Konsum statt Rausch

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Die Figuren Yasmina Rezas ziehen ihr Leben wie einen Schlitten hinter sich her. Nie sitzen sie drauf. Darum reden sie so gut. Denn ihr Handeln ist Sprechen. Und manchmal wird der Schlitten philosophisch umgeladen, wie in diesem Buch. Wir vermuten: Mittlebenskrise. Dem angesehenen Spinoza-Kenner Ariel Chipman jedenfalls bricht eines Tages das solide Sinngerüst aus Kolloquien-Kursen-Konferenzen weg, und er begreift, was ihm bei der Spinoza-Lektüre nie aufging: Kinder können getröstet werden, Erwachsene nicht. Das offenbart sich etwa darin, daß Ariel beim Apfelsinenpellen mit bloßen Händen morgens am Frühstückstisch, wenn die Schale zu dünn ist und immerfort reißt, bei jedem abgerissenen Stück mit der Faust heftig auf den Tisch haut. So zumindest erzählt es Ariels Frau Nadine dem gemeinsamen Bekannten Serge Othon Weil. Nadine rächte sich für die allmorgendliche Tortur, indem sie nicht protestierte, sondern bei jedem Faustschlag demonstrativ zusammenzuckte - was ihr Mann wiederum als "hundertprozentig aggressiv" empfand. Doch das war früher, zu noch glücklichen Zeiten. Heute läßt Ariel tagelang einfach die Hand von der Armlehne des Sessels baumeln: eine Schlaffheit, die Nadine als Gipfel der Feindseligkeit auslegt.

Yasmina Reza ist eine zu brillante Autorin, als daß sie diese postexistentialistischen Themen einfach maßstabgetreu in die Dramen oder Erzählungen einpaßte. Für jedes Buch erfindet sie die jeweils geeignete Form neu. Hier sind es acht Monologe, mit denen Ariel, dessen Frau Nadine, der Bekannte Serge Othon Weil und eine Psychologin im wechselnden Zwiegespräch dialogisch jeweils aneinander vorbeireden. Das ergibt eine Verzweiflungsfuge von unwiderstehlicher Komik.

Dem in Kummer und Langeweile versinkenden Philosophen Ariel Chipman - "der Kummer dient mir dazu, ein wenig Kraft zu schöpfen, die die Langeweile dann sofort wieder aufzehrt" - steht der ins affirmative Weltgefühl globaler Alternativlosigkeit sich schickende Serge gegenüber. Sex hat er aufgegeben und ist glücklich dabei. Seine Devise lautet: Konsum statt Rausch - mag er damit auch beim Gang mit der neuen Freundin durch die Boutiquen ins immer selbe Kompromiß-Beige, -Grau, -Schwarz oder -Marineblau zurückfallen. Zum Erdbeeressen verlangt er - viel praktischer - eine Gabel: kein Klappern mehr im Teller des nach der Frucht haschenden Löffels: "Du stichst hinein, du bist frei, du bist glücklich." Es ist das Glück jenes "überholten Pessimismus", der trotz allen Rückschlägen zu einer toleranten, pluralistischen, humorvollen, irgendwie fröhlich moralischen Weltgesellschaft unterwegs ist.

Nadine ist dagegen vielleicht noch niedergeschlagener als ihr Mann Ariel, denn sie leistet sich keinen Wahnsinn. Sie sieht klar, welch fataler Irrtum es war, die Liebe in den Mittelpunkt der Ehe zu stellen. Ihre letzte Glücksahnung ist, so gesteht sie der Psychologin, das Bild ihrer alten Mutter, wie sie, mit dem neuen Hut gekrümmt auf einem Klappstuhl in Hossegor sitzend, einsam und vielleicht beinah glücklich aufs Meer blickte. Im übrigen liest Nadine Zeitschriften über abgeholzte Regenwälder oder das Aussterben der Menschenaffen und schlägt, etwa nach einer mißglückten Silvesterfeier, auch schon mal mit dem Bulletin der Philosophischen Gesellschaft verzweifelt auf ihren Mann ein. Sei zärtlich, sei liebevoll - wollte dieser eigentlich nur sagen und weiß im Grund doch genau: Das Leben für die Gedanken war ein Irrtum, "wir haben uns auf die Seite der Gebildeten geschlagen, das war unser Unglück". Daß das Pendeln dieses Un- zwischen Glücklich- und Gebildetsein nicht stabilisierbar ist, gehört zum Fabrikationsgeheimnis der Figuren Yasmina Rezas. Von ihr ist kein Roman über Jungkriminelle oder pensionierte Bergsteiger zu erwarten. So läßt sie auch hier in einem Schlußmonolog an alle drei anderen die Psychologin zuletzt zu Wort kommen. Die Psychologin erzählt, wie eine mit zwei dicken Tüten vor ihr auf der Straße gehende, in ihrem Zickzackgang weder links noch rechts zu überholende Frau sie vollends aus der Lebensbahn warf.

Kaum ein Leser wird sich dem Reiz dieser virtuosen literarischen Schlittenfahrt von Spinoza zu Schopenhauer entziehen können. Keiner wird aber dabei das finden, was er bei dieser Autorin so oft schon vermißt haben mochte: das Stück glanzloser, sperriger Lebensrealität, das in keinen Sprühregen der Anspielungen und Assoziationsblitze paßt. Die faszinierenden, ganz aus ihrer Rede heraus komponierten Figuren verschwinden, sobald man das Buch weggelegt hat - kein Nachhängen einer besonderen Freude oder Bedrücktheit, eines dunklen Blicks, einer Aufbäumung oder Körperschwere, sondern Melancholie für Sofortverzehr. Da die Figuren mehr hypothetisch als wirklich schwer auf dem Schlitten sitzen, erscheint dessen Bewegung bisweilen seltsam ferngesteuert. Die gedrehten Pirouetten sind, auch in der Übersetzung, meisterhaft. Den Schnee und die Reisenden muß man sich aber selbst dazudenken.

Yasmina Reza: "Im Schlitten Arthur Schopenhauers". Aus dem Französischen übersetzt von Frank Heibert und Hinrich Schmidt-Henkel. Hanser Verlag, München 2006. 71 S., br., 12,90 [Euro].

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 01.07.2006, Nr. 150 / Seite 62
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