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Architektur für Flüchtlinge

Ein Land im Aufnahmezustand

Von Michael Mönninger
© Andreas Kern, F.A.Z.

In der deutschen Willkommenskultur gibt es ein seltsames Nord-Süd-Gefälle. Zwar empfangen Berlin oder Hamburg ihre Flüchtlinge mit warmen Worten, doch für die Unterbringung halten die Stadtstaaten weiterhin vor allem unwirtliche Großhallen und Notunterkünfte bereit. In Bayern dagegen weht Flüchtlingen zwar die wenig einladende Rhetorik der CSU entgegen, aber in der Praxis funktioniert die Verteilung und Einquartierung der Migranten in menschenwürdige Unterkünfte mustergültig.

So verwundert es nicht, dass ein neues Handbuch über Flüchtlingsbauten mehrheitlich von süddeutschen Autoren stammt. Die Münchner Architektin und Regierungsbeamtin Lore Mühlbauer hat einen praktischen Ratgeber für das schnelle, kostengünstige und dennoch ansehnliche Bauen herausgegeben, an dem sich die Nordlichter ein Beispiel nehmen können.

Es geht um das Machbare

Wohltuend verzichten die Autoren auf philanthropische Appelle und argumentieren eher im Sinne technisch-administrativer Machbarkeit. Einleitend erinnert das Handbuch an die historischen Grundtatsachen von Flucht und Vertreibung. Deren vorläufiger Höhepunkt bildete nach 1945 die Umsiedlung von zwölf Millionen Menschen aus den deutschen Ostgebieten in die kalte Heimat des Westens; dieser Exodus rückt die heutigen Flüchtlingsströme aus Nordafrika, Syrien und dem Irak in ein etwas realistischeres Verhältnis.

Mit ethnologischem Blick untersucht der deutsch-syrische Architekt Yasser Shretah als Mitherausgeber des Handbuchs, ob die Architektur der Herkunftsländer für die Unterbringung in der Fremde Lösungen bietet. Der Autor möchte nicht die schönen orientalischen Vorbilder der Hof- und Hallenhäuser auf die Aufnahmeländer übertragen, sondern ihre typologischen Prinzipien herausarbeiten: zentrale Gemeinschaftsflächen mit ringsum angeordneten Privaträumen; Durchgangszimmer anstelle der Platzverschwendung von Erschließungsflächen und Korridoren; Fassaden als poröse Schwellenräume in Form von Laubengängen oder Arkaden zwecks klimatischer und sozialräumlicher Pufferzonen.

Raumgebilde aus der Heimat

Solche Raumgebilde aus ihrer Heimat nehmen die Menschen in die Flüchtlingscamps mit. Die weltgrößten unter ihnen im Libanon und Jordanien, die infolge des Syrien-Krieges jeweils bis zu achtzigtausend Menschen zählen, dokumentiert das Handbuch mit eindrucksvollen Großfotos: Der nur vier Millionen Einwohner zählende Libanon hat zwei Millionen Flüchtlinge aufgenommen, ohne dass dort ein neuer Bürgerkrieg entbrannt ist. Erhellend beschreiben die Autoren das Paradox, dass „Flucht vor allem aus Warten besteht“. Weil Flüchtlinge vor allem durch die Unsicherheit zermürbt werden, in Provisorien auf unbegrenzte Dauer leben zu müssen, empfehlen sie die Herausbildung fester räumlicher Strukturen als existentiellen Außenhalt.

Dass solche psychische Stabilisierung in Militär-Siedlungen schwerfällt, wie sie nach dem alliierten Truppenabzug in Deutschland dutzendfach in Aufnahmelager umgewandelt wurden, zeigt das Handbuch am Beispiel von Bamberg, wo ein großer Kasernenkomplex für 4500 Flüchtlinge bis heute nur als Abschiebezentrum für wenige hundert Rückkehrer dient.

