Uwe C. Steiner: Ohrenrausch und Götterstimmen

Was Luther, Lichtenberg und Beethoven eint

Von Martina Lenzen-Schulte
 - 15:30

Kaum beeinflussbare Ohrgeräusche hören viele nur vorübergehend, manche quälen sich damit jedoch dauerhaft, sogar bis zum Selbstmord. Tinnitus ist ein Symptom mit Krankheitswert, aber taugt er auch als Blaupause des philosophischen Selbstverständnisses? Im Wortsinn macht der Mannheimer Germanist Uwe Steiner in seinem Buch „Ohrenrausch und Götterstimmen“ den Tinnitus zum Kriterium dafür, wie sich das Subjekt im Licht - oder vielmehr im Schall - der Ohrgeräusche und dessen Pathologien etablierte. Wer vom Tinnitus spreche, spreche eigentlich vom Wirklichkeitskonzept einer Epoche.

Steiner scheut sich nicht, den französischen Arzt und Anatomen Guichard Joseph Duverney und dessen medizinische Abhandlung über das Ohr von 1683 unter die „Gründungsdokumente“ der modernen Subjektivität einzureihen und ihn in einem Atemzug mit Descartes, Rousseau und Kant zu nennen. Dass dieser Arzt das Ohrgeräusch zu einem Phänomen gemacht habe, das Wirklichkeit konstituiere, habe den Boden für die Auffassung bereitet, dass sich Wirklichkeit schlechthin durch Innerlichkeit begründen lasse. Wer so bereitwillig einem Arzt und dessen Schrift eine derartige Wirkmächtigkeit zutraut, nimmt schon für sich ein. Gemeinhin leiten Intellektuelle erkenntnistheoretische Verwerfungen zuallerletzt und nur widerwillig aus der Medizingeschichte her. Schließlich hat der Mediziner Ludwik Fleck noch immer nicht den ihm gebührenden Platz in der Geschichte der Wissenschaftstheorien inne, weithin gilt Thomas Kuhn als der geistige Vater des Paradigmenwechsels.

Der Tinnitus hat Symbolkraft

Leider wird dieser spannende Aspekt nicht „tiefenscharf“ ausgeleuchtet, um es mit einem Adjektiv zu sagen, das im Buch zur Charakterisierung von Diagnosen und Erzählungen taugt. Der Autor setzt eher auf einen Genremix. So haben neben Ärzten und ihren medizinischen Schriften vor allem berühmte Opfer der Erkrankung ihren Auftritt - etwa Luther, Bacon, Beethoven und Lichtenberg. Vor allem aber werden mehr oder weniger bekannte Literaten und deren Werke zu Zeugen für die epochemachende Bedeutung des Tinnitus. Insbesondere erschließt Steiner bei Jean Paul und Franz Kafka alle möglichen Konnotationen von Lauten und Lärm, vom Hellhören und Hineinhorchen (nämlich in sich selbst).

Erstaunt nimmt man zur Kenntnis, wie wenig man beim Lesen auf das Hörphänomen Tinnitus geachtet hat und in welcher Vielschichtigkeit der Tinnitus in der Literaturgeschichte auftaucht. Einem Helden Jonathan Franzens wird er zum Fingerzeig des nahenden Verfalls, ein Protagonist von Martin Walser wünscht ihn sich herbei, und auch Ian McEwan bedient sich seiner Symbolkraft. Von Botho Strauß über Peter Handke bis ins Werk des Filmemachers Edgar Reitz reicht die Tonspur des Tinnitus. Selbst entlegene, so konsequent wie doppelsinnig als „unerhört“ klassifizierte Romane wie die „Aprilmechanik“ des Berliner Schriftstellers Ingo Schramm kommen zu Wort.

Organ mit Zeitgeist

An mehreren Stellen leitet der Diskurs über den Tinnitus einem Paukenschlag gleich kulturhistorische Wendepunkte ein. Am wenigsten überzeugt diese Zuschreibung jedoch, wenn es um unsere lärmüberflutete Moderne geht. Dass der Begriff in einer sechsbändigen Medizingeschichte von 1986 noch nicht auftauchte und erst danach öffentlich Furore machte, heißt nämlich noch nichts. Einschlägige medizinische Dokumentationssysteme weisen nach, dass das Phänomen Tinnitus die medizinische Fachliteratur mindestens schon im vergangenen Jahrhundert erheblich beschäftigte. Der jüngste Boom von Tinnitustherapien und Tinnituskliniken, verbunden mit der kaum belegten Anzahl angeblich Erkrankter, macht Lärm noch nicht zur Chiffre unserer Zeit. Das lässt sich viel einfacher darauf zurückführen, dass es für „den“ Tinnitus keine wirksame Therapie gibt.

Dies wiederum bereitet einer Geschäftemacherei den Boden, die von Journalisten dokumentiert wurde und die ihrerseits flankiert wird von dem gut untersuchten Phänomen des „disease mongering“. Derartige Übertreibungen kennen Zeitgenossen vom Burn-out, Ältere erinnern sich an die Amalgam- und Darmpilzhypes; welches Organ der Zeitgeist wählt, ist zweitrangig. Hier zeigt sich, dass sich eben nicht nur in einem medizinischen Symptom oder in Krankheiten implizit das Wirklichkeitsverständnis einer Epoche verbergen kann. Umgekehrt erschafft dieses vielmehr seine eigenen Krankheiten und Krankheitsbegriffe.

Zu neunzig Prozent visuelle Wahrnehmung

Deshalb klingt es eher erzwungen als zwingend, wenn die Zunahme der Lärm- und Geräuschbelästigung, die es zweifelsohne gibt, mit Hilfe einer vermeintlichen Zunahme des Tinnitus zum prägenden Kulturphänomen erklärt wird. Tinnitus sei heute „nicht zuletzt eine Krankheit der Informationsverarbeitung“, lautet das Resümee des Buches, Information und Rauschen seien nur zwei Seiten derselben Medaille. Damit gesteht man jedoch dem Gehörsinn eine weit bedeutendere Funktion zu, als er sinnesphysiologisch nun einmal beim Menschen hat.

Mehr als neunzig Prozent aller Wahrnehmung des Menschen erfolgt visuell. Das Auge ist das am meisten beanspruchte Organ der fünf Sinne. Nicht umsonst geht jeder sofort zum Augenarzt, wenn das Sehvermögen auch nur leicht nachlässt. Hals-Nasen-Ohren-Ärzte und Hörgeräteakustiker beklagen hingegen notorisch, dass Schwerhörigkeit chronisch verschleppt werde. Man hört gleichsam nicht, dass man weniger hört.

Das Ausmaß der akustischen Reizüberflutung müsste sich zumindest an dem der visuellen Reizüberflutung messen lassen, bevor man Ersterem mehr Bedeutung zumisst als Letzterem. Und: Letztendlich kann selbst diese Kulturgeschichte des Tinnitus nicht auf Metaphern verzichten, die die Dominanz des Sehens bezeugen: Steiner sieht in der ohrenmedizinischen Revolution Duverneys nicht von ungefähr eine kopernikanische Wende der Philosophie angelegt. Der Begriff adelt das Hinschauen, das Weltbilder verändert.

Uwe C. Steiner: „Ohrenrausch und Götterstimmen:  Eine Kulturgeschichte des Tinnitus“. Wilhelm Fink, 278 S., br., 29,90 [Euro].

Quelle: F.A.Z.
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