Anzeige

Jürgen Leonhardt: Latein

Seit der Thomaskantor kein Latein mehr können muss

Von Caspar Hirschi
 - 13:12
Latein Bild: Verlag, F.A.Z.

„Die grausamste aller wilden Bestien“ habe man ihn genannt, berichtete Pierre Bayle in seinem berühmten „Dictionnaire historique et critique“ vom deutschen Gelehrten Caspar Schoppe. Bayle fand das etwas gar unhöflich, aber nicht ganz unbegründet. Schoppe habe sich den Titel gründlich erarbeitet - „mit einer zu großen Liebe zur Reinheit des Lateins“. Sei ihm ein Autor aufgefallen, der ein lateinisches Wort anders gebrauche als weiland die Römer „in den besten Zeiten“, habe er zur Strafe „naticidium“ verordnet, wörtlich übersetzt: die Tötung des eigenen Kindes.

Anzeige

Bayles biographisches Lexikon erschien 1697, und wie seine anderen Publikationen trug es dazu bei, Latein als europäische Gelehrtensprache zugunsten des Französischen zurückzudrängen. Den 1649 verstorbenen Schoppe kritisierte Bayle allerdings nicht wegen dessen Sprachpurismus. Vielmehr meinte er, dass Schoppe mit seinen stupenden Lateinkenntnissen allen Gelehrten einen Gefallen getan hätte, hätte er bloß auf ihre Fehler mit „zivilisierten, sanften und höflichen Worten“ hingewiesen.

Wie konnte Bayle, der wie kein anderer die Idee einer französischsprachigen „Gelehrtenrepublik“ repräsentierte, die Eleganz des klassizistischen Lateins gegen die Ungeschlachtheit seiner Verfechter verteidigen? Jürgen Leonhardts Geschichte der lateinischen Sprache bietet dafür, ohne Bayle eigens anzusprechen, eine überzeugende Erklärung. Leonhardt, der an der Universität Tübingen lateinische Philologie lehrt, räumt der Frühen Neuzeit mehr Platz ein als der gesamten Antike. Mit gutem Grund: Sein Hauptinteresse gilt dem Rang des Lateins als Weltsprache, und dieser war nach 1500 stärker ausgeprägt als je zuvor. Nie war die Sprache so weit verbreitet, und nie wurden so viele Schriften in ihr verfasst und veröffentlicht.

Latein weckt Aggressionen

Anzeige

Im gleichen Zeitraum jedoch wurde ihr Vorrang von den zu Literatursprachen nobilitierten Vulgärsprachen bedroht und schließlich beendet. Wie Leonhardt nun darlegt, gehörten die Vorkämpfer dieser Nobilitierung meist zu den führenden lateinischen Autoren ihrer Zeit. Humanisten wie Pietro Bembo, Joachim du Bellay und Martin Opitz reüssierten nicht nur in beiden Sprachen, sondern betrieben die Standardisierung ihrer Mundarten mit jenen Methoden, denen das Latein seine Vormachtstellung verdankte. Erst die Moderne machte aus ihnen Gegner des Lateins. Ähnliches gilt noch für Bayle: Aufwertung des Französischen hieß für ihn nicht Abwertung des Lateinischen. Dass seine publizistische Tätigkeit dennoch darauf hinauslief, hatte andere Gründe.

Leonhardts „Geschichte einer Weltsprache“ erlaubt ebenso eine Erklärung, warum sich gerade am Latein so leicht Aggressionen entzündeten (und noch immer entzünden) und warum die Figur des Streithahns à la Schoppe untrennbar mit dieser Sprache verbunden ist.

Wehrhafte Reinheitsapostel

Der Schlüssel dazu ist seine Beschreibung des Lateins als „fixierte“ Sprache, mit der er die ebenso vieldeutige wie widersprüchliche Metapher der „toten“ Sprache aushebelt. Mit „Fixierung“ ist gemeint, dass Latein bereits am Übergang von der Römischen Republik zum Prinzipat ein Entwicklungsstadium erreicht habe, „das nie mehr weitergeführt wurde“. Es habe danach keine Lautverschiebungen, keine Deklinations- und Konjugationsveränderungen mehr gegeben. Ergänzungen seien nur noch im Vokabular und in der Syntax erfolgt. Damit erhielt das Latein früh eine überzeitliche Gestalt, die das Mittelalter mit ein paar Kratzern überdauerte und die seit dem Renaissance-Humanismus von wehrhaften Reinheitsaposteln bewacht wurde. Letztlich sollten diese Gestalt selber dafür sorgen, dass „man lieber auf lateinische Kommunikation verzichtete“, als den Anspruch auf klassizistische Perfektion aufzugeben.

Obwohl als Überblickswerk konzipiert, ist Leonhardts Geschichte des Lateins weit mehr als nur das. Sie stellt neue Thesen auf, anstatt bloß alte zu referieren, sie wählt ihren Stoff gezielt aus, anstatt ihn nur zu resümieren, und sie sucht den Gegenwartsbezug, anstatt sich allein in der Vergangenheit aufzuhalten.

