Leicht, aber tränenreich

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Womöglich war er der Erste: George Babcott, geboren 1542 in Canterbury, gilt jedenfalls als Gründer (1586) der Zunft der Trauerviolinisten. Sein "Erroneous Dirge" ("Falscher Klagegesang") ist eines der nicht eben zahlreichen Werke einer untergegangenen Kunst, deren "unvollständige Geschichte" der englische Geiger, Komponist und Schriftsteller Rohan Kriwaczek in einem materialreichen, melancholischen und amüsanten Band zusammengetragen hat. Über George Babcott, Sohn eines Gefängnisaufsehers, erfahren wir aus Krawiczeks akribischem Quellenstudium, dass er in den 1570er Jahren im Umfeld des Edward De Vere, Earl of Oxford, auftaucht, ja, sogar in einer aktenkundigen Rauferei im Dienste des Earl seine halbe Nase verloren haben soll.

Immerhin ließ De Vere (der auch als Verfasser von Shakespeares Werken einen gewissen Ruhm genießt) seinem treuen Geiger eine "schöne künstliche Nase aus Walrossknochen, derart bemalt, dass man sie für echt halten möge", anfertigen. Später soll Babcott nicht nur seiner allertraurigsten Töne wegen zum Günstling der Königin aufgestiegen sein, "die sich anerkennend über seine ,rauhen Manieren' und seine vielen Späße geäußert haben soll, welche auch ,das Abnehmen und das scherzhafte Verlegen' seiner Nase betrafen".

Unter König Jakob fiel der berühmte Begräbnisgeiger und offenbar große Trinker in Ungnade, im Jahr 1607 soll er sich einer Verfolgung als Häretiker durch Selbstmord entzogen haben: "Er wurde (nachdem man ihm einen Pflock ins Herz getrieben hatte) an einer Weggabelung in Sussex begraben." Sein Leichnam wurde, berichtet Kriwaczek, von Schülern wieder ausgegraben, der Pflock entfernt und aus den Därmen des Meisters wurden fünfundzwanzig Satz Violinsaiten angefertigt, die von den Nachfahren der Zunft zu speziellen Gelegenheiten aufgezogen wurden: "Viele Gelehrte sind überzeugt davon, dass sich einige Violinen mit diesen besonderen Saiten immer noch im Besitz der Zunft befinden und nur beim Begräbnis eines Präsidenten der Zunft gespielt werden." Stimmt dies, dann kann Kriwaczek selbst, der als "Amtierender Präsident der Zunft der Trauerviolinisten" zeichnet, nach seinem Ableben einer solchen Ehre entgegensehen.

Über die Geschichte der Begräbnisvioline wird man in den einschlägigen Enzyklopädien der Musikwissenschaft kaum etwas erfahren; Kriwaczek hat seine Kenntnisse also aus eigener Archivarbeit vor allem in der Zunftbibliothek gezogen, die er allerdings in außerordentlich schlechtem Zustand vorgefunden haben will und deren Bestände zumal durch Brandkatastrophen stark dezimiert wurden. Danach entwickelte sich diese entlegene Sonderkunst der Begräbnisvioline aus jenem "spirituellen Vakuum", das durch die Abschaffung der Fürbitten aus dem Begräbnisritus entstanden war. Vor allem in den Kerngebieten des Protestantismus, lernt man bei Kriwaczek, war das Trauergeigen spätestens Ende des siebzehnten Jahrhunderts weit verbreitet, eine Art musikalischer Meditation am offenen Grabe. Hundert Jahre später erlebt die Gattung ihre Blütezeit durch Herrn Hieronymus Gratchenfleiß, Schüler von G. K. Bach ("einem weniger bedeutenden Vetter von Johann Sebastian"), der schon in jungen Jahren zum Trauerviolinisten des Kurfürsten von Niedersachsen aufstieg.

