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Sachbuch zur Reformpädagogik

Umtriebe in der pädagogischen Provinz

Von Heike Schmoll
© dpa, F.A.Z.

Wer sich für die geradezu mafiösen Netzwerke deutscher Bildungsprotagonisten in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg interessiert, wird in Jens Brachmanns Geschichte der Vereinigung der Deutschen Landerziehungsheime reichlich Material zu ihnen finden. Die größte Leistung des zum Teil weit ausholenden Buchs aber ist die präzise und schonungslose Beschreibung der Strukturen, die den Missbrauchsskandal an der Odenwaldschule begünstigt und seine Aufklärung verhindert haben. Denn offensichtlich war den Verantwortlichen immer die Schonung der Internatsschulen wichtiger als die Rücksicht auf Hunderte von Opfern, die bis heute an den Nachwirkungen der sexuellen Übergriffe leiden.

Angesichts ihres Versagens im Missbrauchsskandal an der inzwischen insolventen und geschlossenen Odenwaldschule vergab die Vereinigung Deutscher Landerziehungsheime einen Forschungsauftrag an Brachmann, Professor für Allgemeine Pädagogik und Historische Wissenschaftsforschung in Rostock. Die Vergangenheit dieser Vereinigung sollte von ihm rückhaltlos in den Blick genommen und der Einfluss der Landerziehungsheimbewegung auf die bildungspolitischen Interventionen in der unmittelbaren Nachkriegszeit untersucht werden. Außerdem sollte es um die zweifelhafte Rolle einzelner Akteure und Funktionsträger sowie die pädokriminellen Übergriffe des früheren Leiters der Odenwaldschule, Gerold Becker, gehen.

Brachmann bekam als Erster Akteneinsicht

Der Fokus des Forschungsauftrags lag von Anfang an auf der Darstellung der Institutionengeschichte der Landerziehungsheime (LEH) und der Rekonstruktion der einschlägigen Netzwerke. Dazu hat der Autor das Archiv der Vereinigung eingesehen, das die Jahre von 1950 bis 1999 dokumentiert. Gelagert wurden die Akten zuletzt in der Odenwaldschule. Brachmann war der Erste, der Zugang zu ihnen erhielt. Ob sie womöglich vorher gesichtet und „bereinigt“ wurden, bleibt offen.

Hellmut Becker, der „Bildungsbecker“, Sohn des preußischen Kultusministers Carl Heinrich Becker, war als Syndikus des Verbandes eine der Schlüsselfiguren. Ohne seine weitreichenden Verbindungen und sein aristokratisches Auftreten hätten die Landerziehungsheime bildungspolitisch nie die Rolle gespielt, die ihnen überproportional zu ihrer Bedeutung zuwuchs. Über den Mitbegründer des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung erfährt man bei Brachmann wenig Neues, weil der Autor neben den LEH-Akten nur auf bereits ausgewertete Quellen zurückgreift. Hellmut Becker pflegte eine unkonventionelle Personalpolitik, zu der auch die folgenreiche Fehlentscheidung für Gerold Ummo Becker als Schulleiter der Odenwaldschule zählt. Eine Entscheidung, die trotz Beckers Wissen über die sexuelle Orientierung und die zweifelhafte Vorgeschichte dieses Kandidaten fiel. Schon mit Gerold Beckers Einstieg in das neue Amt in Ober-Hambach begannen die Sonderregelungen und Merkwürdigkeiten, zuerst mit einer mehrwöchigen Freistellung für die Abfassung einer Dissertation, aus der freilich nie etwas wurde.

Heute müssten sich Beckers Kollegen und Kooperationspartner ernsthaft fragen lassen, weshalb sie zum „willfährigen Publikum eines Blenders, einer gespaltenen Persönlichkeit, eines narzisstischen Selbstinszenierers wurden“, schreibt Brachmann. Innerhalb der Odenwaldschule hatte Becker rasch ein „parahöfisches Organisationsmodell“ etabliert. Er habe es auf perfide Weise verstanden, „eine Mannschaft von Mitarbeitern anzuheuern, die entweder von ihm abhängig waren oder deren eigene Integrität bereits beschädigt war“, berichtete der Alt-Schüler Andreas Huckele, der die Übergriffe Beckers 1999 mit an die Öffentlichkeit brachte.

