathematisch-computertechnische Modellierung der Lufttransporte, deren Besonderheit es war, die ökonomische Prämisse eigennützigen Verhaltens mit einer neuen Form linearer Programmierung zu kombinieren.

Denken vor dem Abgrund

Den meisten Vertretern der algorithmischen Rationalität war das Idealtypische ihres Ansatzes bewusst. So wie ihre Methode, rationales Verhalten auf Regelsätze für genau definierte Situationen zu bringen, um daraus Modelle für die Weltpolitik abzuleiten, regelmäßig an Grenzen stieß. Eines der meistgenutzten Modelle war das Gefangenendilemma der Spieltheorie. Zwei einer Straftat Beschuldigte werden hier unabhängig voneinander befragt, wobei das Strafmaß von der ihnen unbekannten Aussage des jeweils anderen abhängt. Das Modell bot sich als Muster des Nuklearkonflikts an, in dem die Abrüstung im gemeinsamen Interesse liegen musste, aber keiner die eigene Initiative durch den andern ausbeuten lassen wollte. Formal war das Problem jedoch nicht zu lösen.

Eine andere beliebte Vorlage war das „Chicken Race“, eine Mutprobe der amerikanischen Jeunesse dorée, bei der zwei Autos frontal aufeinander zufahren, bis einer die Nerven verliert. Nach Bertrand Russell, der es als Erster auf die weltpolitische Situation übertrug, konnte das Ziel nur in der Vermeidung dieses Spiels bestehen, während Herman Kahn, die stärkste Stimme der algorithmischen Rationalität, es durchaus für seine strategischen Überlegungen nutzte. Kahn, der in seiner berühmten Schrift „On thermonuclear War“ auf eine Welt nach dem Atomschlag vorbereitete, rechnete jederzeit mit einer Eskalation des Konflikts, ging aber von einem rein rationalen Verhalten der Politiker auf jeder Konfliktstufe aus.

Im Wechsel der weltpolitischen Entspannungs- und Konfliktphasen hatte diese Anschauung unterschiedliche Konjunkturen. Kahns starke Rationalität traf in der Kuba-Krise auf Widerspruch. Nikita Chruschtschows erregte briefliche Forderung an John F. Kennedy, die nukleare Schwelle nicht zu überschreiten, war ein Hinweis auf die Grenzen der Rationalität im Eskalationsfall und gab den Anstoß zu einer psychologischen Weiterung des Konzepts. Der Psychologe Charles Osgood, Vorsitzender der Amerikanischen Psychologischen Gesellschaft, legte eine GRIT genannte Deeskalationstheorie vor, die auf schrittweise Abrüstung bei genauer Beobachtung des Gegners setzte.

Osgood, der später als Regierungsberater Einfluss auf die Rüstungskontrolle nahm, ging davon aus, dass Kennedy in Kenntnis seines Konzepts handelte, als er 1963 das Ende der Nukleartests verkündete. Und es war ganz im Sinn seiner Theorie, als Chruschtschow im Gegenzug die sowjetische Bombenproduktion einschränkte. Anders als Kahn ging die GRIT-Theorie nicht von strikter Rationalität, sondern von einer tiefverwurzelten Höhlenmentalität des Menschen aus, die sich in Drucksituationen in der Form von Irrationalität und Denkverkürzungen zurückmeldet. Ob die Lösung der Kuba-Krise ein Triumph Kahns oder Osgoods war, darüber lässt sich streiten.

Die Denker der Cold War Rationality haben das plötzliche Ende des Kalten Krieges nicht vorausgesehen, es traf sie überraschend. Das war der stärkste Beweis für die Grenzen beim Transfer einer algorithmischen Vernunft auf politische Konfliktlagen. Das Buch behandelt die Rationalität des Kalten Krieges als etwas Vergangenes, das in einzelnen Modellen und Disziplinen fortexistiert, aber nicht mehr als Einheit zu betrachten ist. Die heutigen technokratischen Auswüchse in Politik und Wirtschaft widersprechen dieser Historisierung. Tatsächlich liegt die Stärke des Buchs in der historischen Rekonstruktion, nicht in der Zuspitzung auf der Höhe der Zeit. Es sagt nichts darüber, wie die algorithmische Vernunft in Modelle, Maschinen und Netzwerke einwanderte und selbst zum mächtigen Akteur wurde, der vernunftbegabte, aber nicht immer rationale Akteure nach der eigenen Rationalität formt.

Paul Erickson, Judy L. Klein, Lorraine Daston, Rebecca Lemov, Thomas Sturm, and Michael D. Gordin (Hg.): How Reason Almost Lost Its Mind. The Strange Career of Cold War Rationality. The University of Chicago Press, 2014, geb., 272 Seiten, 35 Dollar.

Quelle: F.A.Z.
Thomas Thiel
Redakteur im Feuilleton.
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