Flucht und Migration

Humanitarismus allein wird kaum reichen

Von Stefan Luft
 - 09:19

Der Osteuropa-Historiker Philipp Ther hat in seinem Buch über „Flucht, Flüchtlinge und Integration im modernen Europa“ eine Fülle historischer Erkenntnisse zusammengetragen, die das Elend von Flucht und Vertreibung der zurückliegenden fünf Jahrhunderte nochmals vor Augen führt. In den Text eingewoben sind Biographien prominenter und unbekannter Flüchtlinge, die den jeweiligen Kontext illustrieren sollen. Drei Viertel des Buches sind in erster Linie den Flüchtlingen vor religiöser Intoleranz, Flucht aufgrund „ethnischer Säuberungen“ und politischen Flüchtlingen gewidmet. Regional reichen die Darstellungen über Europa hinaus bis ins Osmanische Reich, die Sowjetunion, nach Syrien und Israel. Unübersehbar ist dabei vor allem, dass die von Ther geschilderte Aufnahme von Flüchtlingen in fundamental anderen politischen, sozialen und wirtschaftlichen Zusammenhängen stattfand, als das heute der Fall ist. Unbesiedelte Weiten, absolutistische Monarchien, agrarisch geprägte Gesellschaften ließen unvergleichbar andere Handlungsoptionen zu – sowohl seitens der Migranten als auch seitens der jeweiligen Herrscher.

Philipp Ther ist ein linksliberaler Historiker mit politischer Mission. Geschichtsschreibung dient ihm als Arsenal pädagogisch dienlicher Lehrstücke. So hebt er immer wieder hervor, dass die Vertreibung von Bevölkerungsgruppen – wie den Hugenotten aus Frankreich, den politischen Gegnern der Bolschewisten oder den Juden aus Deutschland und den von ihm besetzten Gebieten – einen erheblichen und lang anhaltenden Gewinn für die Aufnahmeländer bedeutete. Das gilt insbesondere für die klassischen Einwanderungsländer, die selbst Flüchtlinge häufig nach Kriterien der „Nützlichkeit“ auswählten und dies auch heute noch tun.

Inhaltlich schwächster Teil des Buches

Bezüge zur Gegenwart sind dann gerechtfertigt, wenn sie inhaltlich plausibel sind und die moralisierende Attitüde nicht überhandnimmt. Tatsächlich wirken bei Ther die häufigen Querverweise zu aktuellen Gegebenheiten in vielen Fällen assoziativ und inhaltlich nicht haltbar. So werden die Verteilungsquoten zwischen den deutschen Ländern („Königsteiner Schlüssel“) mit den freiwilligen Zusagen zur Aufnahme ungarischer Flüchtlinge 1956 und der mangelnden Bereitschaft vieler EU-Mitgliedstaaten in Zeiten der Flüchtlingskrise 2015 in Zusammenhang gebracht, was eher zur Verwirrung als zur Klärung von Zusammenhängen beiträgt. Je näher der Historiker der Gegenwart kommt, desto unsicherer wird das Terrain, auf dem er sich bewegt. Der „Asylkompromiss“ der Jahre 1992/93 sei „nichts anderes (...) als ein Kompromiss zur Abwehr von Flüchtlingen“ gewesen. Das ist zumindest eine sehr einseitige Sichtweise. Mit Art. 16a Abs. 5 des Grundgesetzes und der daraus folgenden gegenseitigen Anerkennung von Asylentscheidungen anderer Mitgliedstaaten als gleichwertig machte der deutsche Gesetzgeber immerhin den Weg frei für eine europäische Gesamtregelung und damit zum „Gemeinsamen Europäischen Asylsystem“.

Der erhobene Zeigefinger scheint allgegenwärtig und geht selbst in das häufig beklagte Stammtischniveau über: „All jene (...), die spätestens seit der Kölner Silvesternacht 2015/16 auf der ‚Willkommenskultur‘ herumhacken, müssen sich fragen lassen, welche Ziele sie eigentlich anstreben. Soll in Umkehrung des Jahres 2015 eine ‚Unwillkommenskultur‘ geschaffen werden?“ Auch die unvermeidliche Reduktion von Komplexität kann solche polemischen Trivialisierungen nicht rechtfertigen. Die kollektiven sexuellen Übergriffe in Köln durch überwiegend aus Nordafrika stammende, alkoholisierte Migranten haben die Schattenseiten und unbeabsichtigten Nebenwirkungen unkontrollierter Zuwanderung ins Bewusstsein gehoben und zu einer Ernüchterung nach der Euphorie des Jahres 2015 beigetragen – nicht mehr und nicht weniger.

Der kürzeste und – was schwerer wiegt – inhaltlich schwächste Teil des Buches gilt der Integration. Gleich zu Beginn des Buches befasst sich Ther auf sechs Seiten mit dem Thema. Er kommt allerdings über die Reproduktion kurrenter Phraseologie nicht hinaus. Die Breite und Tiefe der internationalen sozialwissenschaftlichen Forschung zu Integration und Assimilation von Migranten ist ihm offensichtlich nicht präsent. Der Titel des Buches verspricht daher zu diesem Thema wesentlich mehr, als er einlösen kann. Ther bedient sich zudem sprachlicher Manipulationstechniken, indem er die Skepsis hinsichtlich möglicher Integrationserfolge von Zuwanderern durchgängig als irrationale „Ängste“ bezeichnet. Unterstellt wird damit, dass eine rationale Begründung dieser Vorbehalte von vornherein unmöglich sei.

Die These Philipp Thers, dass Migranten, „historisch betrachtet, fast immer eine Bereicherung für die Länder, die sie aufnahmen, und ein Motor wirtschaftlicher, gesellschaftlicher und kultureller Veränderungen“ gewesen seien, ist zumindest mit Blick auf die Lage in den Nachbarländern Deutschlands (wie Frankreich, Belgien, Niederlande) in ihrer Pauschalität so nicht zutreffend. Hinzu kommt, dass sich Migration auf die sozialen Schichten und Regionen (Stadt/Land, strukturschwach/wirtschaftsstark) höchst unterschiedlich auswirkt und es in den Zielländern von Migration durchaus Verlierer und Gewinner gibt.

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Doch welche Lehren sind aus den zahlreichen Flüchtlingsbewegungen, die Philipp Ther analysiert, zu ziehen? Bei der Analyse der politischen Konflikte auf der Ebene der Europäischen Union sowie der gesellschaftspolitischen Verschiebungen in den Mitgliedstaaten bleibt die Analyse blass. Legt man etwa Ivan Krastevs Essay „Europadämmerung“ neben Thers Buch, wird unübersehbar, wie wenig westeuropäische Linksintellektuelle die tektonischen Verschiebungen im gesellschaftlichen Gefüge vor allem der mittel- und osteuropäischen Staaten erfassen. Die Flüchtlingskrise des Jahres 2015 spaltet die EU wie kein anderes Thema. Der Vorwurf mangelnder Solidarität, den auch Ther erhebt, greift nicht. Die tief verunsicherten postsozialistischen Transformationsgesellschaften sehen Solidaritätspflichten unter nationalen, ethnischen und religiösen Bezügen. Der kosmopolitische „Humanitarismus“, auf den sich Ther beruft, erscheint ihnen als Bedrohung und als Überforderung. Wer weiterführende, neue Denkanstöße erwartet, wie diese Spaltung überwunden werden kann, wird von diesem Buch Philipp Thers enttäuscht sein.

Quelle: F.A.Z.
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