Philip Manow: Politische Ursprungsphantasien

Der Königskörper trägt die Idee der Demokratie in sich

Von Michael Pawlik
 - 16:20

In der aristotelischen Tradition ist der Staat die Vollendungsgestalt der praktischen Existenz des Menschen. Außerhalb des Staates könne nur ein Tier oder ein Gott leben. Für den Anti-Aristoteliker Hobbes ist der Staat dagegen nicht mehr als ein „Aufhalter“. In ihm ist der Naturzustand, in dem jeder jeden töten kann, zwar zeitweilig suspendiert, nicht aber endgültig überwunden. Wie der Bremer Politikwissenschaftler Philip Manow im Anschluss an Carl Schmitt betont, gebe es keine gesellschaftliche Entwicklung, die nicht im Schatten des Naturzustandes verbleibe.

Die gewaltmonopolisierende Herrscherfigur auf dem Titelkupfer des „Leviathan“ versinnbildlicht deshalb nicht etwa das „gute Leben“ aristotelischer Provenienz, sondern lediglich „das dem permanenten Krieg abgewonnene prekäre Interregnum des Friedens“, das bei einem Erlahmen der Wachsamkeit oder der Durchsetzungskraft des Souveräns jederzeit wieder von offenen Konflikten abgelöst werden kann. Im Vergleich zum politischen Aristotelismus läuft dies auf eine legitimationstheoretische Entlastung des Staates hinaus. Weil für Hobbes das Wesen des Staates „die Angst der Menschheit vor sich selber“ ist, stelle, wie Manow ausführt, schon die „Entscheidung für das nackte Leben“ eine „Anerkennung der Herrschaft, also ausreichende Grundlage ihrer Legitimität“, dar.

Vernünftig im ,realistischen’ Sinne

Entgegen der berühmten Sentenz, der Mensch sei des Menschen Wolf, ist Hobbes zufolge nicht die wölfische Wildheit der Naturzustandsbewohner, sondern ihre Fähigkeit zur rationalen Verfolgung ihrer je individuellen Interessen für das Elend des Naturzustandes und die Unwahrscheinlichkeit des Friedens verantwortlich. Die Klugheit gebiete einem jeden Naturzustandsbewohner, sich zur Verbesserung seiner Überlebenschancen um die beständige Ausweitung seines Güterfundus zu bemühen. Angesichts der Knappheit derartiger Güter führten diese Bemühungen jedoch zwangsläufig zu jenem Zustand allseitiger Konkurrenz und Feindseligkeit, den Hobbes in einer weiteren berühmten Formel als einen „Krieg aller gegen alle“ beschreibt.

Zu den gelungensten Pointen Manows gehört der Nachweis, dass diese vermeintlich im vorpolitischen Feld der Anthropologie wurzelnde Analyse Hobbes’ ihr Vorbild in der zeitgenössischen „großen Politik“ hat. „Die Idee der Staatsräson gebiert die Vorstellung vom vernünftigen Menschen, der aber vernünftig genau in dem ,realistischen’ Sinne staatlicher Machtpolitik ist, der also zur Regeleinhaltung nur dann anzuhalten ist, wenn es zum eigenen Vorteil gereicht.“ Insofern werde der moderne Staat mit seiner Staatsräson „gleichsam zum paradigmatischen Fall einer Akteurkonzeption, die sich auch das Individuum letztlich ausschließlich als zweckrational, auf Machtzugewinn kalkulierend, opportunistisch vorstellt“.

