Neil Faulkner: A Visitor’s Guide to the Ancient Olympics

Hundert Ochsen für den Herrn der Fliegen

Von Dieter Bartetzko
 - 11:16

Als einige Monate vor dem Beginn der Olympischen Spiele in London weltweit das Entzünden der olympischen Flamme übertrugen wurde, fühlten nicht wenige deutsche Zuschauer Unbehagen. Das lag zum geringsten Teil am verstaubten Hoftheaterpathos und den vorgestrigen, an plissierte Bettlaken erinnernden Kostümen der jungen Frauen, die in den Ruinen der antiken Stätte ein „heiliges Feuer“ entzündeten. Die eigentliche Peinlichkeit für uns Deutsche besteht darin, dass dieses heute tragikomisch anmutende Zeremoniell 1936 eingeführt wurde, als es dem „Dritten Reich“ darum ging, die Olympischen Spiele in Berlin zur überwältigenden Propagandaschau zu gestalten. Die Säulen Olympias, die kostümierten Priesterinnen, der Fackelträger in Lendenschurz à la Achill: der Subtext dieser idealen Riefenstahl-Kulisse raunte von „Ariertum“ und Herrenmenschen.

Doch die Maskerade gefiel und ist seither fester Bestandteil des olympischen Programms. Das müsste eigentlich nicht sein: London hätte Neil Faulkner als Regisseur für das Zeremoniell engagieren sollen. Der englische Archäologe und Historiker versteht es wie kaum ein Zweiter seines Metiers, die antike Kultur für heutiges Verständnis aufzubereiten. Dass ihm das ohne wesentlichen Substanzverlust für die vielschichtige, uns oft unverständliche Zivilisation unserer Vorfahren gelingt, beweist sein Reiseführer zu den Olympischen Spielen des Jahres 388 vor Christus.

Herr der Fliegen und Epidemien

Mit angenehmem, immer klugem, oft ironischem, aber nie plattem Plauderton führt er in einer exakten Kopie heutiger Reiseführer durch Olympia und seine Bauten, stellt die mythischen Anfänge und die historisch belegten Ereignisse vor, empfiehlt Reiserouten, gibt Tipps für Unterkunft und Mahlzeiten, liefert Porträts von Spitzensportlern, Schiedsrichtern, dem IOC respektive EOC und gibt detailgenau den Ablauf jener fünf Augusttage wieder, die in vierjährigem Rhythmus das in Hunderte Stadtstaaten zersplitterte antike Griechenland für eine Woche einten.

Olympia, kaum dass die Spiele begonnen hatten, stank zum Himmel. Denn rund um das weltberühmte Heiligtum und die Sportstätten gab es - nichts. Die zuständige Stadt Elis lag viele Kilometer entfernt, und das Olympische Dorf war ein provisorisches Zelt- und Hüttenlager ohne Wege und Kanalisation. Bis zu einhunderttausend Besucher drängten sich dort in brütender Hitze, drängten zum Baden und Trinken in den zum Flüsschen geschrumpften Alpheios - und verrichteten ihre Notdurft. Was Wunder, so Faulkner, dass Olympias Zeus auch als Herr der Fliegen und Epidemien angerufen wurde.

Eine launige Feststellung. Doch der Autor versteht sich auch darauf, die Rätsel und Schrecken unserer Vergangenheit darzulegen: Die Altis (wörtlich: gesegnetes Tal), der heilige Bezirk Olympias mit dem Tempel des Zeus sowie dem seiner Gemahlin und Schwester Hera, wies auch einen der Titanin und Zeusmutter Rhea geweihten Tempel samt einem Altar der Gaia, der Erdmutter, auf. Dieser, nicht aus Steinen, sondern aus der verbackenen Asche von Brandopfern errichtet, war, gemeinsam mit einer „Chaos“ benannten Erdspalte, die älteste Kultstätte Olympias.

Der Eid vor dem Ascheberg

Erdspalte und Gaia-Altar müssen wie düstere Relikte in die heitere Schönheit der Altis und ihrer Bauten geragt haben. Darauf kommt Faulkner zurück, wenn er in einigen der spannendsten Kapitel seines Buchs Olympia als Urstätte griechisch antiker Religion und Kultur darstellt: Die heute so irritierende Tatsache des Frauenverbots während der Olympischen Spiele - Ausnahme: Hetären, Prostituierte und die Priesterin der Erntegöttin Demeter -, dazu die Tatsache, dass der Hera-Tempel weit älter ist als der des Zeus, und die Verehrung der sonst verpönten vorolympischen Göttinnen Rhea und Gaia bilden, so Faulkners Zusammenfassung jüngerer Thesen der Archäologie, den Widerschein zentraler matriarchaler Fruchtbarkeitskulte in Olympia, die erst durch die Patriarchalisierung der griechischen Gesellschaft verdrängt worden seien. Damit wird auch der befremdliche Primitivismus des Zeusaltars von Olympia verständlicher, der, den Altar der Rhea übertrumpfend, aus der Aschenpaste von hundert, jeweils am dritten Tag der Spiele dem Zeus geopferten Ochsen im Lauf der Jahrhunderte zu einem Berg aufgetürmt wurde.

