Erwin Panofsky: Korrespondenz. Band 5

Briefspenden für die Ordensgemeinschaft

Von Wolfgang Kemp
 - 16:05

„Die Studenten brennen darauf, Ihnen ihre verehrende Bewunderung zum Ausdruck zu bringen und so wird sich erneut zeigen, dass Ihnen die Jugend der ganzen Welt gehört“ - salbungsvolle Worte des Direktors des Zentralinstituts für Kunstgeschichte in München, Ludwig H. Heydenreich, gerichtet an den erwarteten Festredner, an Erwin Panofsky, der 1967 den ersten offiziellen Besuch in Deutschland abstattete, nachdem er das Land 1933 hatte verlassen müssen. Es war eine Art Staatsbesuch; allein das Programm seines Aufenthalts in Köln umfasst zwei Seiten. Gerd von der Osten, der Generaldirektor der Kölner Museen, kündigt ihm für seinen Kölner Vortrag Studenten der Universität Bonn, Bochum und Münster an, ist aber nicht so enthusiastisch, was den Nachwuchs betrifft: „Die junge Generation lohnt sich im Ganzen“, meint er gnädig. Immerhin: „Übrigens auch Dieter Wuttke“ habe sich angemeldet. Dieter Wuttke ist der Herausgeber dieser fünf Bände Korrespondenz und Materialien von Panofsky, deren letzter Band nun nach gut zwanzigjähriger Arbeit vorliegt. Wuttke hat sich mit seinen eigenen Briefen an den verehrten Gelehrten in die Edition eingeschlossen - wie ein Stifter auf einem mittelalterlichen Altargemälde.

Wir sollten damals also zu Panofsky wallfahren, zu dem größten lebenden Kunsthistoriker, dem „Einstein der Kunstgeschichte“. Wir fanden einen kleinen, gnomenhaften Mann mit großen Augen und großer Nase, er sprach das Englische so deutsch, dass ihn jeder verstand - auch in einer Zeit, als Englisch noch nicht zur Lingua franca aufgestiegen war. Er trug aus seinem letzten Forschungsprojekt vor, aus den „Problems in Titian, mostly iconographic“, die auf seinen in den dreißiger Jahren entwickelten inhaltskundlichen Ansatz zurückgingen.

Deutsch per Hand = sehr gut

Das war am 4. Juli. Einen Monat zuvor war Benno Ohnesorg erschossen worden. Ab jetzt würde die junge Generation sich nicht mehr im Ganzen lohnen. Nicht in den Augen all der Ordinarien und Generaldirektoren, welche diesen Band mit ihren Ehrerbietungen füllen. Panofskys Nachfolger auf dem Hamburger Lehrstuhl entleibte sich fast, weil er es versäumt hatte, den Besucher auch noch für einen Vortrag in Hamburg zu gewinnen. Für Panofsky war das sicher alles sehr anstrengend, aber irgendwie auch lohnend, eine späte, eine offizielle Wiedergutmachung, die mit der Aufnahme in den Orden Pour le mérite gekrönt wurde. Dieser Auszeichnung ging ein internes Gerangel voraus: Percy Ernst Schramm, der Ordenskanzler, war nicht so glücklich, einen jüdischen Emigranten aufzunehmen, der vielleicht ablehnen und ihn, den „Privat-Thukydides von Herrn Hitler“ (Panofsky), in Schwierigkeiten bringen könnte. Aber von allen Seiten tönte es unisono: Panofsky hat seinen Frieden mit Deutschland gemacht.

All das liegt so unglaublich weit zurück, dass man sich sogar unwillkürlich fragt, ob es diesen Orden eigentlich noch gibt, bei dessen Jahrestreffen ein Jahr später wir uns von der Polizei wegtragen ließen. Aber natürlich gibt es ihn, und Hans Belting vertritt in ihm die Kunstgeschichte würdig als Nachfolger Panofskys. In einem Brief wird er sehr gelobt, was er nach Meinung des Herausgebers sich später nicht verdient hat: Wuttke wacht nämlich fortlaufend in seinen Kommentaren über die leider weitverbreitete akademische Sportart des „Panofsky bashing“, wie er das nennt, und da musste Belting schon zweimal verwarnt werden. Belting hat Panofsky nicht geschrieben, damit ist er die große Ausnahme, denn wenn wir das richtig sehen, haben ihm sonst alle geschrieben. Alle meine Lehrer und ihre Assistenten zum Beispiel. Ein Brief von Panofsky, das war das Gleiche wie ein Brief von Thomas Mann, eine Geste aus sicherer Ferne und höchster Höhe, fast ein Sakrament. Erst sandte man die eigene Gabe, einen Sonderdruck, dann erfolgte die Antwort: die Verspätung entschuldigend, das kleine Werk lobend, wenn auch die eigene Inkompetenz eingestehend, und das Ganze fein abgestuft: Englisch per Maschine = neutral, Englisch per Hand = gut, Deutsch per Hand = sehr gut. Man fragt sich, warum man das alles lesen soll, geschätzte 200, gefühlte 600 Mal.

