Kreuzzüge aus Sicht des Islam

Im Heiligen Krieg winkte beiden Seiten himmlischer Lohn

Von Michael Borgolte
 - 22:51

Als bei ihrem „Heiligen Krieg gegen die Muslime“ die Eroberung Jerusalems durch die christlichen Ritter im Jahr 1099 zu schildern war, suchte der arabische Weltchronist Ibn al-Athir einen weiter zurückliegenden Ausgangspunkt. Die „Macht der ,Franken‘“ sei zuerst bei ihrer Einnahme von Toledo und anderer Städte Spaniens unter muslimischer Herrschaft im Jahr 1085 deutlich geworden; „dann verleibten sie sich die Insel Sizilien ein, setzten an die Küste Afrikas über, wo sie einiges Land zurückeroberten, und marschierten in Syrien ein“. Aus muslimischer Perspektive war es also nicht der Aufruf Papst Urbans II., der den Kreuzzug auslöste; dieser galt vielmehr als Teil eines epochalen Kampfes zwischen dem Islam und den „Franken“, bei dem die lateinischen Christen zuerst Länder im Westen zurückgewannen, die sie im 8. und 9. Jahrhundert an die Anhänger des Propheten Mohammed verloren hatten.

Schrecklich und unaufhaltsam erschien den Muslimen jetzt die kriegerische Dynamik der „Ungläubigen“ - wie „eine Flut, deren Ausmaß selbst die Sturzfluten des Ozeans in Schrecken versetzt“. Dabei war den arabischen Gelehrten durchaus bekannt, dass die Christen Gebietsgewinne oder -verluste wie sie selbst auf göttliches Wirken zurückführten. Auch maßen sie den Verehrern des Kreuzes das Motiv eines Dschihad um himmlischen Lohn zu, das beide Parteien „im Kampf um das Paradies“ ebenso verband wie gegeneinander in Stellung brachte.

Islamische Perspektive

In den universalen Kontext der Heilsgeschichte hatte indessen auf christlicher Seite auch Urban II. selbst die Reconquista in Spanien und den - erfolgreichen - Krieg gegen die Muslime auf Sizilien eingeordnet und davon das Motiv für den „Heidenkampf“ im Orient abgeleitet; kurz bevor er mit seiner charismatischen Ausstrahlung die jahrhundertelange Kreuzzugsbewegung in Gang setzte, hatte er noch die Rückeroberung Tarragonas mit den Worten gefeiert: „Nach fast 390 Jahren, seit die Völkerscharen der Sarazenen die Stadt zerstört hatten, ließ Gott sich herab, die Herzen seiner Fürsten zu bewegen, dass sie sich gemäß der Anordnung des Apostolischen Stuhles für die Wiederherstellung dieser Stadt einsetzten ... Gerecht ist der Herr in seinen Wegen. Er überträgt die Reiche und wandelt die Zeiten.“ Trotz dieses Motivzusammenhangs besteht aber aus europäischer Sicht kein Zweifel, dass die Kreuzzüge als transmarine Expeditionen zur Hilfe für die östliche Christenheit sowie mit dem Ziel der Befreiung Jerusalems und der anderen heiligen Stätten eine völlig neue Variante des Heiligen Krieges im Namen des Evangeliums darstellten.

Diese Zäsur mit dem Ersten Kreuzzug (1096-1099) relativiert jetzt der amerikanische Kulturwissenschaftler Paul M. Cobb. In seiner Darstellung der gesamten Kreuzzugsgeschichte begnügt er sich nicht damit, wie es mittlerweile üblich geworden ist, neben den lateinischen und griechischen Quellen auch die muslimische Überlieferung heranzuziehen. Indem er im Ganzen die islamische Perspektive wählt und das von den Lateinern angegriffene Gebiet der „Gläubigen“ als territoriale Einheit betrachtet, verlegt er auch die Anfänge der westchristlichen Vorstöße in die Mitte des 11. Jahrhunderts. Seinem Ansatz gemäß endet die Epoche auch nicht mit der Vertreibung der Christen aus der Hafenstadt Akkon im Jahr 1291, wie die meisten Mediävisten annehmen; er führt dafür auch nicht die schwachen mitteleuropäischen Expeditionen auf dem Balkan gegen die nun offensiv vordringenden türkischen Muslime im 14. und 15. Jahrhundert an, sondern verweist auf die Vollendung der Reconquista in Spanien 1492 als Schlusspunkt.

Motive aller Beteiligten höchst eigennützig

Dieser Wechsel des historischen Zugriffs ist reizvoll und als Ergänzung der gewohnten eurozentrischen Sichtweise auch durchaus nötig. Allerdings lässt sich Cobb dabei oft umgekehrt von der muslimischen Weltauffassung gefangen nehmen. Immer wieder spricht Cobb undifferenziert von „den Franken“ als Gegnern „des Islams“, obwohl ihm selbstverständlich bewusst ist, dass die Motive aller Beteiligten höchst eigennützig waren und sich muslimische mit christlichen Herrschern wiederholt gegen gleichartige transreligiöse Koalitionen auf ihrer Gegenseite verbündeten. Selbst Saladin, der für den Dschihad gegen die christlichen Kreuzritter nach Helfern seines Glaubens suchte, musste erfahren, dass ihm weder die Almohaden im Maghreb noch der Kalif von Bagdad zu Hilfe kamen. Und als der erfolgreiche Feldherr und Reichsgründer gestorben war, bildeten seine Erben rasch selbst partikulare Herrschaften, die sie mit Hilfe christlicher Alliierter abzusichern suchten.

Allzu unbedenklich hat sich der Autor auch mit dem Haupttitel seines Werkes - die im Vorjahr erschienene Originalausgabe trägt den Titel „The Race for Paradise“ - von der Ideologie der mittelalterlichen Muslime vereinnahmen lassen. Besser gelöst hat diese Aufgabe übrigens ein anderer Autor. Der in Vancouver lehrende Historiker Niall Christie veröffentlichte fast gleichzeitig (im Verlag Routledge) ein Buch mit dem gleichen Ansatz, aber unter einem weniger verfänglichen Titel: „Muslims and Crusaders. Christianity’s Wars in the Middle East, 1095-1382, from the Islamic Sources“.

Paul M. Cobb: „Der Kampf ums Paradies“. Eine islamische Geschichte der Kreuzzüge. Aus dem Englischen von Michael Sailer. Zabern/Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2015. 428 S., Abb., geb., 29,95 €.

Quelle: F.A.Z.
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenMuslimeIslamSpanienKriegJerusalemSizilienLohn