Ingo Schulze

Türmer in der Wendezeit

Von Wolfgang Schneider
 - 14:38

Sieben Jahre ist es her, daß die „Simple Storys“ erschienen und sogleich zu einem Klassiker der Gegenwartsliteratur avancierten. Auf dem Autor Ingo Schulze lastete fortan sehr viel Hoffnung. Aber nicht einmal ein paar Erzählungen oder eine Novelle legte er vor, um den Erwartungshunger zu besänftigen.

Man hörte, er sei als Repräsentant der neuesten deutschen Literatur viel unterwegs im Auftrag des Goethe-Instituts. Je länger sein Schweigen dauerte, desto mehr drängte sich der Gedanke an eine Schreibkrise auf.

Von Schreibblockade keine Spur

Nun ist er endlich angekündigt, der neue Schulze. Am Wochenende hat der Autor im Berliner Literaturhaus aus dem im Oktober erscheinenden Roman gelesen. „Neue Leben. Die Jugend Enrico Türmers in Briefen und Prosa. Herausgegeben, kommentiert und mit einem Vorwort versehen von Ingo Schulze“ lautet der Titel.

Und zeitgemäß ist das Werk zumindest, was seinen Umfang betrifft. Sechshundertseiter sind unter jungen Epikern ja fast schon selbstverständlich. Ingo Schulze will sein Werk bis zum August noch kürzen, damit es am Ende nicht mehr als achthundert Seiten hat. Keine Rede also von Schreibblockade.

Briefroman zur Zeit der Wende

In „Simple Storys“ hatte sich Schulze aktueller amerikanischer Muster bedient, der erzählerischen Lakonie des damals gerade in Deutschland wiederentdeckten Raymond Carver und der filmischen „Short Cuts“- Technik Robert Altmans. Nun greift er auf ein in Zeiten der Elektropost provozierend antiquiertes Genre zurück: den Briefroman.

Wie in seinem Debüt aus dem Jahr 1995, „Dreiunddreißig Augenblicke des Glücks“, bedient er sich wieder der Figur eines fiktiven Herausgebers. Eine Handvoll Menschen wechselt Briefe, im ersten Halbjahr 1990. Ein historischer Roman der Wende also. Der im Zentrum stehende Enrico Türmer, dessen Ost-Jugend in den siebziger und achtziger Jahren knapp die Hälfte des Buches ausmacht, nimmt Abschied von seinen langgehegten Schriftstellerträumen und wird Geschäftsführer bei einer Zeitung.

Historisches in behäbigem Erzählton

Eine der Szenen, die Schulze in Berlin vorlas, ist im Leipzig der Montagsdemonstrationen des Jahres 1989 angesiedelt. Zögernd schließt sich Enrico Türmer den Protestmarschierern an. Deutlich wird die zitternde Kühnheit, die dort und damals zu einer Sache gehörte, die im Westen längst zum langweiligen Ritual verkommen war. „Wer im Sozialismus auf die Straße geht, demonstriert gegen sich selbst“ lautete eine Devise des Arbeiterstaats, gegen die erst einmal Mut und Tritt gefaßt werden mußte.

„Stasi raus!“ skandiert in Schulzes Roman ein Mann mit zaghafter Stimme. „Ich gestehe, mir war das etwas peinlich“, meint Enrico. Schon glaubt er, das Stiefelgetrappel der Polizei hinter sich zu hören - aber es war „nur eine Schar Tauben, die vom Dach aufflog“. Auffallend ist ein eher behäbiger Erzählton: „Dabei war ich überzeugt, Historisches zu erleben.“

Dialogfreie Seelenkunde

Die „Simple Storys“ boten Ausschnitte aus der Plattenbau-Welt, Genrebilder des verstörten Ostens, Post-Wende-Depression. „Neue Leben“ ist jedoch keineswegs auf Desillusionierung gestimmt. Schließlich, so der Autor in der Diskussion, waren die Monate nach dem Mauerfall eine Zeit, in der man „noch träumen“ konnte. Lange habe er gebraucht, bis er die überzeugende Form für seinen Stoff gefunden habe.

Literarhistorisch betrachtet, war der weitgehend dialogfreie, zur Introspektion und zum Sentiment neigende Briefroman ein Medium der Seelenkunde. Psychologie ist bisher allerdings kaum als Stärke Schulzes zu erkennen gewesen - gerade darin fiel er hinter sein Vorbild Carver zurück, der zwar wortkarg erzählt, in Gesten, Bewegungen, Dialogen jedoch ein so punktgenauer Beobachter und Menschenkenner ist, daß sich alles weitere Psychologisieren erübrigt.

Ob Erfolg Bücherherbst zeigen

Wie viele der mehr als dreißig Figuren der „Simple Storys“ hat man dagegen nach sieben Jahren noch vor Augen? Eins ist gewiß: Ein Roman im Tolstoiformat wird ohne tragfähigeres Personal nicht auskommen. Anders als Thomas Brussig bietet Schulze keine nachgetragene DDR-Comedy. Leise dringt er in die Tiefe der ostdeutschen Jahre.

Die Technik der Fußnoten-Kommentierung der Briefe wirkt zwar wie eine ironische, postmoderne Konstruktion. Aber für den Autor hat sie nicht nur artistische Reize, sondern scheint vor allem das Mittel, erzählerischen Sicherheitsabstand zu seinem Helden zu gewinnen. So gelassen und unprätentiös Ingo Schulze in der Diskussion auftrat, so wenig spektakulär wirkte das, was er vortrug.

Nun ist abzuwarten, ob die liebevolle Kleinmalerei seines Erzählens tatsächlich von großem Atem getragen ist. Wie dieser höchst formbewußte Autor dem guten, alten Briefroman neues Leben einhaucht - das wird zu den spannendsten Fragen des Bücherherbstes gehören.

Quelle: F.A.Z., 26.04.2005, Nr. 96 / Seite 35
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