Ritterschlag für Rushdie

Lord Ahmed ist entsetzt

Von Gina Thomas, London
 - 10:45

Die Beamten in Whitehall scheinen ein kurzes Gedächtnis zu haben. Jedenfalls haben sie die möglichen Folgen des Ritterschlags Salman Rushdies für seine Verdienste um die Literatur offensichtlich nicht bedacht. Zwei Vertreter des Beamtentums gehören dem Kulturgremium an, welches den für die Vergabe von Ehren und Orden zuständigen Ausschuss berät. Zu keinem Zeitpunkt haben sie das Unterkomitee unter dem Vorsitz Lord Rothschilds auf die politische Brisanz dieser Auszeichnung hingewiesen. Dem Gremium liegt eine aufgrund von Empfehlungen von verschiedenen Seiten erstellte Liste mit Namen vor, die für eine offizielle Ehrung in Frage kommen. Seine Aufgabe ist es, das Für und Wider der Vorschläge zu erwägen und dem Hauptkomitee Empfehlungen zu geben.

Als diesmal der Name Rushdie aufkam, ist dem ein oder anderen Mitglied der kleinen Runde in Hinblick auf den Aufruhr, den das Erscheinen des Romans „Die Satanischen Verse“ vor fast zwanzig Jahren in der islamischen Welt verursachte, allenfalls flüchtig durch den Kopf gegangen, dass dieser Ritterschlag Empfindlichkeiten wecken könne. Aber, wie der Mitgründer des „Independent“ Andreas Whittam Smith erklärte, sei das Kulturgremium, dem er neben dem Schriftsteller Ben Okri, der BBC-Programmdirektorin Jenny Abramsky und dem Kritiker John Gross angehört, „lediglich mit dem Verdienst im Verhältnis zum Grad der Auszeichnung“ befasst gewesen.

Rushdie-Bilder verbrannt

Whittam Smith meinte, es sei Aufgabe des Hauptkomitees, in dem auch das Außenministerium vertreten ist, andere Gesichtspunkte als die internationalem Auswirkungen in Betracht zu ziehen. Dennoch verwundert es, dass die neuerlichen Proteste von Teheran über Lahore bis nach Kuala Lumpur die Entscheidungsträger in London überrascht haben. Der britische Pen-Club hoffte sogar, dass die Ehrung als positiver Schritt in den britisch-asiatischen Beziehungen gewertet werden würde. Statt dessen sind Abbilder Rushdies und der Königin sowie britische Fahnen verbrannt worden.

Das pakistanische Parlament hat die britische Regierung aufgefordert, den Beschluß, Rushdie mit dem Ritterschlag zu ehren, wieder rückgängig zu machen und der Minister für religiöse Angelegenheiten, Sohn des ehemaligen Militärführers Zia ul-Kaq, sagte, die Auszeichnung, die viele Millionen Muslime verletze, rechtfertige Selbstmordattentate. Er forderte die islamischen Länder auf, diplomatische Beziehungen zu Großbritannien abzubrechen. Die Muslime müssten sich vereinigen, ansonsten werde sich die Situation verschlimmern und Salman Rushdie sogar einen Sitz im britischen Parlament bekommen, heizte der Minister die Stimmung an.

80.000 Pfund für die Hinrichtung

In Kuala Lumpur wünschten Demonstraten vor der britischen Vetretung Großbritannien zur Hölle und riefen: „Vernichtet Rushdie“. In Teheran, wo der Revolutionsführer Ayatollah Khomeini im Februar 1989 die Fatwa verhängte, die zum Mord Rushdies wegen angeblicher Gotteslästerung aufrief, wird Rushdies Ritterschlag als Beleidigung verurteilt. Eine Organisation lobte eine Belohnung von 80.000 Pfund aus für die Hinrichtung „des Abtrünnigen Salman Rushdie“. Es werden dieselben Schimpfparolen bemüht, die nach 1989 erklangen, als die Muslime in aller Welt zum Protest gegen Rushdies Roman mobilisiert wurden und die ganz ähnlich unlängst nach der Veröffentlichung der umstrittenen Karikaturen des Propeten Mohammed in Dänemark zu hören waren.

