Tim Wu: Der Master Switch

Degradierung einer großen Utopie

Von Oliver Jungen
 - 11:19

Wenn wir Maschinen das Sprechen beibringen, so fragte die „New York Times“ kürzlich, müssen wir ihnen dann auch das Recht auf freie Rede zugestehen? Es ist kein Zufall, dass diese recht knifflige Frage von Tim Wu aufgeworfen wurde. Der an der Columbia Law School lehrende Publizist ist dafür bekannt, die neuralgischen Punkte unserer technischen Moderne aufzuspießen. Sein Opus magnum, eine hellsichtige Makrogeschichte der elektronischen Medien (in Amerika) von der Erfindung des Telefons bis zum gegenwärtigen Kampf um die Netzneutralität, ist jetzt auf Deutsch erschienen und absolut lesenswert, auch wenn der Markt der Medienhistoriographien übersättigt scheint.

Wu nähert sich seinem Gegenstand ganz von der Ökonomie her, quasi in maximaler Entfernung zur sehr deutschen Medienkulturgeschichte eines Friedrich Kittler, der Kriegführung und Tiefenpsychologie in den Vordergrund rückte. Die Überzeugungskraft der von der Netzgemeinde begeistert aufgenommenen Studie lässt sich auf drei Gründe zurückführen: Tim Wu hat erstens so gründlich recherchiert, dass er mit zahlreichen unbekannten Details verblüffen kann. Punktgenau arbeitet er jene Momente heraus, in denen offene Systeme - fast alle neuen Informationsmedien haben derart idealistisch begonnen - zu geschlossenen werden. Der exemplarischen Anekdote - zum Beispiel über den brutalen Abwehrkampf der führenden Telefongesellschaft gegen einen harmlosen Überstülp-Stimmdämpfer - räumt Wu stets den Vorrang gegenüber statistischen Überblicken ein. Damit ist schon das zweite Plus dieser Darstellung angedeutet: In bester angelsächsischer Manier kommt sie leicht und gewitzt daher, ohne leichtgewichtig zu sein. Drittens hat Wu ein Interesse: „The Master Switch“ ist ein Manifest.

Die Politik und die Medienmonopole

Der große historische Rückblick, der ein ums andere Mal belegt, wie kleine, intelligente Informationsindustrien zu Monopolkartellen heranwachsen und letztlich erfolglos weitere Gründer abwehren, dient vor allem der Unterfütterung der finalen Forderung, den Monopoltendenzen in der heutigen Internetökonomie regulierend entgegenzuwirken. Das vorgeschlagene „Separierungsprinzip“ ist an der Gewaltenteilung in der Politik orientiert. Der Autor will den Wettbewerb, dieses hehre Prinzip der kapitalistischen Wirtschaftsphilosophie, gestärkt sehen gegenüber den Auswüchsen des Kapitalismus, zumal er der Politik in dieser Hinsicht nicht vertraut. Diese arrangiere sich allzu gern mit Monopolen in der Informationsbranche, wie Wu an der Beziehung des Staates zur American Telephone & Telegraph Corporation (AT&T) belegen kann.

Was Wu vorlegt, ist zu großen Teilen so etwas wie die Biographie dieser 1885 aus der Bell Telephone Company hervorgegangenen Telefongesellschaft, die das langlebigste (und noch keineswegs überwundene) Kartell in der Informationsindustrie des zwanzigsten Jahrhunderts darstellt. Ihr erster, visionärer Vorsitzender, Theodore Vail, predigte ganz offen die Nützlichkeit von Monopolen, und tatsächlich erkannte die amerikanische Regierung im Kingsbury Commitment von 1913 diese Sonderstellung von AT&T an. Dabei hatte sich Alexander Graham Bell selbst mühsam gegen den Telegrafie-Monopolisten Western Union durchsetzen müssen.

