Roman „Eins im Andern“

Mit roten Siebenmeilenstiefeln

Von Wiebke Porombka
 - 16:26
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Noch nicht einmal 130 Wörter umfasst Samuel Becketts Kurzdrama „Kommen und Gehen“, das sich mühelos in drei Minuten spielen lassen würde und an dem man doch ein Grundmuster unseres Daseins ablesen kann: Von den drei Figuren des Stückes sitzen jeweils zwei gemeinsam auf einer Bank und tauschen ein Geheimnis über die Abwesende aus (das der Zuschauer nicht hören kann). Die Dritte kehrt zurück, wechselt den Platz mit einer der beiden anderen, eine neue Zweierkombination entsteht, ein neues Geheimnis wird ausgetauscht. Die Abwesende kehrt zurück, tauscht ihren Platz - und so fort. Beckett gibt drei Frauen als Dramatis personae an, allerdings lässt sich dieses Schicksalskarussell zweifelsohne auch anders besetzen.

Die Ich-Erzählerin aus Monique Schwitters Roman „Eins im Andern“ hat „Kommen und Gehen“ vor Jahren am Salzburger Mozarteum aufführen lassen: In einer Dauerschleife wiederholt sich die Dreierchoreographie, bis auch das letzte Publikum den Saal verlassen hat und die Darstellerinnen vor Erschöpfung weinen. Allein im Zuschauerraum zurückgeblieben sind die Regisseurin, die Erzählerin also, und neben ihr ihr aktueller Freund Petrus. An ihrer anderen Seite sitzt der attraktive Schauspielschüler Jakob, ihr künftiger Freund - das ist zwar noch nicht ausgesprochen, durch den heimlichen Austausch intensiven Fußkontaktes indes abgemachte Sache.

Kommen und Gehen als Grundprinzip

Nicht nur das Geschehen im Zuschauerraum spiegelt sich in der Beckettschen Choreographie. Kommen und Gehen ist das Grundprinzip, das Schwitters Roman als Ganzem zugrunde liegt, allerdings mit durchaus subtilen Verschiebungen und Variationen. Schaut man in das Inhaltsverzeichnis von „Eins im Andern“, findet man dort eine Liste von Männernamen, dazu Zeit- und Ortsangaben. Offenbar, so könnte man annehmen, zieht hier eine Frau Anfang vierzig Bilanz, legt Zeugnis ab über die Männer, die es bisher in ihrem Leben gegeben hat, die gekommen und gegangen sind oder zu denen sie gekommen und wieder gegangen ist.

Auf diese Weise, so scheint es, versucht sie, einen geschlossenen Kreis - die Namen entsprechen jenen der zwölf Apostel - und somit stimmiges Bild entstehen zu lassen. Eine Reduktion auf dieses spielerische Moment allerdings liefe am Schwitterschen Impetus vorbei. Ihr Roman liest sich vor allem als eine Beschwörung der Kraft, um den Schmerz über Vergangenes zu bewältigen, damit eine gegenwärtige Liebe bewahrt werden kann.

Das mag pathetisch klingen, ist es bei Monique Schwitter aber auf nachgerade wundersame Weise nicht. Wie die 1972 in Zürich geborene Schriftstellerin, die bis vor ein paar Jahren als Schauspielerin und Regisseurin gearbeitet hat, schon bei ihrem Auftritt bei den Klagenfurter Tagen der deutschsprachigen Literatur unter Beweis gestellt hat, ist sie eine Erzählerin, die sich auf die fein- genauso wie die tiefsinnige Inszenierung eines Textes versteht - im besten Sinne. Zudem hat sie ein Gehör für Töne, für Klang also, genauso wie für Zwischentöne, gerade für die eigenen und die aus Versehen verrutschten, weshalb „Eins im Andern“ bei aller Ernsthaftigkeit von feiner Ironie und Komik durchzogen ist.

Auf roten Pumps durchs Leben

Den Auftakt des Romans bildet eine beinahe schon banale Szene. Die beiden Kinder und der Hund schlafen, der Ehemann sitzt im Nebenraum am eigenen Computer, und die Erzählerin googelt ihre erste große Liebe, Petrus. Sie muss feststellen, dass dieser sich bereits vier Jahre zuvor das Leben genommen hat. Ein Mensch, der sie seit Jahren nicht beschäftigt hat, wird plötzlich zum Erzählanlass. Flugs befinden wir uns in der frühen Studentenzeit der Erzählerin, in der sie halb aus Geldmangel, halb aus der selbstauferlegten Extravaganz, die man sich in einem solchen Alter zu geben pflegt, sommers wie winters auf roten Pumps durchs Leben spazierte. Von den Seehundstiefeln, die ihr bei einer Silvesterwanderung geliehen werden, verliert sie prompt einen, weil sie die zwar warmen, aber etwas zu kleinen Stiefel irgendwann einfach auszieht und auf Strümpfen weiter durch den Schnee läuft, bis ihre Füße kalt wie Eisklumpen sind.

