Peter Sloterdijk: Du musst Dein Leben ändern

Der Dreizehnkampfrekordhalter

Von Andreas Platthaus
© Verlag, F.A.Z.

Für einen Denker wie Peter Sloterdijk ist die höchste sportliche Herausforderung gerade recht und die natürliche Überlegenheit des Dezimalsystems kein Maßstab. Also ist ihm der Zehnkampf noch zu wenig als Muster für die Disziplinen, die es im Ideenwettkampf zu bewältigen gilt. Stattdessen proklamiert er einen Dreizehnkampf jenes intellektuellen Bemühens, das er als „Allgemeine Disziplinik“ bezeichnet. Zu bedenken und selbstverständlich auch denkend zu bewältigen gilt es demnach die Fragen von Akrobatik und Ästhetik, Athletik, Rhetorik, medizinischer Therapeutik, Epistemik, Berufe-Kunde, Technik-Kunde, Administrativik, Meditation, Ritualistik, Sexualpraxiskunde, Gastronomik und schließlich – weil dreizehn Disziplinen ja doch nicht genügen – eine „offenen Liste kultivierungsfähiger Aktivitäten, deren Offenheit die Unabschließbarkeit des disziplinenbildenden und damit Subjektivierungen ermöglichenden Feldes selbst bedeutet“.

Das klingt kompliziert, aber an dieser letzten Formulierung kann man nicht vorbei, weil sie umreißt, was das Thema von Sloterdijks heute erscheinendem neuen Buch ist. Es heißt „Du musst dein Leben ändern“, nach dem Schluss von Rilkes Sonett „Archaïscher Torso Apollos“, und als Adressaten des Titels darf man gewiss auch die eigenen Kollegen identifizieren, denn der in Karlsruhe lehrende Philosoph hat sich nicht weniger vorgenommen als die Umstürzung aller Bewertungen. Was die westliche Zivilisation an metaphysischen Maßstäben vor allem in der Neuzeit herausgebildet haben, ist hinfällig, weil die wichtigste Bezugsgröße auf einem Irrtum beruhte: der Religion. Die gibt es gar nicht, stellt Sloterdijk mit einem verbalen Donnerschlag bereits in der Einleitung fest, wir haben sie uns selbst ausgedacht: als Missverständnis einer anthropologischen Konstante, die Sloterdijk unter dem Begriff der „Übung“ fasst.

Üben als zentrale Praktik

Ihr Prinzip beruht auf der „immunitären Verfassung des Menschenwesens“, also dessen Bestreben, sich materiell, symbolisch und rituell zu perfektionieren, um damit individuelle Schutzgewebe zu schaffen. In der Immunisierung sieht Sloterdijk den Beginn aller Systembildung: der biologischen, die sich in Lebewesen artikuliert, und der kulturellen, die ihren Ausdruck in Praktiken findet. Eine dieser Praktiken – und zwar die zentrale – ist die Übung. Und damit werden Wettkämpfe vorbereitet – im agonalen Sinne der Antike, also nicht im neuzeitlichen Verständnis der Konkurrenz.

Die Disziplinen von Sloterdijks intellektuellem Dreizehnkampf sollen sich allen Werkzeugen widmen, mit denen Menschen an ihren Schutzgeweben arbeiten. Als bisherigen Rekordhalter identifiziert Sloterdijk den Kollegen Foucault, der sich immerhin auf sieben der Denkaufgaben eingelassen habe, während die meisten Philosophen sich allein an die Epistemik als ihr eigentliches Fach und bestenfalls noch an drei weitere gewagt hätten. Aber natürlich musste erst Sloterdijk selbst kommen, um es mit der ganzen wilden Dreizehn aufzunehmen.

Akrobatik, Ästhetik, Athletik

Das passiert nicht in „Du musst dein Leben ändern“ allein. Bestmmte Fragenkomplexe finden sich bereits in anderen Büchern Sloterdijks angesprochen, so vor allem in der „Sphären“-Trilogie die Bereiche der Therapeutik, Technik-Kunde oder Sexualpraxiskunde, und in „Der Weltinnenraum des Kapitals“ Teile von Administrativik, Rhetorik und Ritualistik. Im neuen Werk sind es nun vor allem die ersten beiden Disziplinen, in denen Sloterdijk sich übt: Akrobatik und Ästhetik sowie Athletik. Denn in dem Maße, wie das Üben zum neuen Schlüsselbegriff Sloterdijks geworden ist, rückt auch der Begriff der Leistung in den Vordergrund – nicht nur als sportliche Wettkampfmetaphorik. Doch es wäre, wie bereits angedeutet, für Sloterdijk ein Unding, wenn man darin Leistungen im Sinne des neuzeitlichen Gesellschaftssystems erkennen würde, dem er völlige Verirrung deshalb attestiert, weil es die Übungskultur umgemünzt habe zu Training, Ausbildung und Arbeit – also zu Übungen, die nicht länger spirituell-individuelle Ziele verfolgen, sondern einem reibungslosen Teamgeist dienen sollen, der die moderne Arbeitsteilung erst ermöglicht. Was Sloterdijk dagegen zum Ideal erhebt, ist eine Übungskultur, die in der Askese ihre Methode findet.

