Digitales Profil

Leben mit dem Datenschatten

Von Thomas Thiel
 - 11:19

Technik und Wissenschaft, heißt es, hätten die Welt entzaubert, aber man kann auch zu dem Schluss gelangen, dass sich mit dem technischen Fortschritt eine neue Art des Unheimlichen über sie gelegt hat. Man spricht gern von technischer Magie, muss es jedoch nicht Verzauberung nennen. Es ist kein verlockendes, eher ein diffuses und gespenstisches Gefühl, das sich einstellt. Es äußert sich am stärksten dann, wenn maschinelle Leistungskraft dem eigenen Vermögen in Bereichen voraus ist, die man zum engeren Kern der Persönlichkeit rechnet. Wenn Taschenrechner eine bestimmte Art logischen Denkens abnehmen, ist das relativ leicht zu verschmerzen. Wenn aber Algorithmen in Urteil- und Geschmacksbildung eingreifen, wenn sie besser wissen, welches Lied man jetzt gerade hören möchte oder welches Buch man sich als nächstes bestellen sollte, und wenn Fremde Wissen über die eigene Person erlangen, dessen Quellen man nicht kennt und das mit unvermuteten Effekten und in unerwarteten Situationen hervortritt, dann äußert sich das als eine neue Form von prometheischer Scham: die Erfahrung, dass uns nur noch eine fiktive Autonomie bleibt, die von technischen Verfahren unsichtbar kanalisiert wird.

Fast alle Bereiche unseres Alltagslebens sind mittlerweile von Computertechnik durchdrungen, und weil das Speichern immer billiger wird und die Speicherkapazität ins Unabsehbare wächst, hinterlassen fast alle unsere Tätigkeiten eine digitale Spur. Ein unablässiges Sammeln und Kategorisieren von Daten, das ein immer feineres digitales Raster über unsere Person legt, ist im Gange. Am Horizont steht eine Art digitaler Lebensberater, dessen auf Datenhochrechnungen gestützte Vorschläge sich auf wunderbare Weise mit unseren Selbsteinschätzungen treffen. In den Worten von Googles Geschäftsführer Eric Schmidt: "Ich glaube, die meisten Leute wollen nicht, dass Google ihre Fragen beantwortet. Sie wollen, dass Google ihnen sagt, was sie als Nächstes tun sollen." Es ist einer jener Kurzschlüsse, wie man sie oft von Leuten hört, die ein geschäftliches Interesse daran haben, dass Menschen ihren Verstand delegieren.

Daten als neue Währung

Constanze Kurz und Frank Rieger, beide profilierte Technikpublizisten, beide Sprecher des Chaos Computer Clubs und regelmäßige Autoren im Feuilleton dieser Zeitung, haben jetzt ein Buch vorgelegt, das dieser Aufgabe des Denkens den Kampf ansagt. Einen besseren Führer durch das digitale Labyrinth wird man so leicht nicht finden. Was Rieger und Kurz heraushebt, ist die Synthese von technischem Sachverstand, sprachlicher Treffsicherheit und einer humanistisch grundierten Skepsis im Umgang mit technischen Apparaten, die nicht in Larmoyanz umschlägt. Dazu kommt eine Resistenz gegenüber den handelsüblichen Phrasen.

Die libertäre Netzutopie der Gründerzeit ist ausgehöhlt. Es ist kein Geheimnis, dass der gärende Untergrund der digitalen Sammelwut ökonomische Interessen sind. Wenn man von Daten als einer neuen Währung spricht, hat das einen sehr konkreten Sinn. Informationen müssen zu Geld werden, um die Gratisökonomie, die sich im Netz etabliert hat, am Laufen zu halten. Datensätze werden zur Handelsware, unter der Hand an Dritte weitergegeben, verkauft oder meistbietend versteigert. Je freizügiger eine Person mit ihrem Privatleben ist, desto höher steigt ihr Handelswert.

Quantifizierung der Persönlichkeit

Weil die wenigsten Onlineangebote überleben, wächst bei den Firmen das Interesse, noch die letzte Privatinformation aus ihren Kunden herauszupressen, um Investoren bei der Stange zu halten oder sich für eine Übernahme attraktiv zu machen. Möglichst große und detaillierte Datensätze, die sich in zielgenaue Werbeprofile umsetzen lassen, sind bei solchen Deals oft das stärkste Kaufargument. Im Idealfall und bei detailgenauer Kundenkenntnis erscheint Werbung dann nicht mehr als lästige Indoktrination, sondern als Fortspinnen der eigenen Gedanken. Man staunt über die Bekanntschaft der Onlinedienste mit den eigenen Vorlieben. Es ist auch kein Verlass darauf, dass anonym gegebene Informationen das eigene Bild verschleiern. Weil immer mehr Informationen vernetzt sind, werden durch einige Querverbindungen aus anonymen Daten leicht persönliche Einblicke.

Aus einer Vielzahl von Quellen entsteht so ein digitaler Schattenriss, der immer häufiger zum Pars pro Toto der Persönlichkeit wird. Die Eckdatenbekanntschaft, die jeder persönlichen Begegnung vorausgeht, die Nachrichten, die uns auf personalisierten Websites zugespielt werden, die Kaufangebote, die wir erhalten, sie alle sind das Ergebnis von Mustern, die wir nicht kennen. Dieser Schatten, der einem immer voraus ist, bleibt örtlich unbestimmt, genauso, wie man nicht weiß, aus welchen Komponenten er sich gerade zusammensetzt. Er schwirrt in Informationsschnipseln durchs Netz und bildet spontane Collagen, die zu undurchsichtigen Entscheidungen über unser Leben werden.

