Roman über das Helfersyndrom

Ich hatte nichts zu verlieren

Von Julia Encke
 - 21:51

Eine Wohnung in Berlin-Wedding. Draußen regnet es in Strömen, drinnen sitzt die Schriftstellerin Katja Lange-Müller, die in der Nacht zuvor von einer Reise aus dem Tessin zurückgekehrt ist. „Drehtür“ heißt ihr neuer Roman, der, in schönen lakonischen Sätzen und beeindruckend präzisen Beobachtungen, von Asta Arnold erzählt, einer 65-jährigen Krankenschwester. 22 Jahre lang hat sie im Dienst internationaler Hilfsorganisationen gearbeitet, fühlte sich zum Helfen berufen. Dann häuften sich Fehler, die sie nicht wahrhaben wollte, bis die Kollegen ihr ein One-Way-Ticket zurück nach Deutschland schenkten. Jetzt steht sie vor der Drehtür am Flughafen und weiß sich selbst nicht zu helfen. Warum und aus welchen Beweggründen helfen wir?, fragt Katja Lange-Müller. Und wann sollten wir es besser lassen?

Frau Lange-Müller, ist Ihr Roman ein Buch über das Helfersyndrom?

Jeder Mensch kennt das, Sie wahrscheinlich auch. Man hat von Zeit zu Zeit Träume, dass man irgendwo aufgehört hat und vergessen zu kündigen, oder nicht weiß, ob man wirklich aufgehört hat. Und ich hatte so einen Traum, in dem ich ständig dachte, eigentlich musst du jetzt zum Spätdienst, aber die U-Bahn kommt nicht. Und irgendwann saß ich dann senkrecht in meinem Bett und dachte, was wäre eigentlich aus dir geworden, wenn du weiter im Krankenhaus gearbeitet hättest? Das war die Initialidee für das Buch.

Sie haben mit Anfang zwanzig als Hilfsschwester in der geschlossenen Psychiatrie gearbeitet.

Ich hatte in der DDR ja Schriftsetzerin gelernt, den Beruf gab es nicht mehr, und danach wusste ich nicht, was ich machen sollte. Es klappte nicht mit der Umschulung bei mir. Ich war Linotype-Setzerin, und das macht mir noch immer Probleme. Auf der Linotype-Tastatur sind die Buchstaben so angeordnet wie im Setzkasten, aber am Computer sind sie wie auf der Schreibmaschine. Ich konnte also blind mit zehn Fingern auf der Linotype schreiben, doch auf dem Laptop komme ich bis heute durcheinander. Irgendwann habe ich mir gesagt: Setzer ist sowieso blöd. Die Setzer waren ja nicht nur, wie Hegel sagt, die plebejischen Schultern der Aufklärung. Sie waren auch die Multiplikatoren jedweder Ideologie. Wenn du setzt, spukt dir der Inhalt lange im Kopf herum. Du musst ja lesen, was du setzt.

Das ist dann wie eine Infiltration.

Genau. Wir hatten einen Maschinensetzer, der war ein bisschen hypochondrisch, wie viele Männer, und der setzte auf der Linotype immer so ein Ärzteblatt. „Die Diagnose“ hieß das. Wenn er damit fertig war, hatte er jedes Mal sämtliche Symptome, die in den Artikeln beschrieben worden waren. Einmal ging er fröhlich pfeifend nach Hause. Da hatte er ein Heft gesetzt, in dem es nur um Geburtsschwierigkeiten gegangen war.

Wieso sind Sie Krankenschwester geworden?

Eigentlich verantwortlich dafür war die Literatur. Damals waren so Bücher en vogue, Heinar Kipphardt „März, ein Künstlerleben“ oder Maria Erlenberger „Der Hunger nach Wahnsinn“. Und ich hatte gerade einen Freund, der Abiturverbot hatte wie ich. Er arbeitete auf der Männerpsychiatrie und sagte: „Komm doch in die Klink, das ist interessant.“

Ihr Roman ist ein Erinnerungsroman und eine Reflexion über das Helfen. Asta steht am Münchner Flughafen, guckt sich die Leute an, und einige von ihnen erinnern sie an Menschen, die sie gekannt hat. Immer neue Geschichten drängen sich ihr auf.

Jede Geschichte erzählt vom Helfen. Ich habe viel über das Helfen nachgedacht als letzte Domäne des unreflektiert Guten. Gut ist ja nicht einfach gut. Das hatte ich schon bei meinem Roman „Böse Schafe“: die guten Guten, die bösen Bösen, die bösen Guten und die guten Bösen. Die guten Bösen sind wahrscheinlich die Variante, die die Menschheit am weitesten bringt. Aber es geht mir noch um etwas anderes.