Also nicht „Schneller, höher, weiter“ im modernen olympischen Sinne? In gewissem Sinne doch, zumindest was die Sehnsucht nach Höhe angeht. Die Vertikalität im Gegensatz zur an die Erde gebundenen Horizontalität ist für Sloterdijk die wahre Herausforderung, der der Mensch sich zu stellen hat. Von Nietzsches Zarathustra entlehnt er die Forderung, dass der Mensch sich hinauf- statt fortzupflanzen habe. Dadurch werde die alte Vertikalität der gesellschaftlichen Hierarchie abgelöst.

Bodybuilding zum Übermenschen

Allerdings entstehen in asketischer Übung auch Unterschiede – nämlich je nach der Praxis der jeweiligen Askese. Hierin sieht Sloterdijk einen neuen Schlüssel für das Verständnis von Ungleichheit, den es nunmehr zu nutzen gilt. Dadurch ist das Buch entgegen ersten Verlagsankündigungen auf mehr als siebenhundert Seiten angeschwollen und um ein halbes Jahr verspätet.

Aber das macht nichts, auch wenn die Prägnanz von Sloterdijks Thesen, die im vergangenen Jahr in seiner Dankesrede zum Wolfenbütteler Lessing-Preis noch so eindrucksvoll geriet (F.A.Z. vom 14. Mai 2008), unter der empirischen wie geistesgeschichtlichen Materialfülle arg gelitten hat. Erst sehr spät wird der zentrale Gedanke der Immunologie ausgeführt, und es mögen noch die Verwundungen sein, die Sloterdijk aus der Debatte um seine provokativen „Regeln für den Menschenpark“ von 1999 davongetragen hat, die ihn jetzt vorsichtig gemacht haben, das Thema der Perfektibilität des Menschen allzusehr in den Mittelpunt zu stellen. Nur in einer Fußnote etwa wird einmal das Thema Eugenik positiv angesprochen. Aber natürlich ist es in Begriffen wie Artistik und Athletik bereits enthalten: als ein Bodybuilding hin zum Übermenschen, der hier aber nur im vertikalen und eben nicht hierarchischen Sinne verstanden werden soll.

Neigung zum Jargon

Die entsprechenden Beispiele aus mehr als zwei Jahrtausenden und über die Kontinente und Kulturen hinweg sind der Hauptgegenstand des Buches. Dabei liegt ein besonderer Schwerpunkt auf orientalischen Meditations- und Askesepraktiken, die Sloterdijk auch noch im europäischen Denken vor Anbruch der Neuzeit am Werke sieht, ehe sie systematisch ausgetrieben wurden, weil sie nicht ins neue System des Kapitalismus passten. Trotz seiner Skepsis gegenüber dieser Entwicklung – und das ist noch ein schwacher Begriff; wäre das Buch nicht so kühl geschrieben, müsste man fast von Verzweiflung reden – ist Sloterdijk aber mittlerweile ganz von Marx abgerückt, erst recht von den Praktikern des Marxismus. Was bleibt, ist eine gewisse Faszination für den Ökonomietheoretiker Marx – und für den Systematiker. Darin muss Sloterdijk natürlich ein Vorbild erkennen. Er setzt ja selbst die deutsche Tradition des systematischen Philosophierens, die man mit Adorno beendet glaubte, aufs Eindruckvollste fort.

Die engste Verwandtschaft aber besteht zu Elias Canettis „Masse und Macht“. Des anthropolgischen Ansatzes wegen und des Anspruchs, eine neue Grundlage fürs Verstehen der Menschheitsgeschichte zu schaffen. Nur verliert sich Sloterdijk leider zu häufg in einem Jargon, der seine Darstellung dunkel macht; seine Liebe zu Begriffsprägungen und höchster Emphase, wenn es um eigene Einsichten geht, führt bisweilen gar an den Rand des Lächerlichen. Dann aber wiederum glänzt er mit Aperçus: Jesuitische Exerzitien etwa sind ihm „autogenes Training der Zerknirschung“, und die Kritische Theorie der Frankfurter Schule nennt er „ein Pseudonym für einen vom Glauben an die Revolution verlassenen Marxismus“.

Nicht ohne Trainer

Was das Buch wichtig und interessant macht, ist indes nicht sein überbordender Geistreichtum. Vielmehr ist es die Bemühung, das eigene systematische Denken wieder verstärkt auf das Individuum auszurichten, auch wenn in der Feststellung, dass es die Funktion meines Trainers ist, zu wollen, dass ich etwas will, eine bösartig-hellsichtige Relativierung steckt, denn ohne Trainer ist das Prinzip des Sloterdijkschen Übens nicht durchzuführen. Und die Selbstsicherheit des Autors ist ein rhetorisches Vergnügen. Wenn man dauernd gewinnt, macht es ja viel mehr Spaß – auch dem Leser.

Peter Sloterdijk: „Du musst dein Leben ändern“. Über Anthropotechnik. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2009. 723 S., geb., 24,80 €.

Quelle: F.A.Z.
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