Putins Beichtvater

Den Orientierungslosen Trost spenden

Von Kerstin Holm
 - 09:09

Die Russische Orthodoxe Kirche, deren Renaissance in den späten Sowjetjahren begann, ist zur tragenden Säule des russischen Staates geworden und will der Gesellschaft christliche Demut beibringen. Gebildete verlassen in Scharen das Land, das einen anderen Weg gehen will als das westliche Europa. Während hier Kirchengebäude geschlossen oder zweckentfremdet werden, wächst in Russland die Zahl der Gotteshäuser stetig, nicht selten auch gegen den Willen von Anwohnern, die ihre Spazierwege oder Parks behalten möchten. Die Kirche bietet aber einer verarmenden Bevölkerung Trost und Halt, und die Finanzelite spendet gern für sie, außerdem erteilt sie den Gewaltorganen Absolution; sie zieht indes auch viele sinnsuchende Intellektuelle der jüngeren Generation an.

Welche Dimensionen die orthodoxe Frömmigkeit gerade jüngeren urbanen Menschen eröffnet, das hat der Bischof des nahe Moskau gelegenen Jegorewsk, Tichon, der als Beichtvater von Präsident Putin gilt, 2011 in seinem Buch „Heilige des Alltags“ geschildert. Jetzt ist es in einer ausgezeichneten Übersetzung auf Deutsch erschienen. Tichon, der mit weltlichem Namen Georgi Schewkunow heißt, studierte an der Moskauer Kinohochschule, bevor er, noch vor der Perestroika, ins Pskower Höhlenkloster eintrat.

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Viele Atheisten ließen sich bekehren

Sein Handwerk aber vergaß er nie. 2008 brachte Tichon den Fantasy-Dokumentarfilm „Lektionen von Byzanz“ heraus, der das oströmische Beamtensystem zur vorbildlichen Staatsform erklärte, die leider westlichen Intrigen zum Opfer gefallen sei. Anschaulich wie ein gutes Drehbuch, zudem erfahrungsgesättigt und temperamentvoll liest sich auch die Sammlung von Erzählungen des Geistlichen über seine frühen Mönchsjahre. Das Buch, das eindrucksvolle Porträts seiner geistlichen Lehrer und Klosterbrüder versammelt, wurde in Russland zum Bestseller, es verkaufte sich mehr als eine Million Mal.

Unter den Novizen seiner Generation waren Anfang der achtziger Jahre viele, denen, wie ihm, eine glänzende Karriere bevorzustehen schien, erinnert sich der Autor. Einer war Mathematiker, ein zweiter ein bekannter Künstler, ein dritter war als Diplomatensohn in New York aufgewachsen. Viele waren atheistisch erzogen worden. Doch sie alle wurden von der Schönheit und der geistigen Fassung des Klosterlebens, das einen mit den Kirchenvätern verband, gleichsam infiziert und der Welt entfremdet. Das kasernenhaft strenge Reglement, das Tichon ausführlich schildert, mit Aufstehen um halb sechs bei Eis und Schnee, harten Arbeitsdiensten etwa als Kanalisations- oder Kuhstallreiniger, aber auch endlosen bestellten Gebeten für die Seelen lebender oder gestorbener Gottesknechte, tat dem keinen Abbruch, im Gegenteil.

Mentoren mit großem Einfluss

Denn im Leben eines Mönchs sei das Noviziat die glücklichste Zeit, weiß Tichon, der diese Periode wie eine Art spiritueller Flitterwochen beschreibt. Die heilige Sorglosigkeit dessen, der zum ersten Mal die väterliche Fürsorge Gottes spürt, der ihn bei der Hand genommen habe und einem allein dem Höchsten bekannten Ziel zuführe, sei besser und süßer als jede andere Freiheit. Der Geistliche vergleicht diesen Zustand mit dem der Apostel Jesu vor zweitausend Jahren, deren Hauptaufgabe anfangs darin bestanden habe, ihrem Lehrer zu folgen und mit freudigem Staunen seine Allmacht und Liebe zu entdecken.