Trotzdem, oder gerade deshalb, schworen seit 776 vor Christus alle Sportler, Schiedsrichter und Organisatoren vor diesem Gebilde am ersten Tag der Spiele den „olympischen Eid“. Seit 456 vor Christus aber fiel ihr Blick dabei auf den Zeustempel, ein Wunderwerk der Baukunst. Hinter seinen vierunddreißig dorischen Monumentalsäulen und den Mauern der Cella wartete das Wunder der Wunder - die dreizehn Meter hohe Kolossalstatue des Zeus, die das Bildhauergenie Phidias aus Gold und Elfenbein gefügt hatte.

Dem Totenkult entsprungen

Zwanglos und doch eindringlich wird von Faulkner die Schönheit der Architektur und der sie umgebenden Statuen veranschaulicht, werden die Schatzhäuser, Weihegaben und gestifteten Kunstwerke der griechischen Städte geschildert, ebenso das Stadion, der Hippodrom und, nicht ohne süffisante Vergleiche mit den Altherrenriegen des heutigen IOC, das Prytaneion, in dem die neuen Amtsträger des EOC residierten - und das heilige Herdfeuer der Hestia, das Vorbild der heutigen olympischen Flamme, unterhalten wurde.

Dringend empfohlen wird die Besichtigung des hohen Grabhügels im Kernbezirk der Altis, der dem Königssohn Pelops geweiht ist. Er, der Namensgeber des Peloponnes, ist einer der legendären Begründer der Spiele und war als Lenker eines Pferdegespanns erster Olympiasieger.

Das Pelopsgrab gibt Faulkner Anlass zu einem weiteren fesselnden Exkurs: Es ist das gewichtige Indiz für die These, dass der Ursprung der Olympischen Spiele im Totenkult zu suchen ist. Homers Bericht in der „Ilias“ von den Totenspielen, die Achill zu Ehren seines gefallenen Geliebten Patroklos abhielt, liest sich, so weist Faulkner nach, mit den Aufzählungen der Wettkämpfe fast wie eine Reportage der archaischen Olympischen Spiele. Faulkner endet mit dem Satz, aus dieser Perspektive seien die olympischen Wettkämpfe die Fortsetzung der Totenspiele - und damit „die ultimative Verneinung des Todes“.

Für Ruhm und Ehre

Wenn Faulkner das überfüllte „Olympische Dorf“ ein Paradies für „Quickies“ mit Huren, vor allem aber auch Strichern nennt oder Patroklos unverblümt als den Geliebten und nicht, wie noch heute verdruckste Darstellungen, als einen Gefährten oder Vertrauten des Achill bezeichnet, so ist das seine Art, die Bisexualität des männlichen antiken Griechenland als die Selbstverständlichkeit vorzuführen, die sie war. Ebenso unverkrampft und doch fundiert wird der Missbrauch der Spiele zugunsten von Ideologien und Profit abgehandelt. Die Legenden von den ersten Olympiasiegern, die Metzger, Hirten und Pflüger gewesen sei, entlarvt Faulkner als fromme Lügen, Weihegeschenke als plumpe Propaganda, den olympischen Frieden als Korridorregel, die keinen Stadtstaat an seinen Kriegen hinderte.

Die respektheischende Sitte, alle Athleten einzig für den eigenen Ruhm und die Ehre des Zeus kämpfen zu lassen, kontert der Autor trocken mit der Frage: „But you cannot eat glory, can you?“ Und doch, auch nach den Schilderungen der Vermögen, mit denen man außerhalb Olympias die Supersportler überschüttete, trotz allen Spotts, mit dem die Eitelkeiten und Betrügereien enthüllt (und indirekt ihre Parallelen zu den Spielen der Neuzeit aufgedeckt) werden - am Ende steht ihre Einschätzung als allzu menschliche Facetten eines dennoch würdigen „panhellenischen Einheitsrituals“. Wer das von den globalen Spielen unserer Tage sagen könnte.

Neil Faulkner: „A Visitor’s Guide to the Ancient Olympics“. Yale University Press, New Haven und London 2012. 272 S., Abb., br., 24,- Euro.

Quelle: F.A.Z.
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