Auch in Großbritannien melden sich Stimmen zu Wort, die dieselben Floskeln bemühen. Der 1998 als erster Muslim ins Oberhaus beförderte Lord Ahmed erklärte sich entsetzt über Rushdies Ritterschlag. Vor zwei Wochen habe der Premierminister zur Versöhnung zwischen Großbritannien und der muslimischen Welt aufgerufen und „plötzlich wird einem Mann, der nicht nur Muslime, sondern auch Christen beleidigt hat, ein Rittertitel verliehen“. Der in Pakistan geborene und in England aufgewachsene Ahmed sagte, das Vertrauen, das in Großbritannien mühsam zwischen den Religionen aufgebaut wurde, sei beschädigt worden durch diese „provozierende Entscheidung“. Es gehe zu weit, einen Mann zu ehren, der „Blut an den Händen habe“. Ahmeds inakzeptable Äußerungen haben andere wiederum veranlasst zu fragen, was sich die Labour-Regierung mit seiner Erhebung ins Oberhaus gedacht hat.

Begeistert und demütig

Bezeichnend ist auch, dass Rushdie überall in der Welt hohe Ehrungen entgegennehmen konnte, ohne so hohe Wogen des Protests zu verursachen, wie sie jetzt zu beobachten sind. Aber ihr Echo in England ist bislang erstaunlich schwach. Schriftsteller melden sich nicht zu Wort. Der britische Pen-Vorsitzende Jonathan Heawood gesteht sein Erstaunen über das Ausmaß der Reaktionen. Sein Komitee habe sich seit langem dafür eingesetzt, dass die Regierung Rushdie als einen „Giganten der Weltliteratur“ anerkenne. Aus diesen Worten spricht der stille Vorwurf, der gelegentlich in literarischen Kreisen erhoben wird, dass der verfolgte Rushdie in Großbritannien nicht die ihm gebührende Anerkennung gefunden habe.

Aber es gibt auch andere Stimmen. Sie fragen, warum ausgerechnet Rushdie unter den zeitgenössischen Schriftstellern als Ritter auserkoren worden ist, wo es doch verdienstvollere Kandidaten gäbe. Außerdem wundern sich manche, daß der mittlerweile vorwiegend in New York lebende Rushdie, der in den „Satanischen Versen“ ein besonders unvorteilhaftes Porträt Großbritanniens gezeichnet hat, die Erhebung in den Ritterstand „begeistert und demütig“ angenommen hat. Andere hochrangige Figuren, darunter Harold Pinter, haben diese Ehre ausgeschlagen.

Auf Initiative der Schriftsteller und Publizisten Navid Kermani und Michael Kleeberg wurde am Mittwoch in Köln und Berlin ein Schreiben aufgesetzt, das die neuerlich lautgewordenen Drohungen gegen Salman Rushdie kritisiert: „Wenn Rushdie mundtot gemacht werden soll, geht das jeden Schriftsteller an, der die Menschenrechte und Literatur verteidigt und für den die Freiheit der Kunst ein nicht verhandelbares Gut ist. Deshalb verurteilen wir die Drohungen, die anlässlich der Verleihung der britischen Ritterwürde an Rushdie von offiziellen und nichtoffiziellen Stellen im Iran und in Pakistan gegen ihn lautgeworden sind.“ Unterzeichnet haben das Schriftstück bisher die Autoren und Verleger Marica Bodrozic, Martin R. Dean, Ulrike Draesner, Gerd Haffmans, Joachim Helfer, Guy Helminger, Bernd Imgrund, Björn Kuhligk, Moritz Rinke, Ingo Schulze, Ruth Schweikert, Tilman Spengler und Cécile Wajsbrot. Unterdessen wurde in Iran und Pakistan zu weiteren Protesten gegen Rushdie aufgerufen.

Quelle: F.A.Z., 22.06.2007, Nr. 142 / Seite 35
Autorenporträt / Thomas, Gina (G.T.)
Gina Thomas
Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.
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