Im Berufsleben wird längst nicht mehr nur bei der Einstellung das digitale Profil durchleuchtet. In manchen Unternehmen schlüsselt Analysesoftware auch Arbeitsleistungen auf. Wie eigenständig ist ein Mitarbeiter, wie kreativ ist er in seiner Wortwahl, auf welche Motivation lässt seine Kommunikation schließen? Google errechnet angeblich schon die voraussichtliche Länge des Arbeitsverhältnisses und die Kündigungswahrscheinlichkeit seiner Mitarbeiter. Es hat nichts Peinliches, wenn Rieger und Kurz gegenüber dieser umfassenden Quantifizierung der Persönlichkeit auf die Einzigartigkeit von Menschen verweisen.

Klima des Verdachts

Verfeinert wird das digitale Raster durch Bewegungsprofile, die vor allem über Mobiltelefone geortet und erfasst werden. Wenn genug Daten vorliegen, lässt sich durch Analysesoftware ein Verhaltensabbild rekonstruieren, das in seiner Detailliertheit weit über das hinausgeht, was man durch bloße Ortskenntnis für möglich hält. Durch verdeckte Dienste wie stille SMS kennen Mobilfunkanbieter auch bei ausgeschaltetem Handy und ohne unser Wissen unseren Aufenthaltsort. Soziale Dienste wie Facebook Places können auf die freiwillige Preisgabe des Aufenthaltsortes ihrer Kunden setzen. Auf der Verabredungsplattform Foursquare versucht man die Nutzer im Interesse der Werbeindustrie gezielt an bestimmte Orte mit den passenden Konsumangeboten zu lenken. Die Naivität der Nutzer, die sich mit billigen Anreizen ködern lassen, ist den Datenkraken eine große Hilfe.

Das Buch ist vor allem ein Einspruch gegen die Rhetorik der Alternativlosigkeit, die auf diesem Feld den Ton angibt. Es fordert dazu auf, sich nicht der Logik der Apparate zu unterwerfen und sich nicht in eine passive Lebensform drängen zu lassen, in der Handlungsspielräume, Urteilsvermögen und Intuition von maschinellen Anweisungen ersetzt werden und der Rechtfertigungsdruck an technische Prozesse ausgelagert wird. Schon in der Begründung mancher technischer Kontrollmaßnahme drückt sich diese Delegation des Denkens aus. Man sammelt Daten, weil es technisch möglich ist und weil man ja nie weiß, wozu man sie später noch gebrauchen könnte. Man installiert Kontrollsysteme, um Kosten einzusparen oder um industrielle Absatzinteressen zu bedienen. Bei der Einführung biometrischer Systeme zeigte sich laut den Autoren am deutlichsten, wie die Nähe des Staates zur Industrie später mit Aufsichtsratsposten entlohnt wird. Die Vision einer flächendeckenden automatisierten Fahndung durch biometrische Gesichtserkennung wurde am Mainzer Hauptbahnhof vor ein paar Jahren schon umzusetzen versucht. Es wird, wenn damals auch wenig erfolgreich, nicht der letzte Versuch gewesen sein. Auch soziale Netzwerke stehen vor der Einführung von Gesichtserkennungsfunktionen. Das korrespondierende gesellschaftliche Klima ist eines des Verdachts und des Anpassungsdrucks.

Schritte zur Selbstbestimmung

Unscharf geraten einzig die Ausführungen über die tieferliegenden politischen Hintergründe der Kontrollmanie. Die Behauptung, der ganze Überwachungsapparat diene der sozialen Befriedung der Kleinkriminalität an den Rändern einer ökonomisch gespaltenen Gesellschaft, ist der Diskussion wert. Die Andeutungen über internationale Gremien, die es sich zum Ziel gemacht haben, immer weitergehende Überwachungsmaßnahmen durchzusetzen, bleiben aber schemenhaft und etwas verschwörerisch.

Der Weg zur digitalen Mündigkeit ist steinig, und er erfordert ein Fachwissen, das den Alltagshorizont oft übersteigt. Im Unterschied zu dem im Netz üblichen Fatalismus sehen Rieger und Kurz aber die Möglichkeit, sich individuell gegen die Entmündigung zu wehren - und sie sehen uns an der Schwelle zu einem bewussteren Umgang mit Daten. Der Schritt zur Selbstbestimmung fängt schon damit an, nicht alle angeforderten Daten in jede freie Lücke zu füllen, das Geburtsdatum etwa hat nur die wenigsten zu interessieren. Den Klarnamen sollte man nur dort verwenden, wo er juristisch erforderlich ist. Dem Bekanntenkreis gilt es klarzumachen, dass die umstandslose Weiterleitung der eigenen Daten mehr als eine Unhöflichkeit ist. Sehr sinnvoll erscheint die Forderung der Autoren nach einer regelmäßigen Mitteilungspflicht der Organisationen über ihre gespeicherten Personendaten und die Pflicht zur Löschung nicht mehr benötigter Informationen. Was mit den Daten geschieht, die wir preisgegeben haben, werden wir möglicherweise erst sehr viel später erfahren.

Frank Rieger und Constanze Kurz: „Die Datenfresser“. Wie Internetfirmen und Staat sich unsere Daten einverleiben und wie wir die Kontrolle darüber zurückerlangen. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2011. 272 Seiten, br., 16,95 Euro.

Quelle: F.A.Z.
Thomas Thiel  - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Thomas Thiel
Redakteur im Feuilleton.
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