"Herr" Gratchenfleiß führte das Genre auf eine einsame Höhe - was Kriwaczek und also wir nur deshalb wissen können, weil 1983 aus einer vergessenen Truhe einer Hildesheimer Kirche Gratchenfleißens Testament und eine verschimmelte Notenhandschrift geborgen werden konnten. Kostproben seiner Kunst (die nicht ohne Einfluss auf Paganinis Capricci gewesen sein sollen) sind im Notenanhang dem Buch beigegeben, darunter eine "Lange Ungewissheit des Todes" (Vortragsanweisung: "Leicht, tränenreich, fragend, aber nie weit von der Melancholie entfernt"), sogar eine "Düstere Koketterie des Todes".

Im neunzehnten Jahrhundert findet die Begräbnisviolinliteratur ihre formale Festigung in der Trauersuite: Sieben Sätze, darunter drei Märsche, eine "Panik", ein "Traum", eine "Lobrede" und eine "Flucht". Die 1830er Jahre markieren einen Höhepunkt - und zugleich den gewaltsamen Abbruch der Tradition. Jetzt beginnt das geheime Zerstörungswerk jener Agenten des Vatikans, die die allzu mächtig gewordene spirituell-musikalische Konkurrenz mit allen Mitteln zum Schweigen bringen wollen. Vor allem Papst Gregor XVI. wird gemeiner Drangsalierungen der Zunftmitglieder, Brandstiftung, Geschichtsfälschungen aller Art bezichtigt, die unter dem Stichwort "Trauersäuberungsaktionen" von Kriwaczek als veritable Verschwörung ausgebreitet werden: Trauergeiger wurden aus Gemälden herausgeschnitten oder retuschiert, die typischen Totenkopfschnecken der Begräbnisviolinen kurzerhand abgesägt und anderes mehr.

Der Hass der "Wortpriester" auf die Friedhofsmusik muss keine Grenzen gekannt haben. Kein Wunder, dass wir nicht mehr über diese Kunst wissen! Immerhin: eine Walzenaufnahme (ungefähr 1910) des letzten der großen Trauerviolinisten, Wilhelm Kleinbach, soll sich erhalten haben: "Wenn die Klangbildung zuweilen auch etwas wacklig ist, sind doch Energie und Intensität seines Spiels immer noch deutlich erkennbar."

Geschichte ist Geschichte der Sieger, zu denen hier auch Beethoven, Chopin, Mahler gehören. Was sie den vergessenen Meistern der gegeigten Trauermärsche verdanken, macht Kriwaczek im Einzelnen deutlich. Über dieser ersten Gesamtdarstellung des Themas liegt nicht nur der Nebel der vielfältigen Ungewissheiten, verschwundener Manuskripte, getilgter Spuren, gefälschter Bilder, sondern auch der dunkle Schleier der Melancholie: Was ist das heute übliche Abspielen von Konservenmusik im Trauerfall im Vergleich zu jenen Klängen an der Grenze von Leben und Tod, deren Meister hier wenigstens in einer Art historisch-literarischem Halbdunkel noch einmal erscheinen dürfen?

Im souveränen Spiel mit den Tonfällen musikologischer Beglaubigung entdeckt Kriwaczek Musikgeschichte als etwas, das sie auch immer schon war und ist: eine Projektionsfläche von Vergangenheitssehnsüchten. In seinen besten Momenten streift dieses skurrile und sehr britische Buch den Humor von Sternes "Tristram Shandy" oder Boswells "Dr. Johnson". Man muss die Musik, von der hier die Rede ist, gar nicht wirklich hören wollen: Die traurigste Musik der Welt spielt doch in unserer Einbildung.

HOLGER NOLTZE

Rohan Kriwaczek: "Eine unvollständige Geschichte der Begräbnis-Violine". Aus dem Englischen übersetzt von Isabell Lorenz. Die Andere Bibliothek. Eichborn Verlag, Frankfurt am Main 2008. 310 S., geb., 32,- [Euro].

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14.05.2008, Nr. 111 / Seite 34
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