Besser ergeht es den Nutzern des Pilotprojekts im unterfränkischen Karlstadt bei Würzburg, wo das staatliche Bauamt im Garten des örtlichen Finanzamtes freundliche Pavillonhäuser errichtete, die auf nur 45 Quadratmetern pro Unterkunft transparente, gutfunktionierende Dreizimmerwohnungen bieten. Die Faustregeln für diesen perfekten Minimalismus: vorgefertigte Holzskelett-Konstruktionen, zentrierte Grundrisse ohne überflüssige Verkehrsflächen, bodentiefe Fenstertüren als zusätzliche Fluchtwege, Einzelerschließung jeder Einheit von Außen über Laubengänge, um Treppenhauskonflikte zu vermeiden – und gute Behörden, die im besten Fall selbst bauen.

Modelle in Massivholz

Auch im oberbayrischen Zolling wurde dies mit Wohnmodulen aus Massivholz erfolgreich praktiziert: Drinnen treffen die Neuankömmlinge sogar auf die ungeplante Gemütlichkeit von alpinen Zirbelstuben.

Durchweg übertreffen die Baubeispiele aus Holz, dem Urbaustoff der nordischen Nebelländer, alle Varianten aus Metall, Beton oder Stein haushoch. Dabei scheuen sich die Autoren nicht, an verpönte Vorbilder zu erinnern: an die genormten hölzernen Allzweck-Baracken des Reichsarbeitsdienstes, die zum anpassungs- und leistungsfähigsten Bautyp der Nazis aufstiegen und später nur unzureichend durch die Wellblechhütten des kanadischen Offiziers Peter Nissen ersetzt wurden.

Innenansicht: Holz, soweit das Auge reicht.
© Andreas Kern, F.A.Z.

Daher versucht das Handbuch nicht, den Holzbau neu zu erfinden, wohl aber den Umgang mit Bauvorschriften und Behörden. Die Novelle des Baugesetzbuches im Asylpaket 2015 brachte wichtige Erleichterungen bei Standards und Prozeduren – dafür hatten die fleißigen Deregulierungsexperten der Brüsseler EU-Kommission 2014 wichtige Vorarbeit geleistet. Trotzdem dauern Baugenehmigungen für Flüchtlingsunterkünfte immer noch doppelt so lange wie der schnellste Baufortschritt.

Generalinventur der Vorschriften

Deshalb sieht das Handbuch den größten Reformbedarf nicht in der Erfindung einer Fließbandarchitektur, sondern beim weiteren Abbau von unsinnigen Vorschriften für Stellplätze, Elektro- und Energietechnik, Brand- und Emissionsschutz sowie Wärmedämmung und Abstandsflächen. Das sind die erstaunlichen Nebeneffekte des Kosten- und Zeitdrucks bei Flüchtlingsbauten: Sie befördern eine Generalinventur der bautechnischen Vollkasko-Mentalität, die den deutschen Wohnungsbau erstickt.

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Wie ein Tabubruch wirken im Handbuch die Beiträge von privaten Immobilienwirtschaftlern, die die Wohnanlagen als „neue Assetklasse“ für ihr Portfolio bewerten gemäß dem Motto: „Nur was sich rentiert, das funktioniert.“ Dafür verlangen sie von den Unterkünften dreierlei: Sie müssen langlebig, umnutzbar und verkaufbar sein. Solche Selbstverständlichkeiten gelten jedoch nicht im Geringsten für die Symbolökonomie von schnellen Provisorien wie Großzelten oder Leichtbauhallen, die letztlich doppelt so teuer sind wie feste Bauwerke.

Diese fragilen Energieschleudern erfordern einen extremen Aufwand an passiver Sicherheit und aktivem Wachschutz, dazu eine erzwungene Rundumversorgung durch Caterer mangels eigener Haushaltsführung der Flüchtlingsfamilien, und die verweigerte Privatsphäre in den Massenquartieren ist erniedrigend. Im Schlusskapitel mit Dutzenden gelungener Baubeispiele aus ganz Deutschland tritt das Handbuch den praktischen Beweis an, dass in Krisenzeiten aufgeklärte Technokraten oft hilfreicher sind als philanthropische Schwärmer.

Lore Mühlbauer, Yasser Shretah (Hrsg.): „Handbuch und Planungshilfe Flüchtlingsbauten“. Von der Notunterkunft zum kostengünstigen Wohnungsbau. DOM Publishers, Berlin 2017. 312 S., 450 Abb., geb., 78,– €.

Quelle: F.A.Z.
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