Nach Petrus kam bekanntlich Jakob, ein kurzes Intermezzo gab noch Andreas, der Bruder von Petrus. So weit, so gut die Liebhaber-Rekapitulation von Schwitter, deren Niederschreibeprozess immerzu miterzählt wird. Eine erste Irritation streut Schwitter nach knapp fünfzig Seiten ein: „Wie auch immer ich erzähle, was auch immer ich erzähle. Mein Mann sollte Letzter sein.“ Kurz darauf heißt es: „Zwölf . . . Ich denke nach und überschlage kurz. Wenn ich Kurs halte und chronologisch fortfahre, ist mein Mann voraussichtlich gerade einmal Nummer fünf. Aber kann es denn nicht sein, dass sich unterwegs, beim Schreiben, eine Lösung findet?“

Die Erzählerin muss improvisieren, noch ein paar Männer hinzuerfinden oder kurze Affären zu Liebhabern deklarieren, wenn sie ihren Ehemann zu jenem schicksalsträchtigen Zwölften werden lassen möchte, der das Bild der Apostel komplettiert.

Persönliche Katastrophen

Beschwörungen erfolgen naturgemäß in jenen Momenten, in denen der Bruch beinahe schon unvermeidbar scheint. Bei Monique Schwitter wird dieser Riss in dem Augenblick offenbar, als sie die Erzählerin das erste Kapitel des Romans, jenes über Petrus und den Verlust der Seehundstiefel, als Schriftstellerin auf einer öffentlichen Lesung vortragen lässt. Dabei nimmt diese kaum wahr, was sie da liest, sondern hat immer nur die Katastrophe vor Augen, die ihrem Leben von einer Minute auf die andere den Boden zu entreißen droht: Gerade hat sie erfahren, dass ihr Mann, jener Mann, der so unbedingt der Letzte sein soll in der Reihe der Männer, die Familie an den Rand des Ruins oder schon darüber hinaus getrieben hat, weil er durch seine heimliche Spielsucht Schulden in Höhe eines mittleren Jahreseinkommens gemacht hat.

Eins im Andern, das meint natürlich auch: Mise en abyme. In das Schreiben über ihr Liebesleben bricht nicht nur das reale Leben der Erzählerin ein. Bereits ein kurzer Blick auf die Lebensstationen von Monique Schwitter lässt erahnen, dass auch sehr viel Autorin in der Figur der Erzählerin steckt. Wie viel, ist jedoch unbedeutend.

Überhaupt bleibt der Reiz des voyeuristischen Blickes vollends nebensächlich bei diesem Roman. Wesentlich ist, wie die Erzählerin und mit ihr Schwitter das Verhältnis von Leben und Schreiben umdreht. Nicht mehr das Leben geht dem Schreiben voraus, sondern umgekehrt. Die erzählerische Imagination wird zum Versuch, das ruinierte Dasein zu retten. Und vielleicht wird das Vermögen zu schreiben in jenen Monaten, in denen die Erzählerin sich mit wütenden Schuldnern konfrontiert und die Sparbücher der beiden noch nicht einmal schulpflichtigen Söhne geräubert sieht, zum einzig verbleibenden Motor, diese Existenz zumindest notdürftig am Laufen zu halten.

Offengelegte Wunden haben etwas Tröstendes

Dafür sucht die Erzählerin für einige Zeit die räumliche Distanz zu ihrer Familie, nicht nur zu ihrem Mann, auch zu den Kindern. Einem spontanen Impuls folgend, fährt sie von Hamburg aus ins heimatliche Zürich. Und hier - während der kleine Sohn immerzu „Kommst du?“ ins Telefon ruft, ungeduldig vom Größeren verbessert: „Wann, wann kommst du, heißt das“ - entblättert Schwitter noch den letzten, vielleicht entscheidenden Verlust im Leben ihrer Erzählerin: Ihr zwei Jahre jüngerer Bruder ist gestorben, als sie gerade mit Petrus liiert gewesen ist, vor mehr also zwanzig Jahren also. Nicht friedlich eingeschlafen, sondern qualvoll und voll wütender Verzweiflung. Ihr jüngster Sohn nun, von dem die Ärzte nach verschiedenen Komplikationen sagten, dass dieses Kind unbedingt zu Welt habe kommen wollen, hat die Augen dieses Bruders. Auch da steckt der eine im anderen.

Und so bekommt Schwitters Roman etwas Tröstendes gerade dort, wo die Erzählerin ihre tiefste Wunde offenbart. Auf das Gehen folgt das Kommen. Aber dieser Roman, der so manchen lustvollen Haken schlägt, endet nicht, ohne dass das sichergeglaubte Prinzip des Gehens in sein Gegenteil verkehrt wird. Die Erzählerin, nun in robusten Stiefeln anstelle von roten Riemenpumps, bekundet, sie habe Gehen gelernt. Aber ihr Gehen ist kein Fortgehen, sondern ein Bleiben bei jenem Mann, der so unbedingt der letzte hat sein sollen. Auch wenn sie dafür einiges hat erfinden müssen.

Monique Schwitter: „Eins im Andern“. Roman. Droschl Verlag, Graz/Wien 2015. 232 S., geb., 19,- €.

Quelle: F.A.Z.
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