Konsequenterweise ist es in Manows Interpretation nicht primär der Bürgerkrieg, sondern der Staatenkrieg, der die Folie für Hobbes’ Naturzustandslehre abgebe und den souveränitätsbegründenden Tausch „Schutz gegen Gehorsam“ erforderlich mache. „Die Menschen müssen ihre internen Streitigkeiten beilegen, wenn sie nicht gewaltsam erobert werden wollen. Das ist Hobbes’ zentrale Botschaft.“ Wie es Völkerschaften ergeht, die dieses Gebot nicht beherzigen, war zu Hobbes’ Zeiten am Schicksal der amerikanischen „Wilden“ abzulesen: Sie wurden unterworfen, und zwar ohne jedes schlechte Gewissen. Befänden sich die „Wilden“ nämlich ohnehin untereinander in einem Naturzustand der wechselseitigen gewaltsamen Aneignung von Land, Sachen oder Menschen, könne die gewaltsame koloniale Aneignung kein Unrecht sein. Fokussiert auf das Trauma der europäischen Bürgerkriege, haben die Interpreten der frühneuzeitlichen politischen Philosophie über lange Zeit den Einfluss der kolonialen Erfahrung namentlich auf die englischen Autoren unterschätzt. In Bezug auf Locke hat Daniel Damler schon vor einigen Jahren mit diesem Missverständnis aufgeräumt. Dass für Hobbes das Gleiche gilt, ist unter den zahlreichen anregenden Befunden von Manows Studie einer der interessantesten.

Der Leviathan verhindert in der Deutung Manows nicht nur den erneuten Durchbruch der endemischen Gewalt des Naturzustandes. Seine eigentliche Aufgabe sei vielmehr heilsgeschichtlicher Natur. Er überbrücke die Zeit zwischen dem ersten und dem zweiten Königreich Gottes. Den leeren Himmel, der sich auf dem Titelblatt von Hobbes’ Hauptwerk über dem Souverän wölbt, versteht Manow entgegen einer verbreiteten Lesart deshalb nicht als den Ausdruck einer vollständigen Säkularisierung politischer Herrschaft. Hobbes biete vielmehr „eine theologische Begründung der autonomen, nichtreligiösen politischen Selbstlegitimierung“. In dem Interregnum bis zur Wiederkehr des Erlösers könne Herrschaft sich nicht göttlich oder apostolisch, also durch die Kirche, legitimieren, sondern nur durch das göttliche natürliche Gesetz. Die vernünftige Einsicht in dieses Gesetz gebiete aufgrund der wechselseitigen Todesfurcht den Zusammenschluss, um in Erwartung der Wiederkehr des unsterblichen Gottes den großen Menschen, den sterblichen Gott, zu schaffen.

Unter den kundigen Händen Manows erweist sich der „Leviathan“ somit als das Produkt einer Zeitenwende. Religiösen Begründungsanforderungen wird noch Respekt gezollt, aber sie werden so umgedeutet, dass sie im praktischen Ergebnis von rein weltimmanenten Legitimationsstrategien nicht mehr zu unterscheiden sind. Der Interimscharakter von Hobbes’ politischer Theorie setzt sich fort in ihrer Ambivalenz zwischen royalistischem und parlamentarischem Regime. Zu Recht hebt Manow hervor, dass das „Leviathan“-Titelbild „das Ende eines Repräsentationsverständnisses markiert, dem zufolge das Gemeinwesen im (Körper des) König(s) repräsentiert ist (Rex est populus), und zugleich am Anfang eines modernen Repräsentationsverständnisses steht, nach dem die Staatsbürger im Kollektiv sich der monarchischen Figur bemächtigen, die so republikanisch angeeignet nun selbst das Gemeinwesen repräsentiert (populus est Rex)“.

Der Königskörper trägt insofern bei Hobbes „bereits die Idee der Demokratie in sich“, und zwar „genau zu jenem Zeitpunkt, als erstmals eine grundlegende Alternative zum mittelalterlichen Königtum gewaltsam aufschien“. Hobbes’ politische Philosophie ist ihre Zeit in Gedanken gefasst. Dies in neuartiger Weise nachgewiesen zu haben ist die Leistung Manows.

Philip Manow: „Politische Ursprungsphantasien“. Der Leviathan und sein Erbe. Konstanz University Press, Konstanz 2011. 243 S., Abb., geb., 24,90 [Euro].

Quelle: F.A.Z.
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenCarl Schmitt