Nämlich?

Asta erinnert sich an und um ihr Leben. Ich habe, als ich an dem Buch schrieb, eine Ausgabe von „Tausendundeiner Nacht“ gefunden. Und da dachte ich: Das ist es! Das Ums-Leben-Erzählen der Scheherazade. Daran habe ich mit der Asta-Figur, die aus ihrem Leben gefallen ist, angeknüpft.

Sie haben dem Roman ein Motto vorangestellt, mit dem gleich klar ist: Beim Helfen kann viel schiefgehen.

Ich wollte ein Motto, ich will immer ein Motto und habe diesmal unheimlich lange gesucht. Es hätte noch ein anderes gegeben, das ich dann aber ein bisschen zu läppisch fand: „Lass dir aus dem Wasser helfen, sonst wirst du noch ertrinken, sagte der freundliche Affe und setzte den Fisch in einen Baum.“

Sehr lustig. Sie haben sich aber für Nietzsche entschieden: „Es scheint mir, dass ein Mensch, bei dem allerbesten Willen, unsäglich viel Unheil anstiften kann, wenn er unbescheiden genug ist, denen nützen zu wollen, deren Geist und Wille ihm verborgen ist.“ Es geht um die Anmaßung, die mit dem Helfen verbunden ist.

Der Helfende ist immer in der überlegenen Situation. Das macht den, der Hilfe braucht, klein. Es entsteht sofort eine Hierarchie.

„Helfen ist geil und macht geil: machtgeil“, heißt es an einer Stelle.

Manche Helfende sind sich dessen nicht bewusst, andere schon. Am häufigsten ist wahrscheinlich der Typus des Helfenden mit dem Helfersyndrom.

Gibt es davon so viele?

Wenn die von heute auf morgen alle genesen wären von ihrem Helfersyndrom, dann gute Nacht. Das sind Menschen, die selber eine komplizierte Sozialisation hatten, eine komplizierte Kindheit, und die sich, wenn sie jemanden sehen, dem es dreckig geht, sofort mit ihrem Helfer-Kaffeewärmer auf ihn stürzen, schon um sich mit den eigenen unangenehmen Problemen nicht beschäftigen zu müssen. Wer sich ein Helfersyndrom leisten kann, ist in einer noch vergleichsweise komfortablen Situation. Bis die Kraft nachlässt. Wenn solche Helfer selber hilfebedürftig werden, ist es ganz aus. Dann lassen sie keinen an sich ran.

Sie haben in Frankfurt in Ihrer Poetikvorlesung von dem Moment erzählt, in dem Sie im Dezember 1974, da waren Sie 23 Jahre alt, angefangen haben zu schreiben. Das war, als Sie Hilfsschwester waren.

Ich habe auf einer geropsychiatrischen Station gearbeitet, Gerontopsychiatrie sagt man jetzt. Die befand sich im dritten Stock. Die Patienten der geschlossenen Stationen in der Charité waren am Arsch, denn dauernd gab es irgendwelche Staatsbesuche, die Mauer war in der Nähe. Und so durften die nie raus, weil sie in ihrer Unberechenbarkeit ins Sperrgebiet laufen und erschossen werden konnten, was einmal sogar vorkam. Monate- oft jahrelang blieben sie auf der Station, viele bis zum Ende. In der Dezembernacht 1974 war mir zum ersten Mal jemand gestorben. Ich wusste überhaupt nicht, was zu tun war, bis ich eine abgeheftete Anweisung fand. Ich hatte einen Block Nachtwachen hinter mir, also zehn Wachen am Stück, habe mich nach dem Dienst in eine Kneipe namens „Wein ABC“ gesetzt, die Tag und Nacht offen hatte, und angefangen zu schreiben.

Die Erzählung, die entstand, hat Heiner Müller dann für eine Anthologie im Verlag der Autoren empfohlen.

Wolfgang Müller, mit dem ich verheiratet war, das war der Bruder von Heiner, hat in meinen Sachen gewühlt und das Manuskript gefunden. Wahrscheinlich wollte er vor Heiner mit seiner neuen Freundin angeben. Wolfgang und ich haben uns nicht besonders gut verstanden. Wir hatten nur geheiratet, um uns dann wieder scheiden lassen zu können. Dann konnten wir die Zweizimmerwohnung in zwei Einzimmerwohnungen tauschen. So machte man das im Osten.

War Wolfgang Müller auch Schriftsteller?