Zweifel an Bachs Lateinkenntnissen

Wie erhellend der Autor große sprachgeschichtliche Veränderungen an kleinen Ereignissen festmacht, zeigt seine Illustration des Bedeutungsverlustes des Lateins im Bildungswesen des achtzehnten Jahrhunderts: 1723 diskutierte der Rat der Stadt Leipzig die Wahl eines neuen Kantors für die Thomasschule. Hatte die Stelle stets eine Kombination von Latein- und Musikunterricht beinhaltet, so wurde nun mit Johann Sebastian Bach erstmals ein Kandidat in Erwägung gezogen, an dessen Lateinkenntnissen einige Ratsherren Zweifel hatten. Sie wählten ihn trotzdem - und legten ihm sogleich nahe, sich im Lateinunterricht vertreten zu lassen. Damit sei, so Leonhardt, eine Entwicklung eingeleitet worden, die den Lateinunterricht nicht nur abwertete, sondern vom Musikunterricht abkoppelte und auf die „Übung in den klassischen Schriftstellern“ reduzierte.

Was an diesem Buch darüber hinaus beeindruckt, sind seine komparatistische Anlage und seine bildungspolitische Aussage. Jeder Abschnitt in der Geschichte des Lateins wird mit vergleichenden Betrachtungen erläutert, sei es zu anderen Weltsprachen oder zu anderen Kulturbereichen. Um die Modernität des Lateinunterrichts im neunzehnten Jahrhundert zu unterstreichen, vergleicht Leonhardt ihn mit der Aufgeschlossenheit der klassizistischen Architektur gegenüber neuen Bautechniken und -materialen. Und um die These zu erhärten, dass die Fixierung des Lateins für seinen Aufstieg zur Weltsprache entscheidender gewesen sei als die Ausdehnung des Römischen Reiches, beschreibt er die entsprechenden Prozesse im Altgriechischen und Hocharabischen. Die gleiche These dient ihm auch dazu, die Beständigkeit des Englischen als Weltsprache in Frage zu stellen.

Ankunft im Kreis der Orchideenfächer

Der Autor macht keinen Hehl daraus, dass ihn der gegenwärtige Zustand der Lateinstudien an Schulen und Universitäten niederdrückt. In den jüngsten Erfolgsmeldungen über die neue Beliebtheit des Lateins an Gymnasien sieht er bloß eine Bestätigung für dessen Ankunft im Kreis der Orchideenfächer. Anstatt sich aber, wie nicht wenige Altphilologen, mit einem „Sic transit gloria mundi“-Gejammer in der akademischen Randständigkeit einzurichten, geht er nüchtern und scharfsinnig ihren historischen Ursachen nach und fordert zum Schluss ein umfassendes Umdenken. Dieses soll im Unterricht weg vom bloßen Übersetzen alter Texte zur Übung in mündlicher Kommunikation führen, und in der Forschung weg von der Fixierung auf die kleine Zahl antiker Klassiker zur Erschließung der Berge neuzeitlicher Werke. Zwar sind das nicht ganz neue Forderungen, aber für ein Fach, in dem der Weg zur Professur noch immer über Arbeiten zu antiken Autoren führt, sind sie nach wie vor berechtigt.

Um die Bedeutung der neulateinischen Literatur herauszustreichen, verweist Leonhardt nicht nur auf ihre Quantität und Qualität, sondern auch auf ihren Einfluss auf die nationalsprachlichen Literaturen vor 1800. Leider belässt er es bei der Erwähnung einzelner Autoren, anstatt die Texte selber sprechen zu lassen, so dass seine Argumentation hier Behauptung bleiben muss.

Zitate nur in Übersetzung

Allgemein fällt auf - und dies ist das auffallendste Defizit eines ausgezeichneten Werkes -, dass die Geschichte des Lateins unter weitgehender Abwesenheit des Lateins erzählt wird. Es gibt kaum Zitate lateinischer Werke und wenn, dann nur in deutscher Übersetzung. Was den Reiz des ciceronianischen Stils ausmachte, wie die „Dunkelmännerbriefe“ das scholastische Mönchslatein karikierten, worin das „poetische Genie“ des Jacobus Balde bestand, das alles lässt sich für Nichteingeweihte höchstens erahnen, nicht ersehen.

Hatten Generationen von Latinisten ein Vergnügen darin gefunden, humanistisch Minderbemittelte mit lateinischen Zitaten ohne Übersetzungen zu demütigen, so wagen sie heute nicht einmal mehr, ihnen den Anblick lateinischer Texte zuzumuten. Insofern ist dieses Buch, trotz seines konzeptionellen Mutes und seiner intellektuellen Kraft, auch ein Ausdruck der Schwäche, in der sich die Latinistik derzeit befindet. Es liegt vor allem an ihren Vertretern, daran etwas zu ändern. Jürgen Leonhardt hat dafür eine große Vorleistung erbracht.

Jürgen Leonhardt: „Latein“. Geschichte einer Weltsprache. C.H. Beck Verlag, München 2009. 339 S., Abb., geb., 24,90 €.

Quelle: F.A.Z.
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenJohann Sebastian BachUniversität TübingenRezension

Anzeige