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Fritz Saxl: Gebärde, Form, Ausdruck

Um Bilder unserer selbst ist eben nicht herumzukommen

Von Karlheinz Lüdeking
 - 15:50
Spätheidnische Verwandlung derantiken Götter vorchristlichem Hintergrund: der Olympals Versammlungsortvon sternennahen „Himmelsgöttern“ Bild: Foto Diaphanes , F.A.Z.

Fritz Saxl ist im deutschsprachigen Raum vornehmlich als jemand bekannt, der berühmteren Männern zugearbeitet hat. Er wurde 1913 Assistent bei Aby Warburg und betreute dessen Bibliothek, die er zu einer renommierten Institution ausbauen und nach 1933 ins Londoner Exil retten konnte. Und auch für Erwin Panofsky war er eine große Hilfe bei der Abfassung verschiedener Studien, vor allem der großen Untersuchung über Dürers Kupferstich „Melencolia I“, die zuerst 1923 und 1964 noch einmal in einer stark erweiterten Fassung erschien. Saxls eigene Schriften sind hierzulande bisher jedoch nur von wenigen Spezialisten beachtet worden.

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Nun liegen aber zwei seiner Aufsätze in einer Publikation vor. Beim ersten, der zuerst 1923 veröffentlicht wurde, handelt es sich um eine Untersuchung der Wanderung von Bildmotiven, die in der Zeit der Spätantike und des frühen Christentums aus ihrem jeweiligen Kontext herausgelöst, in einen anderen übernommen und dort abgewandelt wurden. So griff man zum Beispiel bei Bildnissen des Apostels Paulus auf Darstellungen griechischer Philosophen zurück, wobei man deren plastisch-diesseitige Gestaltungsweise dann aber zunehmend zugunsten einer „symbolisch-orientalischen“ Auffassung veränderte. Zu weiteren von Saxl analysierten Beispielen gehören unter anderem Bilder, die für den Mithraskult von Bedeutung waren, sowie altpersische Darstellungen des Zusammenhangs von irdischer Herrschaft mit dem Lauf der Gestirne.

Die Inszenierung unserer Identität

Der Nachweis der dabei immer wieder festzustellenden Migration von Bildern aus der einen Kultur in eine andere und der damit verbundenen Transformationen ist, wie der Herausgeber Pablo Schneider betont, in unserer heutigen Welt der globalen Bildzirkulation vor allem methodisch von hohem Interesse. Deshalb wählte er als zweiten Text wohl auch einen 1932 publizierten Vortrag, in dem sich Saxl ausdrücklich mit Fragen der kunstwissenschaftlichen Methode befasst. Hier konzentriert sich seine Argumentation - ganz im Sinne der programmatischen Ausrichtung der Warburgschen Bibliothek - speziell auf Bilder, denen man einen besonderen Ausdrucksgehalt zuschreiben kann.

Psychische Zustände äußern sich bekanntlich nicht mit derselben Zwangsläufigkeit, mit der heißer Dampf entsteht, wenn man Wasser zum Kochen bringt. Wer traurig oder verzweifelt ist, wird vielleicht weinen, aber vielleicht auch nicht und sich womöglich sogar ein Lächeln abzwingen, und dementsprechend wird sich auch seine innere Befindlichkeit in jeweils verschiedener Weise ausprägen. Wenn sich Gemütsverfassungen aber schon im alltäglichen Leben in sehr unterschiedlichen Ausdrucksformen realisieren, die sich zudem danach richten, ob und wie sie von anderen verstanden werden, dann gilt umso mehr für die Kunst, dass ihr die Formen, in denen sie menschliche Regungen zur Darstellung bringen möchte, nicht einfach vorgegeben sind. Die Kunst muss sie erfinden. Und wenn sie das tut, dann erfindet sie, so Saxl, letztlich auch neue Emotionen und Affekte, denn diese bilden sich niemals unabhängig von den Formen ihrer Äußerung. Die Kunst bietet uns nicht nur visuellen Genuss oder intellektuelle Anregung, sie führt uns auch Modelle für unser eigenes Fühlen und Handeln vor Augen und leistet so einen wesentlichen Beitrag zur Inszenierung unserer Identität.

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Angesichts der Themen, die in den beiden Aufsätzen behandelt werden, kann die Publikation auch einer erweiterten Legitimierung der Bildwissenschaft dienen. Bilder, so wurde von ihren Vertretern vielfach hervorgehoben, eignen sich keineswegs nur zur Veranschaulichung und Vermittlung von theoretischen Einsichten, sie leisten vielmehr einen konstitutiven Beitrag zur Hervorbringung dieser Einsichten selbst.

In diesem Sinne betonte auch die Kunst in letzter Zeit gern ihre erkenntnisstiftende Funktion. Doch anscheinend verliert das Argument von der kognitiven Potenz der Bilder allmählich seine Durchschlagskraft, und zwar nicht etwa deshalb, weil es niemanden mehr überzeugt, sondern deshalb, weil ohnehin schon alle überzeugt sind. Deshalb ist es hilfreich, sich von Saxl daran erinnern zu lassen, dass Bilder auch noch andere Qualitäten haben, die von der Bildwissenschaft genauer erforscht werden sollten.

Dabei kann die Bildwissenschaft ihre Zuständigkeit sogar für zwei Gebiete erweisen, die für das Denken der Gegenwart von zentraler Bedeutung sind. Zum einen vermag sie einen Beitrag zur Erforschung transkultureller Beziehungen zu liefern, zum Beispiel derjenigen zwischen dem alten Europa und dem Nahen Osten, wie sie in Saxls erstem Aufsatz untersucht werden. Und zum anderen kann sie - in Fortführung der Überlegungen aus Saxls zweitem Aufsatz - verdeutlichen, wie sehr unsere individuelle Identität von Bildern bestimmt wird, in denen wir uns wiedererkennen wollen. Sollte sich die Kompetenz der Bildwissenschaft auch in diesen beiden Feldern bewähren, müssen wir uns über ihre Zukunft keine Sorgen machen.

Fritz Saxl: „Gebärde, Form, Ausdruck“. Zwei Untersuchungen. Hrsg. von Pablo Schneider. diaphanes Verlag, Zürich 2012. 144 S., Abb., br., 14,90 [Euro].

Quelle: F.A.Z.
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