Er hat geschrieben, ja, aber eigentlich war er Niederdruckkesselwärter, also Heizer. Darüber hat er auch geschrieben. Das Buch hieß „Flußgeschichten“, über den letzten Radschleppdampfer, der die Elbe rauf- und runterfuhr. Auf dem hat er auch gearbeitet.

Es klappte dann mit Ihrer Veröffentlichung im Westen.

Es erschien in einer Anthologie, für die subversive Geschichten aus dem Osten gesucht wurden. Immer ging es ja um möglichst dissidentischen Kram.

In Ihrer Vorlesung kommentierten Sie: „Von nun an ging’s bergab.“

Oder mit der Dissidentenkarriere bergauf, je nachdem. Das ist ein Zitat von Hildegard Knef. Ich hatte nichts zu verlieren. Ich war Hilfspflegerin in der Psychiatrie, weiter runter ging’s ja nicht. Mir war relativ egal, was passierte. Für Kunst ist es eine sehr gute Voraussetzung, wenn man nichts zu verlieren hat.

Dieser Artikel ist aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung
Dieser Artikel ist aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung

Wenn Sie mehr davon lesen wollen, testen Sie die F.A.S. doch einfach als digitale Zeitung. Wie es geht, erfahren Sie hier ...

Mehr erfahren

Im Roman gibt es eine Figur, die Schriftstellerin ist, Tamara Schröder. Sie hat aufgehört, Romane zu schreiben, und ist als Krankenschwester zurück in der Klinik.

Sie geht wieder in ihren Beruf zurück, weil ihr nichts mehr eingefallen ist. Weil alles, was sie ihrer Meinung nach erzählen konnte, mit dem einen Buch, das sie geschrieben hat, gesagt war. Das ist ja das, wovor jeder Autor Angst hat.

Kennen Sie den Gedanken: Aufhören? Etwas anderes machen als Schreiben?

Den Gedanken hatte ich eigentlich immer. Jetzt bin ich ein bisschen zu alt dafür. Aber ich schreib’ wirklich nicht besonders gerne.

Sie schreiben nicht gerne?

Nee. Ich bin so pingelig und penibel. Ich häkle ja. Wenn der Satz davor nicht stimmt, kann ich den nächsten nicht schreiben, deshalb dauert das bei mir auch so lange. Als ich in Rom war, gab es dort eine bildende Künstlerin, die sich auf Löcher spezialisiert hatte. Sie gestaltete mühelos 25 Löcher pro Tag und war sehr erfolgreich mit ihren seltsamen Löchern. Ich dachte, meine Güte, du hast noch kein einziges Loch geschafft in der ganzen Zeit, und die macht jeden Tag 25. Ich fand das ungerecht.

Wie lange haben Sie an diesem Buch gearbeitet?

Fünf Jahre. Es ist ja nicht so, dass man als Schriftstellerin nach Rom geht, und es passiert nichts mit einem. Man schüttelt sich nicht wie ein nasser Hund, setzt sich hin und macht einfach weiter mit dem Schreiben. Erst recht nicht in der Türkei, wo ich danach zu Gast war, in der Villa Tarabya. Da kam ich zunächst überhaupt nicht mehr zum Schreiben. Es war so viel los, so viele Flashbacks und Déjà-vus für jemanden, der aus dem Osten kommt. Ich war zehn Monate in Istanbul, und man konnte keinen Tag durch Istanbul gehen, ohne dass irgendwas geschah. Frauen hielten Fotos von ihren verschwundenen Kindern hoch, und innerhalb von drei Minuten kam die Polizei. Die war überhaupt immer da, in jeder Nebenstraße. Was jetzt in der Türkei passiert, erstaunt mich nach meinen Beobachtungen nicht.

Wann sind Sie aus der Türkei zurückgekommen?

Ende Mai 2014. Da wusste ich, dass ich jetzt hintereinanderweg schreiben musste. Das sind dann Monate, in denen du wirklich asozial wirst. Man geht einmal die Woche runter und kauft ein, holt einen Kasten Mineralwasser und kommt ansonsten nicht aus dem Bademantel heraus. Man vernachlässigt auch persönliche Beziehungen. Ich bin sowieso ein bisschen bindungsschwach. Das teile ich mit meiner Asta, das haben viele Leute in helfenden Berufen. Ich weiß nicht, warum es so ist. Alles weiß ich ja nun nicht. Ich stelle in den Texten immer viel mehr Fragen, als ich Antworten geben kann.

Katja Lange Müller: „Drehtür“. Roman. Verlag Kiepenheuer & Witsch, 224 Seiten, 19 Euro

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Encke, Julia
Julia Encke
Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Twitter
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenHeiner MüllerItalien-Reisen