Irgendetwas ist da aus dem Ruder gelaufen

Es kann dem Herausgeber nur darum gegangen sein, die Mitglieder dieses niederen Ordens (Pour le Panofsky) möglichst vollständig zu versammeln und in ehrfürchtiger Haltung abzubilden. Mit Wiedergutmachung hatte das wenig zu tun: Panofsky war einfach der „ungekrönte König der Kunstgeschichte in der Welt“ (noch einmal van der Osten), das Haupt jener Bewegung, die sich als der Internationale Stil der Kunstgeschichte etabliert hatte: Ikonographie, Ikonologie. Für viele stand er auch an der Tür, die in die Vereinigten Staaten führte. Und hinzu kam, dass die deutsche Kunstgeschichte arm war an gleichermaßen verehrungswürdigen Persönlichkeiten.

Die Rezensenten der ersten vier Bände, welche Studium und erste Professur, Emigration, Krieg und Nachkrieg abdeckten, fanden am Briefschreiber Panofsky viel zu loben: seinen Witz, seinen Sarkasmus, seine politische Wachheit, seine Loyalität zu Freunden; sie fanden aber auch Bewegendes herauszukehren, den Abschied von Hamburg, die Auseinandersetzungen mit dem Sohn um die Atombombe, die Angst, die Vereinigten Staaten in eine ähnliche Richtung treiben zu sehen wie zuvor Deutschland; und sie hatten von Begegnung mit großen Zeitgenossen zu berichten. In diesem Band ist Panofsky alt geworden, was heißt, dass er milder und verständnisvoller reagiert, dass er auf weit zurückliegende Erinnerungen zurückkommt, die oft nicht viel mehr hergeben, als eine persönliche Note einem ansonsten banalen Pflichtbrief hinzuzufügen. Aber bisweilen läuft er zu alter großer Form auf, etwa in einem Brief an Ernst Gombrich, dem er mit Hinweis auf Aristoxenus von Tarent (!), Theodor Lipps, Warburg und unter Anrufung einer Hamburger Golfmeisterin namens Sellschop zu verstehen gibt, dass er eine Wahrnehmungstheorie der schieren Organe, ohne Körper, nicht gutheißen könne - nicht gerade Panofskys Spezialgebiet, aber eine Auffassung, die sich gegen Gombrich längst durchgesetzt hat.

Man muss also suchen, was man gerne, aber doch zunehmend gereizter tut: 3552 Briefe insgesamt, ein letzter Band mit 1466 Seiten - irgendetwas ist da aus dem Ruder gelaufen. Aber wir wollen nicht klagen: Selbst wenn hier nicht den größten Epistolisten ein Monument gesetzt wurde, das Gesamtwerk ist eine unglaublich reichhaltige Quelle an Daten und Informationen geworden.

Die neuen Optionen

Nach dem Tod Panofskys 1968 zog ein anderer Hamburger schnell an ihm vorbei: Aby Warburg (dessen Briefwechsel unediert blieb). Und es setzte überhaupt erst die kritische Würdigung der Hamburger Schule und ihrer Emigration ein: Dies nicht, um dieser Schule beizutreten, sondern um sich die geistesgeschichtlichen und fachpolitischen Voraussetzungen einer großen Epoche der deutschen und dann der internationalen Kunstgeschichte zu erklären. Panofsky wurde historisch, und was aktuell blieb, war das, was er selbst für historisch, für „weitgehend überholt“ erklärt hatte: anstelle des ikonographischen Panofsky der frühe, der darstellungstheoretische und formgeschichtliche Panofsky. Ihn bereitete die Rezeption der sechziger Jahre bereits vor. In diesen Schriften und in seinem einen Aufsatz über den Film lebt er fort.

Eine im Band abgebildete Fotografie zeigt den Meister im Kreis seiner Studenten. Nun waren bei der Gelegenheit sicher nicht alle da, aber ein wenig erschreckend und zugleich signifikant ist es schon, dass keiner aus diesem Kreis sich einen Namen gemacht hat. Am 14. März 1968 starb Panofsky. Er hätte gerade noch das neueste Heft der Zeitschrift Artforum aufschlagen und einen Artikel zur Kenntnis nehmen können, dessen Titel ihn vielleicht gereizt hätte: „Manet's Sources“ hieß er und stammte von Michael Fried. Über Manets Quellen hatte Fried seine Doktorarbeit geschrieben, und die radikal auf Gegenwartskunst eingestellte Zeitschrift hatte sie abgedruckt - eine ganze Nummer für eine Dissertation.

Fried war Student der Harvard-Universität, wo Panofsky methodisch nie hatte landen können. Ein dort lehrender Kollege soll einmal in seine Richtung gesagt haben, Ikonographie könne er immer noch machen, wenn er erblindet sei. Mit dieser Dissertation beginnt jedenfalls die Kunstgeschichte der Vereinigten Staaten, sich vom Vorbild der deutschen Emigranten zu lösen, sich auf eigene Grundlagen zu stellen - in diesem Fall auf die Kunsttheorie Clement Greenbergs - und sich dezidiert der Kunst der Moderne zu widmen. Neoformalismus, Rezeptionsästhetik, Poststrukturalismus hießen die neuen Optionen. Ihnen gehört im Moment noch „die Jugend der ganzen Welt“.

Erwin Panofsky: „Korrespondenz“. Band 5: 1962 bis 1968. Ausgewählt, kommentiert und herausgegeben von Dieter Wuttke. Harrassowitz Verlag, Wiesbaden 2011. 1466 S., geb., 180,- Euro.

Quelle: F.A.Z.
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