Oligopolbildung mit eklatanten Folgen

Der Preis ist hoch. Tim Wu führt en detail vor, wie das Unternehmen, gerade auch mittels der berühmten „Bell Labs“, Innovationen gezielt und jahrelang unterdrückte, nicht nur das erwähnte Hush-A-Phone, auch Glasfaseroptik, Magnetbandspeicherung, Mobiltelefone, DSL, Faxgeräte, Aufnahmegeräte und Freisprechanlagen. Die Ausschaltung erfolgte meist durch Finanzierung der Entwicklung, um sie dann nicht anzuwenden, oder durch aufwendige Patentrechtsklagen. Bis 1984 kann das AT&T-Kartell nach Belieben agieren, und auch nach seiner Zerschlagung im Geiste des neuen Liberalismus dauert es nicht lange, bis Edward Whitacre Jr. durch geschickte Fusionen das „Bellsche System“ weitgehend wiederhergestellt hat.

Überraschend ähnlich nimmt sich in Wus Darstellung die Entwicklungsgeschichte der Film- und Hörfunkindustrie in den Vereinigten Staaten aus. In beiden Fällen stehen kurze Perioden der Offenheit langen Phasen der Dominanz einzelner Firmen oder Assoziationen gegenüber. Das frühe kommerzielle Radio Amerikas wirkt zwar im Vergleich zur staatsnahen Rundfunkentwicklung in Deutschland recht frei, doch der Autor weist nach, dass auch hier der staatlich anerkannte Monopolist, die Radiocorporation of America (RCA) - AT&T ist mit im Boot -, zentrale Entwicklungen wie die Frequenzmodulation (FM-Radio) und das Fernsehen jahrzehntelang unterdrückt hat.

Kaum weniger eklatant sind die Folgen der Oligopolbildung in Hollywood: In einem dezentralen System, wie es in den zwanziger Jahren noch möglich schien, hätte der „Production Code“, eine 1934 von katholischen Eiferern erdachte und von den Studios aus Boykottfurcht anerkannte Filmzensur, keine Chance gehabt: „In den USA bestimmen Industriezweige die Grenzen der Redefreiheit.“

Eine Epoche des neuen Analphabetismus

Die Idee einer zyklischen Wirtschaftsentwicklung zwischen Innovation und Monopol hat Wu offensichtlich Joseph Schumpeter entliehen, stellt aber zuletzt doch die von diesem angenommene Zwangsläufigkeit dieser Bewegung in Frage: Könnte die Entwicklung nicht an einen Endpunkt gelangen, und sei es durch staatliche Protektion? Und steuern wir beim Metamedium Internet nicht auf diesen Zustand zu? Zwar sei die Netzneutralität - keine Geschwindigkeitsvorteile für die Kunden finanzkräftiger Firmen - jüngst festgeschrieben worden entgegen den Vorstellungen der Kabelbetreiber (darunter natürlich AT&T), aber den Zukunftsbereich des mobilen Internets habe man auf Druck der Provider-Lobby ausgenommen. Erleben wir die letzten Jahre der großen Utopie?

Ein Endkampf scheint Wu bevorzustehen zwischen offenen und geschlossenen Systemen. Google habe sein Offenheits-Versprechen zwar noch am ehesten durchgehalten, bis hin zu Android, dem freien Betriebssystem für das mobile Internet. Aber es mehrten sich die Zeichen, dass der Gigant nach und nach die Türen schließe. Geschlossene Systeme wie Facebook sind sichtlich auf dem Vormarsch. Doch vor allem gegen Apple, den einstigen Revolutionär, richtet sich Tim Wus Anklage. Steve Jobs habe die Offenheits-Philosophie des Mitgründers und eigentlichen Genies der Firma, Steve Wozniak, verraten und sehr teuer verkauft.

Mit dieser Degradierung des Internets zum Konsumwühltisch unter totaler Apple-Kontrolle sei der kreative Amateur ausgeschaltet worden. Der intendierte Nutzer sei ein Designliebhaber und „Dauerglotzer“. Hier treffen sich Wu und Kittler also doch noch: Wir sind eingetreten in eine Epoche des neuen Analphabetismus.

Tim Wu: „Der Master Switch“. Aufstieg und Niedergang der Medienimperien. Aus dem Amerikanischen von Martina Hesse-Hujber. mitp Verlag, Frechen 2012. 430 S., br., 24,95 Euro.

Quelle: F.A.Z.
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