Entsprechend seien Gehorsam und Vertrauen im Umgang jedes orthodox Gläubigen mit seinem spirituellen Mentor das Wichtigste, lehrt Tichon. Wobei er zugibt, dass echte Lehrer selten seien, anmaßende, die die Freiheit ihrer Protegés missachten, hingegen häufig anzutreffen. Umso mehr preist er seinen geistlichen Vater oder „Starez“, den Mönchspriester Ioann. Ioann, der in den fünfziger Jahren im GULag einsaß, habe seinen geistlichen Kindern nie Vorschriften gemacht, sondern sie höchstens angefleht, etwas zu unterlassen, bezeugt Tichon, den dieser Starez an das Jesus-Gebet heranführte und ihn später nach Moskau schickte. Er berichtet aber auch, wie es Schützlingen von Ioann, die seinen fürsorglichen Rat missachteten, übel erging.

Legendärer Abt Alipi widersetzte sich dem Staat

Der Würdenträger der Moskauer Patriarchatskirche betont, keiner seiner Klosterhelden habe mit dem die Staatsmacht bekämpfenden Dissidententum sympathisiert, eher seien sie dem Regime ironisch begegnet. Das galt auch für den legendären Abt des Pskower Höhlenklosters Alipi, der als Iwan Woronow im Zweiten Weltkrieg gekämpft hatte und während der atheistischen Kampagne unter Nikita Chruschtschow Staatsbeamte austrickste, um die Einsiedelei vor der Schließung zu bewahren.

Einmal verbrannte Alipi einen von Chruschtschow unterzeichneten Bescheid und erklärte, er sei bereit, für sein Kloster den Märtyrertod zu sterben, ein anderes Mal verjagte er eine Delegation mit der Ankündigung, die weltkriegserfahrenen Mönche würden ihr Kloster notfalls mit Waffengewalt verteidigen. Selbst ein Künstler und hochgebildet, restaurierte Alipi die Klostermauern und legte alte Fresken frei, vor allem aber machte er Pskow zu einem spirituellen Zentrum.

Partisanin und Nonne zugleich

Auch die Untergrundnonnen, die im unter der Sowjetmacht zerstörten Wallfahrtsort Diwejewo ausharrten, retteten gleichsam ein Stück des wahren Russlands dort, wo erst seit den neunziger Jahren wieder ein großes Kloster Pilger anzieht. Mit besonderer Liebe hat der Autor die Lebensgeschichte einer von ihnen, Afrosinja, kurz Frosja genannt, festgehalten. Vor der Revolution in einem Dorf geboren, träumte die Tochter eines trunksüchtigen, gewalttätigen Vaters seit ihrer Kindheit vom Leben im Kloster.

Doch in den zwanziger Jahren mussten die Nonnen mit ansehen, wie Diwejewo geplündert wurde, in den dreißiger Jahren kamen sie in den GULag, später in ein Heim, um Waisenkinder zu betreuen. Wie eine Partisanin des Guten erzählt Frosja, wie sie und ihre Klosterschwestern ständig gebetet, die Liturgie gesungen und die ihnen anvertrauten Kinder heimlich getauft hätten.

Mönchsgelübde lässt keinen Rückweg zu

Zur Renaissance der Kirche gehört freilich ebenso, dass Kriminelle bei ihr Schutz suchen. Einem Psychokrimi gleicht die Geschichte des jungen „Mönchs“ Augustin, angeblich Sohn einer in den abchasischen Bergen ermordeten Untergrundnonne, der bei Moskauer Glaubensbrüdern untertauchte. Mit seinen langen Locken und den bergseeblauen Augen, die ganze Zeit betend, erschien er den Moskauer Intellektuellen von reiner Unschuld, bis eine Verkettung von Zufällen eine ganz andere Identität ans Licht brachte.

Dabei gibt es beim orthodoxen Mönchsgelübde keinen Rückweg. Ein Klosterbruder, der seinen freiwillig mit Gott geschlossenen Bund verrät, ist, so mahnt Tichon, für die Kirche wie ein Selbstmörder, seine Ehe werde nicht anerkannt, und man dürfe ihn nicht christlich bestatten.

Bischof Tichon Schewkunow: „Heilige des Alltags“. Aus dem Russischen übersetzt von Angela Repka und überarbeitet von Margarita Bityutskikh. Eos Verlag, Sankt Ottilien 2017. 559 S., br., 19,95 €.

Quelle: F.A.Z.
Kerstin Holm - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Kerstin Holm
Redakteurin im Feuilleton.
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