Grund für Beckers Ausscheiden ungeklärt

Ob Beckers plötzliches Ausscheiden aus dem Schulleiteramt auf Betreiben Hellmut Beckers oder des Weinheimer Unternehmers Hermann Freudenberg zustande kam, der die Odenwaldschule großzügig unterstützte, konnte auch Brachmann nicht klären. Wie autokratisch die Leitungsstrukturen in der Odenwaldschule waren, zeigt sich daran, dass Gerold Becker auch noch die Chuzpe besaß, seinen Nachfolger zu installieren, ohne mit den zuständigen Gremien zu sprechen.

Sein Berliner Mentor breitete auch darüber den Mantel des Verständnisses und sorgte dafür, dass sein Schützling weich fiel. Umgehend wurde ihm die Öffentlichkeitsarbeit für die LEH angetragen, dazu erhielt er ein Stipendium des Stifterverbandes für die Deutsche Wissenschaft in Höhe von 120.000 Mark, aufgrund einer allgemein gehaltenen vierseitigen Antragsskizze für eine Monographie. Aus ihr wurde nichts, überprüft hat der Verband die Verwendung der Mittel auch nicht. Es müsse angenommen werden, dass „hier unter bewusstem Kalkül und sehenden Auges Mittel verschwendet wurden“, stellt Brachmann fest.

Wie vergleichsweise komfortabel der abgelöste Schulleiter der Odenwaldschule lebte, zeigt sich in einem monatlichen Bruttogehalt von 7850 Mark zuzüglich einer steuerfreien Pauschale für Sachkosten in Höhe von 500 Mark, das ihm von November 1987 bis Herbst 1990 ausgezahlt wurde; danach wurden andere Finanzierungswege gefunden. Eine Gegenleistung dafür erbrachte Becker nicht. Abgewickelt wurde die Finanzierung, wie könnte es anders sein, über die Odenwaldschule. Insgesamt verbrachte Gerold Becker acht Jahre in einem gut gepolsterten Wartestand, dann übernahm er die Leitung des Verbandes der Landerziehungsheime, obwohl er nicht einmal einen Rechenschaftsbericht für seine Öffentlichkeitsarbeit vorgelegt hatte.

Doch Leistung schien keine Rolle zu spielen, allein das Charisma oder die falsch verstandene Loyalität der übrigen Leiter der Landerziehungsheime führten zur Entscheidung, dem „Organisationslaien und Verwaltungsdesperado Gerold Ummo Becker trotz nachweislicher Unfähigkeit“ diese Position einzuräumen. Die LEH verpasste damit die Chance, die Aufklärung der Ende der neunziger Jahre öffentlich gewordenen Missbrauchsvorwürfe zum vorrangigen Thema zu machen.

Stattdessen beschädigte der Verband sich so nachhaltig, dass es auch Wolfgang Harder, Beckers Nachfolger im Amt des Schulleiters und als Vorsitzender der Vereinigung, nicht mehr gelang, die beiden verwahrlosten Institutionen wieder aufzubauen und ihnen zukunftsfähige Strukturen zu geben. Der Missbrauchsskandal an der Odenwaldschule stellte den gesamten Verband, die Pädagogik der Landerziehungsheime und das reformpädagogische Milieu an den Pranger. Das Buch bildet die Grundlage für eine kritische Auseinandersetzung mit dieser Geschichte.

Jens Brachmann: „Reformpädagogik zwischen Re-Education, Bildungsexpansion und Missbrauchsskandal“. Verlag Julius Klinkhardt, Bad Heilbrunn 2015. 704 S., 49,90 €.

Quelle: F.A.Z.
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